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Die Wahrheit · 1913-09-12 · Heft 36 (12.9.1913) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 36 (12.9.1913)
Date
1913-09-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 36. den du wandeln sollst."^ Da bin ich nun in Wien und ich bin gesonnen, - zum Kaiser - zu -gehen, damit er meinen Sohn von Mir annehme, damit ich ruhig ßterben kann und der Gottes Fluch nicht ans meinen Kindern laste." Der fremde Herr hatte der Rede des Juden aufmerksam zugehört und es gelang ihm nur schwer, sein Erstaunen zu unterdrücken, „Wo ist dein, Sohn?" fragte ,der Herr. Der Greis rief einen schlanken Burschen mit freundlichen Zügen herbei,, der sich vor dem fremden Herrn verneigte. „Ist es dein Wille, dem Kaiser zn dienen, in die Schlacht zn ziehen und dein Leben zu opfern?" Der Jüngling sprach: „Gott hat,mich zum Krieger bestimmt, ich will seinem Rufe folgen, damit der Segen wohne im Hause meiner Eltern." „Kommt dann morgen um 10 Uhr in Die kaiserliche Burg", sprach der fremde Herr, „ich werde daselbst Anstalten treffen, daß Ihr den Kaiser sprechen könnt, wendet Euch nur au den Schloßhauprmanu und nennet Euren Namen, ich selbst will für Euch beim Kaiser das Wort führen." Der fremde Herr entfernte ffch rasch. Die Gäste blickte ihm lange nach und waren nicht wenig verwundert, zu sehen, daß er auf der Schlagbrücke voll alleu.Lenten gegrüßt wurde. Wie groß aber war das Erstaunen der Gäste im Hügelmannschen Kaffeehanse, als sie erfuhren, daß der fremde Herr der Kaiser Joseph II. selbst gewesen 'sei. Ein Bierwirt. der über die Schlagbrücke kam, hatte das Rätsel gelöst. „Es wird dem Volke Israel wohl ergehen", sprach Einer zum Anderen, „denn wir haben es aus des Kaisers Munde selbst gehört, daß er die Erlösung Israels will. Gott segne sein Tnn." Am nächstfolgenden Tage erschien Schimon und sein Sohn in der Burg, sie wurden daselbst freundlich empfangen und dem Kaiser vorgestellt. Der Greis, als er den Kaiser erblickte, sprach das Gebet, welches das Gesetz dem Juden zu sprechen befiehlt, wenn er vor den Regenten hmtriit. „Gelobt seist du, Gott unser Herr, der mitgeteilt hat von Ehre und Herrlichkeit dem Menschen von Fleisch und Blut." „Ist es also dein unabüuderlicher^Wille, daß dein Sohn mir diene?" fragte der Kaiser. „ES ist der -Wille Gottes", sprach Schimon, „dem wir alle gehorchen müssen." „Ich bin lange mit dem Gedanken rungegangen, die Juden in meine Armee anfzunehmen. Doch man sagte mir, daß dies gegen Euer Gesetz sei und daß es Euch an Mut fehle znm Waffenhandwerk." „Herr!" -rsprach der Jude — „Gott befiehlt uns, dem Könige zu gehorchen, denn die Obrigkeit ist an Gottes Stelle eingesetzt. An Mut wird es dem Inden nicht fehlen, wenn du ihn frei machst; der Sklave hat noch nie die Zuversicht und das Selbstbewnßtsein des # freien Mannes gezeigt; wer da kämpfen soll, muß wissen, wofür er sein Leben einsetzen soll, wenn der Jude weiß, daß das Gesetz sein Freund ist, so wird er es mit seinem Blute auch verteidigen; willst du, daß der Jude dir tapfer, treu, hingebend in den Schlachten diene, so lasse ihm einen Teil haben an den Rechten der Bürger, lasse ihn ein Hans haben, das er verteidigen soll." „Tein Söhn" erwiderte der Kaiser, „soll mir dienen, er soll der erst e j ü d i s ch e S o l d a t sein, und ich werde mein Augenmerk auf ihn richten. Sein Name soll sein Isaak Opferbaum, ich werde Sorge tragen, daß er_viele Kameraden seines Glan- ^bensbekenntnisses finde." Isaak Opferbaum diente dem Kaiser treu und hingehend und fand den Heldentod in der Schlacht bei Belgrad. Als der Kaiser in Dem Rapport den Namen des Gefallenen las, konnte er. eine tiefe Rührung nicht verbergen. „Meine Herren", ' sprach er zu den umstehenden Generälen, „beten Sie mit mir gemeinschaftlich zu Gott für den gefallenen Helden, der die Weihe znm Soldaten erhielt, ehe er noch geboren war. Ich will, daß dieses Blut ein Ehrendenkmal sei; es soll ein schöner Baum demselben entsprießen, der Baum der Tolervnz, unter welchem eine geächtete Nation nach Jahrtausenden mühevoller Wanderungen das Dasein eines bürgerlichen Friedens wiederfinden möge." Die Feldhauptleute entblößten die Häupter, beteten mit ihrem Kaiser gemeinschaftlich für den ersten, jüdischen Krieger. Seit jener Zeit haben nicht nur in der österr.-ung. Monarchie, sondern in fast allen Staaten der-Welt tausende und abermals, tausende jüdische Soldaten von ihrem Heldenmute und. begeistertem Patriotismus entsprechende Proben und Belegegeliefert. Nichtsdestoweniger ist. noch immer hüben und drüben die leidige Jndenfrage an der Tagesordnung und der Judenhaß^ wächst von Jahr zn Jahr mit den., riesigen nie geahnten Fortschritten, die ans allen Gebieten des kulturellen Lebens - gemachtwerden. Wer vermag dieses Rätsel zn lösen? Als vor mehr' denn hundert Jahren die Kultur sich Bahn zn brechen begann, glaubte man allgemein der Erwartung Raum geben zu dürfen^ daß durch Fortschritt, Aufklärung und Bildung der. mittelalterliche Judenhaß schwinden und an seine Menschenliebe und- Menschenverbrüdernng treten werde. Allein das Unerwartete ist eingetreten. Der Antisemitismus ist ein sehr gangbarer Artikel-, geworden, mit dem sich brillante Geschäfte machen läßt. Ach, wie viele der frommen Hetzer, die sichs zur Lebensansgab^ gemacht, die Inden ad majorem dei gloriam wirtschaftlichzugrunde zn richten, ist es durch' ihre Agitation gelungen den höchsten Gipfel des Glückes und des sogenannten Ruhmes zu erklimmen. Sie scheinen sich das Wort ^ol hamezar lejisroel etc. znm Wahlsprnch gemacht zu haben; das heißt zn deutsch r. „Wer zu Geld, Macht und Würden gelangen will, der mufi heutzutage Antisemit werden." „Traurig, aber wahr."; _____ : Fr. Die Macht der Gattin des Gemeindepräjes. - (Eine N ein i n i s z e n z.) (Fortsetzung.) Mit erkünstelter Begeisterung verstand er seine leeren Phrasen effektvoll vorzntragen und was ihm an Gedankenfülle abging, suchte en durch Pathos, scheinheilige Gesten und abgedroschene chässidaische Bibelerklärnngen zu ersetzen. Diese fade Rede aber hatte weder auf die Liberalen, noch auf die Konservativen in der Gemeinde einen günstigen Eindruck gemacht. Ersteren waren die chassidäischen Ansichten dieses Rabbi, wie überhaupt sein-, ganzes Gehaben und Getun zuwider, während die Letzteren, die zumeist Kenner des jüdischen Schrifttums waren, über die falschen Bibelerklärnngen, wie über die ungenügende Kenntnis des Talmuds, die dieser fromme Rabbi-in seinem Vortrage bekundete, konsterniert waren. Niemand jedoch wagte es, seinen Unwillen auch nur durch eine Miene merken -zu lassen, denn, aller Angen waren auf den Präses gerichtet, der dieses Mal. ein recht frohes und freudiges Gesicht zeigte und von diesem Vortrage ganz entzückt gewesen zu sein sich erklärte. Alles war über diese Aenßernng frappiert, denn niemand konnte es begreifen^ warum der sonst so kluge und bedächtige Präses gerade über diese gehaltlose, phrasenhafte Rede sich so günstig geäußert hatten Das Rätsel fand aber bald seine Lösung. Selke Zibulak, der raffinierte Leibschames des Präses, hatte während der Abwesenheit seines Gebieters in dessen Arbeitszimmer in das Empfehlungsschreiben des oben erwähnten Onkels der Frau Ester Kralnwitzky, das auf dem Schreibtisch lag, Einsicht genommen und hatte , nichts Eiligeres zu tun, als von . dem Inhalte desselben einem seiner intimen Freunde, dem Schuldiener R. Siesel Tumornix, unter dem Siegel der Verschwiegenheit Mitteilung, zu machen; dieser jedoch hatte dieses Amtsgeheimnis auch anderen Leuten natürlich im tiefsten Vertrauen verraten', so daßes bald in der ganzen Gemeinde ein offenes Geheimnis war^ daß der neumodische Chassid, der am jüngsten.Sabbath Probepredigt gehalten, ein, Protege des Präses fei. — Wäre nicht, das Einladungsschreiben an, den vierten Kandidaten einige Tagefrüher abgeschickt worden, so-hätte der Präses,.nachdem er den d ritt e» Kandidaten gehört hatte, zweifellos diesen akzeptiert- Er mußte sich daher noch acht TaLe gedulden, bis der'vierte Proberedner dem an ihn ergangenen. Rufe Folge geleistet haben, wird. Am nächsten.Donnerstag traf Dr. F-e l s e uft ein, so- Hieß der letzte Proberedner, um 10-Uhr morgens in &> woihn.am Bahnhof der Schames in V e rt r e t'ung des.Gemeindevorstandes erwartete^ ein. - „(Fortsetzung folgt.) ' -

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