Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 36 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die denn, daß die Regierung sich beeilen wird, in Böhmen das Landtagswahlrecht im demokratischen Sinne zu verbessern und ' die normale Landesautouomie wieder herzustellen! Nur auf diesem Wege kann sie gegen den unversöhnlichen, Volksnnd. staatsgefährlichen Nationalismus siegen. — Auch der Ministerkaudidat und Vorstandsmitglied des „Deutschuationalen Verbandes im österreichischen Abgeordnetenhause", Herr Dr. Steinwender, plädierte am 5. August l. I. im „Neuen Wiener Tagblatt" für „Das Notrecht des Staates" und nennt die nationalen Parteien Böhmens „tote Formen". Der sonderbare nationale Volksvertreter sagt in diesem Aussatze: „Die Autonomie nnd die verfassungsmäßigen Rechte sind nicht Selbstzweck, sondern Mitte! znm Zwecke." Herr Dr. Steinwender begrüßt sogar die letzte Tat der österreichischen Regierung mit Hoffnung und G e n u g l N u n g (!) und findet eventuell auch eine Sistierung des Reichsrates als ein Notrecht des Staates, wenn der Reichsrat dem Staate gegenüber im kommenden Herbste dessen Forderungen nicht erfüllt. — Innerhalb des „Deutschnationalen Verbandes" gibt es bekanntlich noch mehr solch warmer Verfechter der Volks'rechte. Was sagt aber Herr Dr. Steinwender zur.bevorstehenden Anflösung des steirischen Landtages? — Wie gesagt, die Regierung müßte sich ernstlich von der Umklammerung der volksansbeuterischen Großagrarier und Großkapitalisten, der würgenden Macht der katholischen Hierarchie nnd des wilden Nationalismus zu befreien suchen! In diesem Falle müßte aber die Krone neue Männer berufen, denn Graf S t ü r g kh, Herr v. H n ss a r e k nnd Herr v. H o ch e u b n r g e r sind ihrer Vergangenheit gemäß sicherlich nicht die Männer, die eine solch glückliche Aenderuug des Regimes einleiteu können. Jetzt oder nie kann die Regierung durch Respektierung der Volksrechte und durch strenge Gesetzlichkeit das noch keineswegs tote, sondern nur durch den Nationalismus gelähmte demokratische Bürgertum zu neuem Anfleben bringen! Jetzt oder nie kann nach dem Wunsche des geliebten greisen Kaiserpatriarchen in Oesterreich die Majestät des Gesetzes wieder zur Auferstehung gelangen und eine Aera des Völkerfriedens und Volksglückes eingeleiiet werden! R. L. Zun, Artikel „Geschichtsfätschmlgen nnd -Erschleichungen". Geehrte Redaktion! In Nummer 35 der „Wahrheit" ist mein Artikel „Gefchichtsfälschungeu und-Erschleichungen", der in Nummer 33 derselben Zeitschrift erschienen, vehement angegriffen worden. Gestalten Sie, daß ich mich dieses Angriffes erwehre. Mein verehrter Gegner, der sich mit R. L. unterfertigt, wirft mir darin neben mehreren kleineren Vergehungen ganz besonders das Kapitalverbrechen vor, ich hätte Bebel nnd die „Arbeiterzeitung" nnbegründeterweise der Geschichtssälschnng geziehen, aber, so sagt Herr R. 2.: „Die gebrachten Zitate sind richtig, es liegt daher tatsächlich auch keine Geschichtssälschnng vor". Wie Herr R. L. das Kunststück zuwegegebracht, ans. meinem Artikel herausznlesen, ich sei der Meinung, daß das jüdische Gebet der Männer, worin sie Gott danken, sie wären keine Weiber geworden, eine Erfindung der „Arbeiterzeitung" wäre — das ist mir ganz und gar ein Rätsel. Die Prämisse habe ich gelten lassen, ich habe lediglich das Unlogische und Unberechtigte der hieraus gezogenen Folgerung dargetan: als trügen - die Juden irgendwelche Schuld an der gegenwärtigen inferioren Lage der Frau. Das Gebet, aber als solches ist mir wohlbekannt. Allerdings — die „Arbeiterzeitung" habe ich hart angelassen, jedoch die Sozialdemokratie nicht, welche beide Herr R. L. zu identifizieren scheint. Ich jedoch pflege die sozialdemokratische Idee, worunter ich das Innere, den Kern verstehe, von der bloßen Schale, der sozialistischen Organisation und Presse, strenge zu unterscheiden. Um einen analogen Fall anzuführen: man ginge sicherlich fehl, wollte man das Christentum, wie es sich in den Evangelien kundgibt und die heutige Hierarchie für dasselbe halten. Wahrheit. Nr. 36. Seine Heiligkeit, den Sozialistenpüpst Bebel, habe sich'auch ... nicht mit einem Worte, mit einem 'Gedanken beleidigt, ich weiß nicht, was Herr R. L. von mir haben will —' ich komme mir vor, als. wäre ich die Körper gewordene, reine .und verfolgte Unschuld. :. Allein — nehmen wir sogar den erschrecklichen: Fall als gegeben an, daß ich nämlich dem Sozialismus kühler gegenüber- . stehe als Herr R. L. Wäre das ein solches Unglück? Wir wollen doch tolerant gegen -einander sein, nicht?.' „In unseres Vaters Hanse sind viele Wohnungen", so lautet ein schöner Satz in Goethes „Wilhelm Meister". Wir wollen uns als Mitarbeiter ein und desselben Blattes' doch wohl miteinander vertragen, wenn wir auch, wie dies anders nicht möglich ist, in unserem politischen, religiösen oder philosophischen Konfeß divergieren. Haben wir doch einen gemeinschaftlichen Konvergenzpirnkt, in dem wir uns vereinigt und geeinigt finden. Dieser Punkt, ist — wie man leicht errät, das Bekenntnis der Treue und das. Gefühl der Liebe zum Judentum. Nachdem wir also als Kriegskameraden, gleichsam gegen den gemeinschaftlichen Feind zu Felde ziehen, erachte ich es für unschön, wollte ich den Handschuh, den mir Herr R. L. hingeworfen, ausnehmen, um wie ein Gladiator in der Arena zu kämpfen. Ich breche daher die Polemik ab und übergehe die anderen Bemängelungen meines Artikels mir Stillschweigen, wie ich es auch schweigend hinnehme, daß. Herr R. L. diesen Artikel als Fehlschuß wertet. S.Vineta. ' Das Gebot der Nächstenliebe. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Mein erster Artikel dieses Namens (die Wahrheit Nr. 17) war gegen G ü d e m a n n s Artikel in der „F r eie n I ü d i - schen L ehr er stimme" vom 15. März 1913 „E i ne Revision der herkömmlichen Uebersetzung des N ä ch st e n l i e b e g e b o t e s" gerichtet. Darauf bekam ich von der Redaktion der „Freien Jüdischen Lehrerstimme" eine Zuschrift, in der mir die Zustimmung zu meinen Ausführungen ausgesprochen wurde und das Bedauern hinzugefügt, daß ich meinen Artikel nicht in der „Freien Jüdischen Lehrerstimme" ' publiziert habe. Auch von anderer geschützter Seite wurde mir nahegelegt, daß die Widerlegung Güdemauns in der „Freien Jüdischen Lehrerstimme", erfolgen müsse, was bei der Wichtigkeit , des Gegenstandes mir auch einleuchtend war. Soll doch namentlich der Lehrer wissen, wie er das Gebot der Nächstenliebe den Schülern beibringen soll! Und so schrieb ich einen zweiten Artikel für die „Freie Jüdische Lehrerstimme", in dem ich die Unrichtigkeit von Güdemauns (und Maybaums) Auffassung näher begründete. Zn meinem Erstaunen erhalte ich meinen Artikel mit der Erklärung zurück, daß die Rücksicht. anf.Güdemann das Erscheinen des Artikels verbiete! Diese Aengstlichkeit ist um so auffallender, als ja Güdemannals Gelehrter von Ruf nur die Wahrheit zu erforschen sucht und wenn ich Unrecht hübe, ich mich von ihm gerne, eines besseren belehren lassen möchte. Andrerseits ist ja der Gegenstand viel zu wichtig, um ihn eineu Autorität zuliebe ungeklärt in der Welt hernmlanfen und viel Unheil anrichten zu lassen! Und so möge denn der zurückgewiesene Artikel als Ergänzung znm'ersten hier,seinen Platz finden. Von der Loyalität Güdemauns aber, den ich als einen unserer bedeutendsten Gelehrten hochschätze, darf ich wohl erwarten, daß er mir meine Offenheit, die ja nur der Wahrheit dienen will, nicht verübeln wird. Der Artikel aber lautete: „Räche dich nicht und trage nicht nach den Söhnen deines Volkes, sondern — du sollst lieben was deinem Nächsten eignet (sein Wesen, seine Persönlichkeit), der wie dn (dir gleichberechtigt) ist. — So soll der Vers Lev.' 19, 18 nach Mayb anm lauten (Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, I. Jahrgang Nr". 5). — Die alte Uebersetznng: Sie b e d e i n eit Nächsteit w ie dich selb st gefällt ihm nicht. Dafür gefällt seine Uebersetzung den andern nicht, worüber, er sich in der Festschrift für H. Cohen (S. 406)