Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 37 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063711--08674-3075861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion und Siduunistratiou: Wien, 11 , Nvvaragasie 27 Telephon: Nedaktion 5509/1V. Ldminisrraiion 498811. Anabhängige Hertfchrift für Mische ®*i*ntiuvyvet*: Ganzjährig.»I*.— Halbiiibrig. K 7.— 1k. k.' üsterr. Noslsvarkaffa- S-Vkct-Nonlo Nr. 100.918. Inserate: Interessen. Fiir SFnitiivbfiniittr: <Muu)iiit)ri|| ..... K In - Dir viermal geivaltene ,7Ionvareilir-Zciie 25 Heller. Erscheint jeden Are i tilg. tV»\r Ausland: Abonnement«- und Insertion«, betröge sind in Wien zabloar und klagbar. Motto: „Das Siegel (-Jettes i«t Wahrheit.!“ tMiiinliinriu.« Mark 1 t> Nu»-»! oder hl ftrcs. Mr. B1?. Wie». 19. September I9IB. Inhalt: Aufnif. — Die nationale Selbstverwaltung und die Inden. — Die Jndensrage in Rumänien. — Das fünfzigjährige Jubiläum der Emanzipation der Inden in der Schweiz. — Der Kapporath-Minhag. — „Einheit". — Aus der Zeit des Zunftzwanges. — Die Macht der Gattin des Präsidenten. — Verschiedene Nachrichten. — Wiesbadener Synagogen-Gesänge. — Oesterr.-ungar. Kantor-»-Verein. Aufruf zur Gründung eines Asyls für jüdische Obdachlose. Die letzte kaum überstandene krisenhafte Epoche hat auch diesmal die Mittellosen am härtesten getroffen. Die allgemeine Verelendung hat in dieser beklagenswerten Schichte unserer Mitbürger geradezu unheimlichen Fortschritt gemacht. Hunderte von mühselig erhaltenen, ohnedies kümmerlichen Existenzen sind völlig dem Ruine verfallen. Die Zahl der Obdachlosen hat geradezu eine erschreckende Vermehrung erfahren. — In solchen Situationen ist gebieterische Pflicht der Gesellschaft, helfend einzugreifen. Eine vorläufig noch kleine Gesellschaft von jüdischen Männern und Frauen hat die Idee aufgegrifien, in Anbetracht des nahenden Winters ein Obdachlosen-Heim für Inden zn gründen. Viel ist bereits in Tagesblättern und Zeitschriften über das Elend der Obdachlosen geschrieben worden, doch nur die eigene Wahrnehmung dieses namenlosen Jammers kann das Grauen über diese Zustände Hervorrufen. In den befugten und unbefugten Masfenqnartiereu der Kleinen Schiffgasse und Floßgasse, um von vielen nur einige Beispiele' herauszugreifen, sind in kleinen Räumen 15—20 Personen zusammengepfercht. Ein Massengrab jedes gesunden Körpers und Seele, eine Brntstätte aller gefährlichen Krankheitskeime, eine ungeheure in den Konsequenzen gar nicht absehbare Gefahr im Falle von Epidemien. Aber selbst diese erbärmliche Liegestätte ist für die Aermsten der Armen unerschwinglich, 60 Heller beträgt die Taxe für eine Nacht. Wer die nicht ausbringt, mag in rauher, kalter Nacht seinen müden hungrigen Leib weiterschleppen und oft nicht einmal allein, sondern mit Familie, entweder, wenn er als Vagant aufgegriffen, wird er auf einer Zuchthauspritsche, oder entzogen dem wachsamen Auge des Gesetzes, auf einer Bank im Schatten einer Allee, eventuell einem Erfriernngstode entgegeuschlummern.. Das stets bewährte jüdische Herz darf im Angesicht dieser, keinesfalls übertriebenen, beschämenden Zustände gegenüber ruhig bleiben. Hier ist rasche Hilfe notwendig. Wir Juden dürfen nicht länger tatenlos, zusehen, einmal durch amtliche Erhebungen von diesem Elend unserer Glaubensbrüder in Kenntnis gesetzt. Iüdische M äuner, Franeu, Mädchen, I ü n gl i n g e. nt e l d e t E n ch z n m B e i t r i t 1 z n m G r ü n d u n g sk o m l l e e z n r E r r.i ch l n u g e i u e s jüdischen O b d achlos en-H ei ms, agitiert für unsere gute Sache. Noch niemals hat der Appell an das Humanitätsgefühl der jüdischen Herzen versagt. Kein Zweifel, daß wir auch diesmal auf Verständnis, ja auf Begeisternng für edles Streben stoßen werden. Die kommende rauhe Jahreszeit mit ihren tansendfältigen Gefahren für die Gesundheit darf unsere armen obdachlosen jüdischen Mitbürger nicht hilfios antreffen. Anmeldungen nimmt entgegen: B ez irksra t Alexander Pollak, Wien, H/z, Im Werd 3. Die nationale SeibstverwaitanA and die Inden. Schon Jahrzehnte vor dem Sturze der Landesautonomie in Böhmen begehrten die Deutschböhmen daselbst die nationale Selbstverwaltung und zu diesem Behufe die Neueinteilung des Kronlandes in national homogene Kreise. Gegenwärtig haben sich auch die Sozialdemokraten zu Verfechtern dieses Begehrens erklärt. Nachdem in Böhmen auch noch andere bürgerliche Bevölkeruugsschichten au der Erstrebung gesteigerter Antonomiei echte einzelner Laudgebiete interessiert sind, ist es nicht ausgeschlossen, daß dieses Begehren, trotz des so hartnäckigen Widerstandes der herrschsüchtigen nationalen Tschechen, die Majorität. in Böhmen findet. Will die Regierung dem ewigen, das ganze Reich lahmlegenden böhmischen Nationaliräteuftreit ein Ende machen, dann ist es unter den herrschenden Umständen auch nicht aussichtslos, daß sie eine solche Neuordnung durch ein Oktroi regelt, das ohnehin bereits oft verlangt wurde. Die Tschechen könnten einer solchen Tatsache gegenüber wohl nicht ewig grollen, wollen sie in einem künftigen böhmischen Landtag nicht auch den Einsinß verlieren, den ihnen schon ihre überwiegende Volkszahl sichert. Dringt aber die nationale Selbstregiernng in Böhmen durch, dann folgt eine gleiche Neneinteilnng sicherlich bald im ganzen Reiche nach. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Deutschen in Oesterreich infolge einer solchen Systemüuderung dank ihrem wirtschaftlichen und indnstriellen Vorsprunge nicht schlecht abschneiden würden und mehr Mittel als dies gegenwärtig möglich ist, für kulturelle Zwecke ausgebeu könnten. Wie. kämen dann aber die Inden weg? Als steuerzahlende Staatsbürger sind sie bekanntlich auch gegenwärtig überall angenehm, ihre Steuergelder werden vom Staate, den Landesregierungen und den Gemeindeverwaltungen mit Vergnügen entgegengenommen, man nimmt es ihnen