Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 36 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, ll/, Nvvaragasse 27 Televhon: Siedakiio» 5509/1V. Anakhängige Hertfchrift für jäöifche Aerug»pret»: Äanztähng.N I*.— Halbliihria.K 1.— Administration 4,988/11. 1t.!. üsterr. Vostsvarkasia- 8ch«ck.Ko»io IN. 100.918. JtttereffeiL Für JtiiltiGbeamte: >A,l»zjiih»ia.K 1».— Inserate: Dir viermal gehaltene Itonpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitug. Für Ausland: Abonnementsnnd Insertion?- .8 üituvr betröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t» iHiiurt oder Kt fötclt. Nr. 36 Wie». 12. September Inhalt: Der Nationalismus— die größte Gefabr für Bolksfreiheit und Regierung in Oesterreich. —1 Geschichtsfälichungen und -Erschleichungen. — Das Gebot der Nächstenliebe. — Der XI. Zionistenkongreß in Wien. — Jüdischer Patriotismus. — Die Macht der Gattin des Gemeinde- Präses. — Verschiedene Nachrichten. Der Nationalismus — die größte Gefahr für UoUrsfreiheit nnd Regierung in Oesterreich. Nach mehrjährigem Kampfe zwischen Deutschen und Czechen in Böhmen, der den Stillstand der Landesregierung herbeisührte, entschloßen sich Krone nnd Regierung zur zeitweiligen A u f- Hebung der Landesautonomie, welche am 26. Juli l. I. verkündet wurde. Alle politischen Parteien sind über diesen „Verfassnngsbrnch" entsetzt oder markieren dieses Entsetzen mit mehr oder weniger wirkungsvollen Gesten vor ihren Wählern. Jeder Absolutismus bedeutet einen Rückschritt und von einer Regierung, die gerne zu eiliem solchen Schritte greift, kann man nichts Gutes denken und boffen. Doch kann man auch die großen bürgerlichen Parteien in Böhmen nicht von Schuld an diesem bedauerlichen Ereignisse freisprechen, denn Deutsche und Czechen bekämpften emander sinnlos gehässig wie prozeßsüchtige Bauern und brachten endlich schadenfroh mit herostratischem Mute durch ihre Unversöhnlichkeit die Landesregierung zum Stillstände. Die Regierung spricht die Wahrheit, wenn sie erklärt, das Land sei in einen unleidlichen Notstand geraten, der um jeden Preis Abhilfe heischt, und sie kann mit Recht ans die skandalöse Lehrernot und auf den beschämenden Niedergang der Volksschule in Böhmen Hinweisen, welche durch den wütenden Nationalitätenkampf herbeigeführt wurden. Wahrlich, Deutsche und Czechen haben sich in Böhmen an ihren eigenen Kindern schwer versündigt! Das letzte politische-Ereignis von Böhmen ist wieder ein Schulbeispiel für den immensen Schaden, den der ungezügelte Nationalismus einem Lande oder Reiche bereiten kann. — In den achtziger Jahren kräftigten bekanntlich die Altczechen den Klerikalismus nnd den feudalen Hochadel in Oesterreich und gegenwärtig verfallen die radikalen Deutschen, die ehemaligen Los-von-Rom-Männer in dieselben verderblichen Fehler. Diese Radikalen verlangten ja selbst ein Oktroy zugunsten der Deutschen und verleugnen in ihren Wahlkompromissen mit den rückschrittlichen Christlichsozialen ihr fortschrittliches Bolksprogramm. - Die geradezu kindische Justamentnöt-Politik der Deutschen und Slaven nicht nur in Böhmen, sondern im ganzen Reiche, habest jeden vernünftigen Völkerausgleich vereitelt und es ist tatsächlich im gleichen Grade lächerlich, wenn die Czechen in Böhnwn. die Deutschen gewaltsam verschlingen wollen, als wenn in der Weltstadt Wien die dort verhältnismäßig wenigen Deutschradikalen Zeter und Mordio schreien, wenn für zugereiste czechische Schulkinder eine czechische Privatschule errichtet werden soll. — Nach der Erklärung der Regierung soll der böhmische Ausnahmszustaud nur vorübergehend so lange währen, bis daselbst eine glückliche Neuordnung stattgefnnden hat. Sie stellt auch eine Verallgemeinerung des Landtagswahl» rechtes in Aussicht. Hält sie diese Versprechen ein, dann können vernünftige Staatsbürger den letzten „Staatsstreich" nicht unbedingt verurteilen, denn in Oesterreich müssen viele Nationen neben einander leben nnd der Nationalismns ist nur so weit berechtigt, als er gegen Vergewaltigung auf tritt, aber ch a n vinistische Allüren darf es in Oesterreich nicht geben, denn sie untergraben bas R e i ch s g a n z e! Warnm können verschiedene Nationen in kulturell fortgeschrittenen Staaten, wie in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten von Amerika, neben einander friedlich leben? Ja, aber eine ans der Höhe der Zeit stehende Regierung müßte besonders in Oesterreich, wo eben wegen der vielen einander zornig bekämpfenden Nationalitäten der dankbarste Boden für die konstitutionelle Monarchie vorhanden wäre —, sich vertrauensvoll auf die breiten Schichten des Volkes stützen, in Wahrheit über den Parteien stehen nnd Gesetzlichkeit und u n b e e i n f t n ß t e V e r w a l t n n g in allen Fällen Hochhalten. Sie müßte mehr von kosmopolitischen Ideen nnd volksfreundlichen Grundsätzen durchtränkt sein. — Sie dürste sich nicht ferner so offenkundig als Werkzeug für die mächtige katholische Kirche mißbrauchen lassen und einflußreichen Volks» .schichten und politischen Parteien, keine blamable Gefolgschaft leisten! Sie müßte sich mit demokratischen Regierungsmaximen befreunden und die wirtschaftlich Schwachen gegen die Ueberreichen beschützen! Warum holt die böhmische Landeskommission die nötigen Gelder wieder vorzugsweise aus den Taschen der Armen? Der Absolutismus dieser Regierungskommission wäre verzeihlicher, wenn erbeispielsweise durch außerordentlichen Luxus-Wertzuwachsnnd Erbsteuern mehr in die Taschen der Wohlhabenden griffe. Bei Beobachtung solcher Regierungsmaßnahmen würde das tragfähige Bürgertum wieder erstarken und die österreichische Regierung käme bald wieder in die Lage, zu regieren, und müßte sich nicht weiter so armselig fortwursteln, wozu sie durch ihre eigene Schuld schon seit Jahrzehnten verdammt ist. Der Kultursortschritt und der wirtschaftliche Ausstieg wäre dann auch in Oesterreich möglich und das Mißtrauen großer Volksschichten gegen die Regierung würde abstauen. Hoffen wir