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Die Wahrheit · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 8. dlv35. Nach zweimaligen vergeblichen Gängen zur genannten Schriftleitung richtete ich nun ein energisches Schreiben an dieselbe und erhielt endlich folgendes'Schreiben: Wien. 18. August 1913. Herrn Rafael Löw Wien. XVIII. In Beantwortung Ihres Schreibens teilen wir Ihnen mit, daß uns der bewußte Artikel z u g e schickt wurde. Wie der Absender in den Besitz desselben gekommen ist, ist uns natürlich unbekannt. (?) Der Name des Absenders ist uns nicht mehr in Erinnerung. (?!) Auch wenn wir seinen Namen kennen würden, wären wir nicht in der Lage. Ihnen denselben mitzuteilen. (Sehr glaublich.) Das Mannskpript wurde nach Ausgabe der Korrespondenz wie gewöhnlich (?) weggeworfeu. Im Uebrigen ist es uns sehr angenehm, Ihren Namen erfahren zu haben, weil von gewisser Seite (?) der Versuch gemacht wurde, uns eine Fälschung zu unterschieben. Für die „Deutschradikale Korrespondenz" E. Sturm. Nun, ich bitte, die „Deutschradikalen" bekennen also selbst, daß der famose „Zufall" kein einwandfreier war, denn der angebliche Einsender, über den die Herren, ihren schützenden Arm halten, kann ein Dieb oder verräterischer Lump sein. Trotzdem sie nun miss en, daß das Manuskript oh ne mein Wissen und Willen zu ihnen gekommen ist, verweigern sie mir jetzt noch die Rückgabe meines Manuskriptes, vermutlich, um den Beweis zu erschweren, daß sie durch umfangreiche Auslassungen eine Entstellung begangen haben. Ueberhaupt erscheinen im vorliegenden Falle die Rollen merkwürdig vertauscht. Der geplünderte Jude geht gerade und offen, also deutsch vor; der Patentdeutsche verschmäht aber „jüdische Dreh" nicht, wie die Judenfeinde ein solches Verfahren bezeichnen. Ans jeden Fall können die Deutschdemokraten, die nicht nur Wiener Juden, sondern alle friedliebeuden und wirklich demokratisch gesinnten Arier als Mitglieder besitzen, den Deutschradikalen mit tveit mehr Recht als letztere den ersteren zurufen: „Eine saubere Partei". Bürgerlich gesinnte Juden können gegebenenfalles unmöglich Männer als ihre Vertreter wählen, in deren Parteipresse genau so wie in der christsichsozialen nahezu täglich Juden gefressen werden. Mögen das doch auch die deutschmährischen Juden beherzigen! Auch die Sozialistentöterei um jeden Preis ist keine Rolle für jüdische Staatsbürger! R. L. Uo« Mir» dis Frim;ensbad. Bo» Josef Grob, Wien. Hier in Franzensbad darf ich es doch hoffentlich schon im vorhinein verraten, daß ich Jude bin, und wenn ich es nicht verraten würde, an meiner stark gebogenen Nase und der lies heruuterhängenden Unterlippe würde mau dieses Geheimnis ohnehin bald erkennen. Auch will ich es in dieser Zeitung offen gestehen, daß ich, trotzdem ich meine Reise nach Frauzensbad von Wien aus angelreten habe, kein Wiener bin, sondern ein Jude aus dem Osten, oder wie man in Wien im XX. Jahrhundert zu sagen pflegt: ein „Polnischer Jude". Dieser Umstand allein veranlaßte mich, nachstehende Zeilen für die „Wahrheit" zu schreibe». Wenn man zwölf Jahre als Ostjnde, oder im Wiener Dialekt ausgedrückt, als „Poljscher" in Wien gelebt hat, ist-es für so einen Wiener Ehrenbürger — ich sage nicht gefährlich — aber doch eine zu starke Ueberraschung, in knapp acht Stunden die Wiener Luft mit der Franzensbader Huft zu vertauschen. Die Frauzensbader Heilquellen und Bäder sind für die internationale Welt von großer Wichtigkeit, nicht minder die ^erfrischende Frauzensbader Luft. Auch ich kam ans Wie»/ um hier bei Quelle» und Bädern Heilung zu suchen und daß die hiesige paradiesische Luft mir viel besser als die Wiener Antomobillust behagte, bedarf keiner besonderen Erklärung. Damit wäre eigentlich meine Entdeckung, die ich hier in Franzensbad machte,, zu Ende, wenn ich kein Jude, kein polnischer Jude wäre. Für" diesen hat Franzensbad eine ganz besondere Lust, die weder" dem Wald noch, den Fluren ihre Existenz zu verdanken, hat. „ Freiheit" heißt diese Luft! Zwölf ' Jahre in derfür einem Ostjnden schwarzen Wiener Unterdrückungsluft lebend, war für" mich diese Frauzensbader „Freiheitsluft" wahrlich eine lieberraschnng. Hier gehen sie alle die polnischen Juden im Kaftan,, die Schausäden nicht versteckt, trinken das heilhringeude Wasser und weder Steine noch Koth. rein gar nichts hindert sie; fref und offen, ein polnischer Kaftanjude und ein Londoner Lord,, beide schöpfen aus einer O-nelle, ungestört der eine gerade so wie der andere. In der lieben Wiener Stadt, wo die goldenen Herzen zu. Hause, sind, wäre das doch unmöglich. Der Frauzensbader Bürgermeister empfängt arme polnische Inden tagtäglich, spricht mit ihnen väterlich, gewährt ihnen Ermäßigungen oder Gratisbäder, von der Erwägung geleitet, daß auch arme kranke Juden ein Anrecht haben, hier Heilung zu' finden. Ware das beim eisernen Wiener Rathansmann möglich? Ein anderes Bild. Im Kurpark findet ein Fest statt, die- Schlacht scheint eine leidenschaftliche zu-sein, selbstverständlich die papierene Konsettischlacht, und mitten im Schlachtfelde unter den vielen Offizieren der Egerer Garnison, den vielen üppigen- Damengestalten, sehe ich meine jüdische» Brüder mit den Stirnlocken, mit selbstverleugnender Aufopferung kämpfen wie wahre Helden, indem sie eine ganze Menge von Geschossen — selbst^ verständlich papierene — den Feindinnen mit den zierlichen Gesichtern entgegenschlendern. Nein, sagen Sie, was Sie wollen^ die gemütlichen Wiener hätten, um dem Feste die richtige Gemütlichkeit zu verleihen, wenigstens ein halbes Dutzend solcher- Pajesjuden wohl nicht mit Koriandoli, aber mit den Fäusten blutig geschlagen. Selbst die Frauzensbader Kurkapelle scheint nicht zu wissen, wie man in der Residenzstadt Kaftanjnden behandelt, sonst würde sie es gewiß unterlassen, neben Wagnerischen Opern,. Leharschen Operetten und Stranßschen Walzern auch jüdisch» Melodien ertönen zu lassen--welche von nicht unbedeutenden Wirkung für die jüdischen Kurgäste sind. Schon gut! Mein Nachbar zu rechten Seite im Knrparke sitzend meinte, daß da das viele jüdische Geld von den jüdischem Kurgästen respektiert wird. Aber Sie irren, Herr Nachbar. Der Rothschild gab nicht' wenig für die Wiener Piuspresse, der Gutmann und der Tanßig für die Barmherzigen Brüder undviele, viele reiche Juden iu Wien, sie gaben, geben und werden nach immer geben, und doch wird in Wien der Jude verbrannte Für Geld kauft man keine Liebe, für jüdisches Geld schon gar nicht, auch nicht in Frauzensbad. Aber Freiheit ist es, freie Heilung, freie Luft, freie Bewegung für Regierungsrat Helmer aus Berlin, Gräfin Mels ans Karwin, Chaim Dauw Rapoport aus Delatin, Florale Nettel aus Bnrstyn und den polnischem Inden: Josef Grob ans Wien. Frauzensbad, 26. August 1913. Geschichtssiilschimge» »nd -Grjchleichimge». „In der Nr. 33 dieses geschätzten Blattes war unterdieser Aufschrift ein Artikel enthalten, dessen Inhalt mich im Interesse der Wahrheit und Billigkeit, wie im Interesse der Vermeidung »nötiger Kämpfe zu folgender Entgegnung bestimmt, die ich gütigst' aufznnehmeu bitte." Per geschätzte Autor, Herr Vineta, von dem ich schon vieletreffliche Aufsätze in diesem^geschätzen Blatte gelesen habe, rangiert in dieser Arbeit die Sozialdemokratie „zur schwarzen (Karde, die. sich ans Tyrannen, Anarchisten, Judenfressern unh ähnlichem Gelichter rekrutiert. Als ungerecht Verfolgte habe» die Juden, meiner Ansicht- »ach, keine Ursache, die vornehmlich aus Christlichsozialen und Deutschnationalen, also au§ In de ns e in de n bestehenden Gozialistenftöter zu unterstützen. Der jüngst verstorbene deutsche Sozialisten ührer August Bebel schrieb bekanntlich ein Buch übep

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