Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 36 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36. Die Wahrheit Seite 5. bitter beklagt. Aber inerkwürdigerweise gibt er hier selbst eine ganz, neue Uebersetznng: Liebe deinen Nächsten, er ist wie dn!—- Gefällt ihm-also selbst seine erste Uebersetznng nicht mehr? Aber er scheint seine beiden so grundverschiedenen Uehersetzilngen für identisch zn halten! Warum sollen wir aber die alte überlieferte Uebersetznng Verwerfen? — Erstens weil es „w i d e r die Natur i st, einen' andern zn lieben wie sich selbst." Allerdings haben diese Schwierigkeiten schon die' alten Erklärer von Hillel bis auf Wessely empfunden. Hillel hat deswegen dieses Gebot nicht wörtlich genommen, sondern in der bekannten Weise auf das menschenmögliche eingeschränkt: Was dir nicht lieb ist, das füge deinem N ach st e n n i ch t z u, es also, wie später Nach m a n i d e s, als eine Uebertreibnng (,-i3^2n) angesehen. Dagegen fragt G ü d e m a n n. (Fr. I. L. vom 15. März 1913): Aber wohin geraten wir, wenn wir das Hauptgebot unserer Religion für eine Uebertreibnng erklären sollen! — Nun, wohin wir geraten, hat uns eben Hillel gezeigt, der wohl wußte, daß das Gebot der Nächstenliebe nicht die einzige Uebertreib ung in der Thora ist. Oder ist etwa pain iai (Deut. 10, 20 vgl. 11, 22) „D u s o l l st d i ch mit ©ott ver - 6 i n 1) eit" keine Uebertreibnng? — Ist a'n^u a^a ..im Ebenbilde Gottes" keine Uebertreibnng? — Ja,, mit gewisser Uebertreibilng heißt es im Midrasch svn '^21*6 min nana xb „Die Thora ist nur den Manna-Essern gegeben worden", was modern ansgedrückt etwa heißen würde: Nur Pensionisten können alle Gebote der Thora beobachten, also — die ganze Thora eine Uebertreibnng! . Aber das Gebot der Nächstenliebe selbst finden wir in Abotlr (II, 15. 17.) in einer Weise umschrieben, die keine andere Deutung znläßt. R. Eli es er spricht: Deines Nächsten Ehre sei dir so lieb, wie die deine! R. Jose spricht: Deines Nächsten Geld sei dir so lieb, wie das deine! Ebenso IV, 15: Deines Schülers Ehre sei dir so lieb, wie die deine, deines Nächsten (Genossen) Ehre wie die Ehrfurcht vor.deinem Lehrer, die Ehrfurcht vor deinem Lehrer, wie die Ehrfurcht vor Gott! — Das ist hier gewiß übertrieben, aber ganz im Sinne des Gebotes: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! — Nun meint aber Wessely und mit ihm M a y b a u m, 722 heiße gar nicht „wie dich", was qiv232 heißen müßte, 722 heiße nur „wie du". Dazu gibt Güdemann seine Bekräftigung mit der Behauptung, daß es kein reflexives persönliches Fürwort im A l t h eb r ä is ch e n gab, also kann 722 gar nicht heißen „wie dich", es muß nur heißen „wie du", also „deinesgleichen". Darauf ist aber folgendes zn erwidern: Ans der gleichen Bedeutung von q°? 221m und qivaab 22V.2 (Deut. 4, 9. 15) folgt auch die gleiche Bedeutung von qi22 und 70232, und wenn Güde in a n n mit seiner Regel nicht recht hat, so muß 722 qmb nsnäi nach dem schlichten Wortsinn, wie Moses Mendelssohn meint, nur heißen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. — Und die Regel Güdemanns ist nicht richtig! Reflexive persönliche Fürwörter gibt es im A l t h e b r ä i s ch e 11 m a ssenhaf t. .In der klassischen hebräischen Grammatik von G e s e n i u s-K a u tz s ch (§135, 3) heißt es: Die durch eine Präposition (oder die Nota accus. ns) mit Suff x umschriebeuen Casus obliqiii der Pronomina personalia können sowohl in demonstrativem, wie in reflexivem Sinne stehen. — Güdemann selbst führt eines an ans Gen. 19, 10 arrbk die Männer brachten Lot zn s i ch. Vgl. dazu nvM ma'runi (Gen. 39, 16). Ferner 212m 1.23p ar (Lev. 25, 50), 1,-1222 2p 2» xb apni (Jes. 9, 12). — Die Behauptung, 722 könne nur heißen „wie du"''und nicht „wie dich", ist von demselben Werte, wie wenn ich etwa behaupten 'wollte, B2ni0pb (Deut. 4, 14) könne nur heißen „d a ß i h r 111 a ch e t" (also Nominativ), wie es hier zufällig Heißt, nicht aber „euch zu machen" (Akkusativ), wie es tatsächlich nnzähligemal, natürlich bei andern Verben, heißt! — Die Wahrheit ist vielmehr die, daß das hebräische Snsi'x in Bezug auf den Kasus, ö 0 t l k o 111111 e n 11 e u t r a l ist, es gibt nur die Person an, während der Kasus sich nach dem Satzgefüge richtet. — in heißt „e r" und „ih n", q heißt „du"' und „dich" — je nach dem Zusammenhang. Es spricht absolut nichts gegen die alte überlieferte Uebersetznng: Liebe deinem N ä ch st e n w i e d i ch selb st. Jedenfalls hat das Judentum zur Zeit der Entstehung des Christentums qiaa qm1? narmi s 0 verstanden, diese Uebersetznng ist keine Erfindung, der Septuaginta. Wäre dies nicht der Fall, so müßte die Polemik bei Matthäus 5, 43 ganz anders lauten! Nicht qm (pläsion),/ sondern 722 müßte den-Differenzpnnkt abgeben! Kurz, wir mögen die Sache von der grammatischen, psychologischen oder geschichtlichen Seite betrachten, wir finden absolut keinen Grund zu einer „Revision der herkömmlichen Uebersetznng des Nächstenlievegebotes". Der XI. Zionistenkongreß in Wien. Dienstag, den 2. September. Nach Wahl des Bureaus, worüber bereits in der vorwöcheutlichen Nummer berichtet wurde, erstattete Dr. Hantke (Berlin) den Tätigkeitsbericht des Aktionskomitees. Die Tätigkeit zerfalle in zwei Arbeitsgebiete, in jenes der Politik und in das der Organisation. Die politische Arbeit bekam ihren Charakter durch die großen politischen Umwälzungen in Norda s r i k a, auf der B a l k a n h a l b i n s e l und deren Einstnß ans die Stammlande des türkischen Reiches. Sie konnten uns in der Erkenntnis nicht schwankend machen, daß die Entwicklung des jüdischen Elements in Palästina verknüpft ist mit dem Schicksal des türkischen Reiches, daß die jüdische Arbeit in Palästina für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des türkischen Reiches von hohem Werte ist. Es mußte daher unsere Aufgabe sein, der türkischen Regierung und den maßgebenden gesellschaftlichen und politischen Kreisen des Reiches diese Ueberzengung naheznbringen. Wir hatten auch die türkische Jndenheit in dieser Nichtung zn beeinfinssen, denn sie ist der gegebene Förderer jüdischer Bestrebungen in ihrem Heimatlande. Nicht weniger wichtig erwies sich die Haltung der arabischen Bevölkerung in Palästina und Syrien als dem in diesen Provinzen überwiegenden Bevölkerungselement. Wir haben nach diesen Richtungen nicht ohne Resultat gearbeitet. Die Angriffe von jüdischer Seite haben anfgehört. Die Haltung der maßgebenden arabischen Kreise beginnt freundlicher zu werden. Und bei Negierung und Gesellschaft in Konstantinopel sind die Grundlagen für ein besseres Verständnis unserer Bestrebungen bereits deutlich zutage getreten. Nicht weniger Aufmerksamkeit als unseren Interessen im türkischen Reiche haben wir den politischen Verbindungen mit anderen Mächten geschenkt. Denn wir müssen berücksichtigen, daß Palästina durch seine Geschichte und geographische Lage mit den Interessen anderer Machtsaktoren verknüpft ist. Unsere Aufklärungsarbeit war auch in dieser Beziehung nicht vergebens. Die Tätigkeit in Palästina zeitigte Einzelereignisse, wie Erwerb von Land, Gründung von Farmen und Dörfern, Anlegung neuer Stadtviertel, Eröffnung von Schulen und Seminarieu, Herausgabe von Lehrbüchern und Zeitschriften, Abhaltung von Lehrknrsen, Eröffnung von Bankfilialen, steigende Depositen, Ausschüttung von Dividenden, Gründung von Turnvereinen, von fachmissenschaftlichen Gruppen, Organisationen von Gemeinden, Wahlen zu Stadtvertretnngen, Erwerb politischer Rechte für Kolonien usw. Die Tätigkeit ans diesem Gebiete wurde auch vielfach anerkannt. In allen Kreisen unserer Bewegung ist der Gedanke fest verwurzelt, daß die Zukunft unseres Volkes von der Entwicklung der jüdischen Siedlung in Palästina abhängt. Mit dieser Ueberzengung muß aber die Einsicht kommen, daß das Jndetttnm in der Diaspora einen jährlich steigenden Kreis von Einwanderern für Palästina stellen muß. Diesen Znstrom von draußen kann aber Palästina nur ans den nationalen Kreisen des Volkes erhalten. Das hat zur Folge, daß wir die Propaganda von einem einheitlichen, nationalen Geiste aus leisten müssen. (Beifall.) Unsere Propaganda muß den Charakter einer nationalen Erziehungsarbeit annehmen. Sie muß radikal in der nationalen Tendenz und abhold jedem Kompromisse in der Idee sein. Redner besprach daun die