Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 35 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85 Die Wahrheit Lreite A ^,Die Frau und der Sozialismus", das die „Arbeiterzeitung" behandelte, was ihr wohl niemand verargen kann. Um die 'Entwürdigung der Frau zn erweisen/ zitierte nun Bebel auch' .ans .der heil.-Schrift Stellen, was ihm ebenfalls niemand verargen kann. Vorurteilslose Inden sind schon zufrieden, wenn die arische -Gesellschaft den gehässigen und tendenziösen Kampf gegen sie als'Juden nicht unterstützt und verlangen gar nicht den Philosemitismns. Dementsprechend sind sie auch nicht so hyperempfindlich, den Ausdruck „Iudenmänner" in der angezogeuen -Schrift als beleidigend anzuseheu. Die gebrachten Zitate sind ri ch t i g, es liegt daher tatsächlich auch keine G e s ch i ch t s f ä l s ch n n g vor und die getauften Jndenmänner der „Arbeiterzeitung" sind an diesen .Zitaten ganz unschuldig. . Wenn Herr Bineta Bebels Buch gslesen hat, muß er Llnch wissen, daß es der Autor den Inden zum Lob anrechnet, weil die Verehelichung ihrer Kinder eine ihrer Hanptsorgeu .bildet, und daß die Arbeit Herrn Vinetas diesmal einen Fehlschuß bedeutet, erhellt auch ans dem kurzen, in derselben Nummer -enthaltenen Nachrufe aus Anlaß des Ablebens Bebels, in dem Äebels Wort „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle" angeführt erscheint. Es ist auch nicht richtig, wenn Herr-Viueta behauptet, die alten Hebräer hätten das Wahlrecht nicht besessen und nicht gekannt. Im 5. Buche Moses, 16. Kap., 18. Vers heißt es: „Richter und Beamte sollst du dir setzen in allen deinen Toren, die der Ewige, dein -Gott, dir für deine Stämme geben wird und sie sollen das -Volk nach gerechten Rechten richten!" Kein frommer Jude wird wohl die Konklusionen gut Heißen, die Bebel schließlich betreffs des anznstrebenden Franenrechtes zieht, aber seine geschichtlichen Untersuchungen enthalten leine Geschichtsfälschungen und gegen die unwahren Behauptungen der Patentdeutschen betreffs der hohen Sittsamkeit der alten --Germanen tritt Bebel im angezogenen Buche mit seinen Geschichts- Litaten scharf genug ans. R. L. Aidischer Pattiotismns. Kein Volk auf Erden ist je grausamer und barbarischer mnansgesetzt verfolgt iinb bedrückt, geächtet und geknechtet, gekränkt und verletzt, verleumdet und verdächtigt worden als Israel. Ein Blick in die Vergangenheit genügt, um uns zu überzeugen, daß die Geschichte, der Inden der letzten nennzehnhundert Jahre fast eine ununterbrochene Erzählung von Leiden und Trübsalen sei. In: den ersten Jahrhunderten wurden diese .Leiden und Verfolgungen ihnen von den Heiden zngefügt, später aber von den sogenannten Bekennern des Christentums. Gaussen sagt in seinem Vortrage „Die Inden" : Das erste Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung sah elfmalhunderttausend derselben unter dem Schwerte fallen, ihren Tempel/verbrannt, ihre Stadt .zerstört, so daß kein Stein auf dem anderen blieb und ihre Schwachen als'Sklaven in alle Gegenden der Welt hingeführt wurden. Im .zweiten Jahrhundert, unter Kaiser Hadrian, wurden ihrer, da -sie trotz des Druckes schnell sich vermehrt und wieder empört chatten- 580.000 umgebracht; ganz Judäa wird zur Wüste gennacht. Im dritten Jahrhundert ist ihnen bei Todesstrafe verboten, Jerusalem sich zu nähern. Im vierten Jahrhundert schnitt --man ihnen, -ehe man sie aus,,Rom verbannte, die Ohren. ab. Im fünften Jahrhundert wurden, sie ans Aegypten-vertrieben, suchten in Persien Zuflucht, wurden aber die'Beute der grausamsten Verfolgungen. Im sechsten Jahrhundert empörten sie sich im Uebermaße ihrer Leiden; zum drittenmale wird Palästina .znm Schauplätze eines Gemetzels, wie unter Titus und Hadrian. 'Aber wer könnte alle die Leiden dieses unverwüstlichen Volkes während der langen Jahrhunderte des Mittelalters schildern? Tag und Nacht war damals ihr Leben schwebend. Die Päpste, die Konsilien, die Bischöfe, die Mönche, die Könige nnd die -Völker, alle schienen gleichmäßig wider sie ergrimmt. Man würgte Pe zu Tausenden in-Spanien, in Italien, in Deutschland, in England, in allen Provinzen Frankreichs. Walter Scott sagt: „In England verband sich die ganze Nation, von den räuberischen Baronen an bis zn dem leichtgläubigen Volke herab, um sie zu verfolgen. In Bern räderte man sie im dreizehnten Jahrhundert, nachdem gegen sie jene Anklage erneuert worden war, daß sie zn ihren Ostern das Blut von Chriftenkindern vergäßen. Wer mochte aber ihre Leiden in Spanien, diesem Lande'der Grausamkeit, schildern? Vergegenwärtigen sie sich eine Million Juden, durch den Schrecken zur Äbschwörung ihres Glaubens gezwungen, und 600.000 andere, ans einmal verbannt und genötigt, sich mit Weibern nnd Kindern einznschiffen, ohne irgendwo eine Gegend zn wissen, wo man sie aufnehmen wollte, ausgehungert, ins Meer geworfen, von allen Ufern znrückgestoßen, in die Sklaverei verkauft und oft gemordet, nur um ihres noch einzigen Besitzes, um ihrer Kleider willen, die sie auf dem Leibe hatten. Mau höre selbst, wie einer derselben seine Ankunft ans der afrikanischen Küste beschreibt; er sagt: Ich sah erst meine Frau, daun meine beiden Kinder an meiner Seite am Ufer vor Erschöpfung dahin sterben; ich verscharrte sie in den Sand und rief ans: Mein Gott, mein Elend könnte mich versuchen, dein Gesetz zu verleugnen, aber ich bin Jude, mache es mit mir. wie du willst, ich will dir treu bleiben". Ja, die Bekenner des Judentums durften mit Recht ans» rufen: „Kol saus loasmi“. „Viel, unsäglich viel Leid ist uns zugekommeu", „welau schechaclmuciio“, „wir haben aber dich doch nicht vergessen". Und weil sie eben unter allen Umständen dem Glauben treu blieben, haben sie sich auch stets überall, trotz der grausamen Verfolgungen, denen sie im Osten wie im Westen, im Süden wie im Norden ausgesetzt waren, als opferwillige Patrioten bewährt, denn nach der Lehre des Judentums ist der Patriotismus nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine religiöse Pflicht. „Fürchte Gott, mein Sohn, und den König, geselle dich nicht zn den revolutionären Geistern, gehe Aufwieglern und Hetzern meilenweit ans dem Wege. (Sal. Spr. 24.) Den Exulanten, die nach der Zerstörung des ersten Tempels nach Babylonien geführt wurden, rief der Prophet Jeremias im Namen Gottes zu: „Bauet dort Häuser und richtet es euch beqnemlich ein, pflanzet Gärten nnd genießet deren Früchte usw., fördert das Heil und Wohl des Staates, wohin ich euch versetzt, und flehet für ihn zum Ewigen, denn in seinem Heil und Wohl wird euch wohl sein." (Jerem. 29.) Und ein Ausspruch unserer Weisen lautet: „Bete für das Wohl der Regierung, d. h. für das Wohl des Landesfürsten und seiner Räte, denn so nicht die Furcht vor der Regierung wäre, hätten die Menschen keinen Bestand." (Spr. der Väter 3.) Ein anderer ihrer Aussprüche lautet: „Die Herrschaft der Könige anf Erden ist ein Abglanz der Herrschaft Gottes im Himmel." Naloknse deore keen malchuse de rekia. Ja, die Inden haben sich zn allen Zeiten als opferwillige Patrioten ausgezeichnet, waren immer unter allen Umständen gerne bereit, selbst für das Heil und Wohl jenes Landes, in welchem sie nur als Fremde, aus Erbarmen Geduldete betrachtet wurden, mit Gut und Blut einzustehen. Von der Stunde an, als die jungen Söhne Israels dem Heere eingereiht wurden, haben sie auf dem Felde der Ehre mit derselben Bravour und Begeisterung für Thron und Vaterland gekämpft wie ihre nichtjüdischen Kameraden. (Schluß folgt.) Die Macht der Gattin des Gemeindeprajes. (E i n e N e m i n i s z e n z.) In T.. einer alten, angesehenen Kultusgemeinde im schönen Ungarlande, an deren Spitze stets fromme hochgelehrte Rabbinnen standen und das Tatmndstndinm eifrigst förderten, lebte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein mit irdischen und zeitlichen Gütern reich gesegneter, streng konservativer, ehrgeiziger Mann namens Gerson Kralowitzky, der das Borsteheramt dieser Gemeinde jahrelang als seine Domäne betrachtete. die öffentlichen Angelegenheiten derselben in anto-