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Die Wahrheit · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 35. Seite 10. Die Wahrheit. kratischer Weise verwaltete und gar oft trotz seiner großen Reichtümer auf Kosten der Gemeinde Mißgriffe machte, die Unzufriedenheit in der Gemeinde hervorriefen, ohne daß es jedoch die erregten Steuerzahler wagen durften', ihm, dem Allgewaltigen, Opposition zu machen. Er setzte nach seinem Gutdünken Knlmsbeamte ein und ad, und da kam es nicht selten vor, daß bescheidene, wahrhaft fromme, sehr gelehrte und begabte Aspiranten, so sie es nicht verstanden hatten, sich durch Vermittlung einflußreicher Persönlichkeiten die Gunst des vielvermögenden Präses zu erwerben, völlig ignoriert, während Halbwisser, Charlatane, seichte Klüglinge, frömmelnde Maulhelden, die sich die Sympathie der Gattin des Präsidenten, der Frau Ester Kralowitzky — die allein ihn zu beeinflußen vermochte — zu erringen wußten,, besonders berücksichtigt, in jeder Beziehung begünstigt und mit allen möglichen Ehren überhäuft wurden. Als im Jahre 1862 die vakant gewordene Rabbinerstelle aufs neue besetzt werden sollte, da gab es fast täglich Vorstandssitzungen und Beratungen, da es damals nicht so leicht möglich war, für diese Gemeinde, in der es schon um jene Zeit nebst der streng konservativen Partei auch eine freisinnige gab, die die Einführung gemäßigter Reformen sehnlichst wünschte, den rechten Mann zu finden, der imstande war, den Wünschen aller zu entsprechen. Nach langen Debatten endlich wurde über Antrag des Präses beschlossen, folgenden Konkurs auszuschreibeu: §,Jn der Knltusgemeinde T. soll demnächst die Stelle eines Rabbiners neu besetzt werden. Reflektanten, die gründliche talmndische Kenntnisse, akademische Bildung, glänzende Rednergabe und ein von drei streng orthodoxen, als talmndische Koryphäen anerkannten Rabbinnen altsgestellte Hatara (Autorisation zur Bekleidung des Rabbiueramtes) besitzen, mögen ihre Kompetenzgesuche nebst den erforderlichen Dokumenten bis Ende des nächsten Monates bei dem gefertigten Kultnsvorstande einbringen." Ungefähr zwei Duzend Kandidaten haben sich nm diesen Posten beworben. Nach Ablauf der Konkursfrist wurde in einer Borstandssitzung auf Antrag des Präses beschlossen, vier Kandidaten, die er für die würdigsten und befähigsten Bewerberhielt, behufs Abhaltung von Probepredigteu einzuladen. Ungefähr vier Wochen vor dem Passahfeste haben die Proben begonnen. da der Posten noch vor dem Schabuotfesten besetzt werden sollte. Der erste Redner, ein Dr.^ G., hätte sowohl bezüglich der talmudischen Kenntnisse, als betreffs der allgemeinen Bildung und Rednergabe den Anforderungen der Gemeinde vollkommen entsprochen, wenn er von hoher Statur gewesen wäre. — Der zweite Proberedner, dessen äußere Gestalt auf jedermann einen sehr günstigen Eindruck gemacht und der bezüglich der erforderlichen Kenntnisse dem Dr. G. nicht im entferntesten nachstand, , hatte eine schwache Stimme, so daß viele Tempelbesucher es lebhaft bedauerten, daß der Baumeister dieses Tempels ans die Akustik so wenig Rücksicht genommen habe. Diejenigen Zuhörer, die in den ersten Reihen saßen, waren von dem kernigen gedankenreichen Vortrag ganz entzückt. Der Präses jedoch verhielt sich bis nun ganz reserviert, gab weder ein günstiges noch ein abfälliges Urteil über die beiden ersten Probereduer ab. Nun kam der dritte Probereduer an die Reihe. Dieser Aspirant, ein recht hübscher junger Mann von 26 Jahren, I. Sch., der einige ungarische Jeschibot besucht hatte, ohne daß er hätte durch entsprechende Proben und Belege beweisen können, daß er allgemeine Bildung und überhaupt die Kraft besäße, das große, weite „Meer des Talmud" gefahrlos zu durchsegeln. Nichtsdestoweniger durfte er es wagen, unerschrocken aufzutreten, da er — was noch nicht allgemein bekannt war — dem Präses von dem Onkel der Frau Ester Kralowitzky, einem in B. wohnenden reichen Fabrikanten, S. G r ü n t a l, w ä r m st e n s empfohlen worden sei. Kühn, mutig, furchtlos und mit einem Selbstbewnßtsein sondergleichen erschien er am Sabbath aus der Kanzel, um seinen Probevortrag vor einem zahlreich versammelten Auditorium zu halten. (Fortsetzung folgt.) Reisebrief. z. Zt. K ö l n, 28. August 1913, . 25. Aw. 5673. Lieber Simon! Schätze Dich im Besitze meines Briefes ab Nürnberg und wirst Du wohl erstaunt sein, jetzt schon ans dem schönen Rheinlande ein Schreiben von uns zu erhalten. Wir haben unsere Tour geändert und werden, falls es sich noch vor den Herbstfeiertagen machen läßt, die vorgesehenen Plätze auf der Retonrfahrt besuchen. Unsere Reiseänderung war folgendem Umstande znznschreiben: Im Zuge, kurz nach Nürnberg, lernten wir zwei Kölner Herren kennen, welche sich durch außergewöhnliche Liebenswürdigkeit anszeichnetett. Interessant war es, ans welche Weise wir diese, beiden Herren kennen lernten. In Nürnberg wurde uns im vollbesetzten Zuge ein Abteil H. Klasse angewiesen, in dem zwei junge Herren saßen. Kurz nachdem sich der Zug in Bewegung setzte, stellten sich uns, meiner Frau und mir, diese beide. Herren vor: Mediziner 2t.. . und Kaufmann I. . .! „Sie verzeihen", sprach der Herr Dr. 26, „wenn wir uns erlauben, in Ihrer und der Dame Gegenwart unsere linken Arme zu entblößen. Wir sind Inden und beabsichtigen, unsere erste Tagespflicht Gott gegenüber zu erfülle», unsere Gebetriemen anzulegen und das Morgengebet zu verrichten; wir haben wohl den Schaffner gebeten, uns für eine kurze Strecke im Knpee allein zu lassen, doch mit einem höflichen Verlegenheitslächeln brach er ab. „Es trifft sich ja gut", antwortete ich ihm- „daß wir in Ihrem Abteil Platz nahmen, denn auch ich habe noch keine „leMiu" gelegt; übrigens freuen wir uns, mit gleichgesinnten, gesetzestreuen Glaubensgenossen znsammen reisen zu können." Nachdem wir das Morgengebet verrichtet hatten, begaben wir uns in den Speisewagen, nm das Frühstück, bestehend aus Kaffee, Graubrot und Eiern, einznnehmen. Die uns Vorgesetzte Butter ließen unsere neugewonnenen Freunde unberührt. „Es ist doch wohl ausgeschlossen, daß man hier Margarine vorgesetzt bekommt", meinte meine Frau und nachdem sich unsere Freunde dieser ihrer Auffassung angeschlossen halten, und wir deshalb nicht verstehen konnten, weshalb unsere Freunde doch nicht die Butter aßen, erklärte uns unser Freund, daß er schon ans Prinzip keine Butter esse, welche nicht unter Anssicht eines gesetzeslrenen Rabbiners hergestellt sei, denn nur so habe man Gewähr dafür, daß man wirklich „koschere" Butter erhalte. Interessant waren seine Auseinandersetzungen über das „Kaschrus" der Lebensmittel und wie dringend nötig es' ist, nur solche Lebensmittel zu kaufen, von denen man die Gewißheit habe, daß sie wirklich „koscher" sind. Unser junger Mediziner machte uns darauf aufmerksam, daß im Hanse seiner in Köln wohnenden Eltern schon seit Jahren keine Naturbutter verwendet werde; seine Mutter benutze vielmehr, sowohl znm Braten, Backen und Kochen, wie anch znm Brotaufstrich die sich selbst von der feinsten Tafelbutter nicht unterscheidende Mandelmilch-Pflanzenbutter - „Tomor", welche unter Aufsicht des gesetzestrenen Rabbiners, Herrn Dr. B. Wolf in Köln, von der Sana-Gesellschaft in Cleve hergestellt wird, und den unschätzbaren Vorteil hat, daß sie sowohl zu Milchals auch Fleischspeisen verwende werden darf. . Ans nufere Einwendung hin, daß wir es nicht verstehen könnten, d. h. daß es einen vollwertigen B.tttlerersatz. außer tierischer Margarine gäbe, Mächte uns Herr Dr. 2t den Vorschlag, wir sollten uns von seiiier Behauptung,älberzengen. Er sei mit dem Kölner Rabbiner Herrn Dr: Wolf bekannt und wolle es durch ihn bewirken, daß wir uns die Fabrikation dieser, selbst im kleinsten deutschen Dorfe gut eingeführten koscheren . Pflauzenbutter „Tomor", welche sogar von Nichtjudeu mit besonderer Vorliebe gekauft wird, besichtigen. Diesen Vorschlag nahmen wir mit Freuden an und. einen Tag nach unserer Ankunft in Köln fuhren wir, mit einer Empfehlung an die Direktion der Sana-Gesellschäft versehen, nach dem schönen Städtchen Cleve am Niederrhein. Mit der größten Liebenswürdigkeit wurden wir dort empfangen und traten sofort-den

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