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Die Wahrheit · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lette 4. - Tie aber gewaltig übel, sobald sie aus solchen.gemeinsamen Steuergelderu auch die Forderung jüdischer Zwecke heischen In dieser Richtung liefert die relativ judeureiche Stadt Wien wahre Schulbeispiele. Obgleich die Wiener Inden ver- HLlnismäßig die ausgiebigsten Steuerzahler sind, verwehrt ihnen . die .Stadt und die nied.-österr. Landesverwaltung seit vielen Jahren Anstellungen im städtischen und Landesdienste. Das berüchtigte Wort Dr. Luegers „Für Juden sind wir nicht zu haben" behauptet-auch jetzt noch seine volle praktische Bedeutung. Trotz gegenteiliger gesetzlicher Bestimmungen (§| 32, 48 d. R.-B.-G., § 112 d. Des.-Sch. und U.-O.) wird sowohl die Aufnahme jüdischer Zöglinge in öffentlichen Lehrerbildungsanstalten, wie auch die Anstellung jüdischer Lehrkräfte in den öffentlichen Volks¬ und Bürgerschulen Wiens und Nieder-Oesterreich eingestellt, obgleich sich in Wien mehrere Schulsprengel mit jüdischen Schülermajoritäten vorffuden. Falls die Autonomie der einzelnen Nationen überall durchdränge und die Inden die Energie aufbrächten, sich alß eigene Nation zu bekennen, dann wären sie sicherlich durch ihre Steuergelder weit mehr als gegenwärtig in der Lage, spezifisch jüdische Kulturzwecke zu fördern. Es gibt in Oesterreich Natiönchen, die den Inden sowohl an Zahl als auch an wirtschaftlicher Bedeutung weit nachstehen, aber dank ihrer dokumentierten nationalen Wahrhaftigkeit sowohl von der Regierung als auch von den herrschenden Nationen weit mehr respektiert werden. Die Juden, fürchte ich, stecken aber noch tief in den unwürdigen Maximen des „Golns". Sie sind zu friedliebend und lassen sich von ihren Feinden alles gefallen. Trotzdem z. B. die Juden in Wien und Nieder-Oesterreich (§§9 und 10 des nied.- österr. L.-G. v. 25. 12. 1904, Nr. 97. § 26 b, 27 b, 28 c, 44 e desselben nieder-österr. L.-G.) in allen Schulbehörden vertreten sein muffen, haben diese Vertreter die vollständige Katholisierung der Volks- und Bürgerschulen nicht abgewendet, so daß nur katholische Feiertage als Ferialtage gelten und die so wichtigen Lehrbücher von spezifisch katholischen Lesestücken strotzen. Wenn sie sich als „Religionsgenossenschaft" alle ungesetzlichen Hintansetzungen ruhig gefallen lassen, dann würden sie wahrscheinlich auch als „Nation" nicht tapferer handeln. Vielleicht würde auch im angeregten Belange mehr geschehen, wenn solche Männer an der Spitze ständen, die Verständnis und Mitgefühl genug für solche arme, unschuldig boykottierte Glaubensgenossen besäßen. Wo bleiben aber die jüdischen Kindeseltern? Kennen sie die g e s e tz l i ch e n Schulznstände und deren Mißachtung nicht? Warum suchen sie sich im Interesse ihrer Kinder nicht zu informieren? Warum stehen sie dem Schnljammer tatenlos gegenüber? R. L. Die Indrnfrage in Rumänien. Die konservative Presse in Deutschland, die freilich schon seit geraumer Zeit mit Vorliebe in die Niederungen des Naff'en- und Gassenantisemitismus hinabsteigt, spendet dem illoyalen Verhalten der rumänischen Regierung gegen ihre jüdischen „Untertanen" den wärmsten Beifall. Das offensichtliche Zuwiderhandelu gegen international festgelegte völkerrechtliche Verpflichtungen, die Umkehrung der Verfassung durch die Verwaltung wiegt für diese Presse, die sich sonst immer als die Hüterin der Autorität und Legitimität aufspielt, federleicht, wenn es gilt, die verhaßten „Fremdlinge" um ihre staatsbürgerlichen Rechte zu prellen. Die abgeschmacktesten Vorwürfe werden gegen die rumänischen Inden erhoben, um sie als unwürdig der vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung hinznstellen. Man schreckt sogar vordem niedrigen Kampfmittel nicht zurück, den König von Rnmänien selber als Zeugen für die „Staatsgefährlichkeit" und sittliche Minderwertigkeit der rumänischen Inden zu zitjeren, indem man mehr als vierzig Jahre zurückliegende Aeüßerungen aus dem Anfänge seiner Regierungszeit ansgräbt. Nun König Carol denkt heute über seine jüdischen Untertanen erheblich anders als damals. Es sei nur daran erinnert, daß er vor drei Jahren Wahrheit. . Nr 37, einer Deputation rumänischer Juden gegenüber sich in Worten höchsten Lobes über die patriotische Haltung der eingeborenen Juden aussprach. Diese staatstreue und patriotische Gesinnung haben-die Inden in noch weit höherem Grade bei den jetzigen Kriegswirren bekundet, indem sie zu Tausenden als Freiwillige zu den Fahnen eilten. Die immer wiederkehrendeu Behauptungen, daß der rumänische Jude die rumänische Landbevölkerung aüswnchere, sind entweder maßlos übertrieben oder entbehren überhaupt jeglicher Grundlage. Was den jüdischen Wucher.anbelangl, so hat der Vizepräsident der rumänischen Kammer, Subdirektor des „Creditnl Rural" und hervorragendes Mitglied der liberalen Regierungspartei, Herr D. Protopopescu, im Jahre 1904 eine Reihe von Aufsätzen in dem liberalen Blatt „Vointza Nationalä" über den Wucher ans dem Lande veröffentlicht; er hat es für seine Pflicht gehalten, festzustellen, daß die Wucherer die bis 500 Prozent den Bauern abnehmen, dort, wo er seine Feststellungen gemacht hat, Christen sind, manche sogar sehr fromme Christen, die nie versäumen, in die Kirche zu gehen, die Heiligenbilder zu schmücken, sich durch Stiftungen für Kirchenzwecke Heil zu erkaufen. Nie hat dort ein Jude gewohnt, nie hat ein Jude den Boden jener Dörfer betreten. Man hat sogar den Inden verübelt, daß sie — Handwerker sind. Ein reichsdeutsches antisemitisches Blatt hat vor Jahren einen besonders „eklatanten" Fall der „Monopolisierung bürgerlicher Berufszweige durch die Juden herausgegriffen: Als die antisemitische Stadtverwaltung von Galatz ihr neues Theater decken lassen wollte, fand sie nicht einen christlichen Dachdecker, obwohl auf das eifrigste gesucht wurde, so daß das Theater sechs Monate ohne Dach blieb. Der Entwicklung eines nationalen Mittelstandes biete — so folgerte das antisemitische Blatt — dieses Ueberwuchern des Judentums das größte Hindernis. Tatsächlich sind durch eine Reihe raffiniert ausgeklügelter Gesetze, die mit dem Jahre 1885 begannen und seitdem systematisch fortgesetzt wurden, den Inden fast alle Erwerbsmöglichkeiten in Handel, Industrie und Gewerbe entweder fast ganz unterbunden oder erheblich beschränkt. Die rumänische Regierung macht förmlich Jagd ans die Juden, um ihnen die Existenzmöglichkeiten abzuschneiden. Bald hetzt man die städtische, bald die ländliche Bevölkerung ans sie. Ja, man hat sogar eine Rechtssphäre mittelalterlicher Natur gegen die Inden geschaffen. Als Kauflente und Handwerker sind sie in wichtigen Funktionen minderen Rechtes. Die öffentlichen Schulen sind ihnen entweder durch gesetzliche Bestimmungen oder durch traditionelles Herkommen verschlossen. Ans diese Weise wird planmäßig die Kluft zwischen ihnen und den christlichen Rumänen immer mehr erweitert. Den Judenhaß hat Rnmänien offiziell großgezogen. Gesetz und Verwaltung haben die Inden vogelfrei gemacht. Die Batternunruheu im Jahre 1907 standen ebenfalls in enger Verbindung mit dem Antisemitismus. Man hatte dem Bauern oft genug gesagt, daß der Jude ihn ausplündere — der arme Jude, der meist selbst ausgeplündert wird und nichts zu beißen und nichts zu brechen hat — und daß der Ausplünderer vogelfrei sei. 'So stürzte sich der Bauer freilich wieder einmal auf den Inden: aber er fand, daß der Bojare ihn doch vor allem in der furchtbarsten Misere hinsiechen lasse. Und so stürzte er sich auf den Großgrundbesitzer, und das nahm man übel, und der Bauer wurde nunmehr mit Kartätschen und Flintenkugeln empfangen. Uebrigens steht die rumänische Intelligenz — im Gegensatz zu den nuferen Junkern vergleichbaren Bojaren — den Juden erheblich freundlicher gegenüber. Der Professor der Nationalökonomie an der Jassyer Universität, Torgn Radu, hat sich im Jahre 1904 gegenüber einem antisemitischen Kollegen folgendermaßen geäußert: ' „Es gibt viele Nationalökonomen, die mit anscheinend triftigen Gründen behaupten, daß die Juden sich nicht assimilieren können. Meine Ueberzengung ist, daß die Inden bei guter Behandlung sich leicht assimilieren, daß sie aber ihre Reihen schließen und sich einer Assimilation widersetzen, wenn 1 man ihnen Hindernisse in den-Weg legt.. Diesbezüglich bilden

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