Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 35 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063709--08652-3075837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zelte 7. Nr. 85 Die Wahrheit Büchleins. Dieses selbst muß zu irgend einer Zeit in den Besitz der Rosentais, die Geschäfte halber oft in Wien erschienen' waren, gelangt fein. Die Familie zählte in den Mendelssohn'schen Tagen zu den intelligentesten und vornehmsten des Landes, wie es gerade Dr. A. Büchler, der gegenwärtige Besitzer, wissenschaftlich dargelegt hat. Die Bücher, Handschriften und Briefe dieser vornehmen Familie kamen später in die Hand des Moorer Rabbiners, des Herrn P. Bnchler, der sie wiederum seinem Sohne, den heutigen Besitzer, geschenkt hat. - Soweit die Schicksale des Büchleins. Dieses seinerseits ist-jedoch der beredte Zeuge viel größerer Schicksale, denn mit seinen Wurzeln steht es auf dem heißerkämpften Boden Wiens, und es wäre nur billig, es wieder dorthin zu verpflanzen. Prof. Dr. Samuel Krauß. Eine saubere Partei. (Offenes Schreiben an die D en ts ch r ad i ka l en.) Am 6. August l. I. kam mir unter der Aufschrift: „Eine saubere Partei" in der „Ostdeutschen Rundschau" eine Notiz zu Gesichte, in welcher ich zu meiner nicht geringen Ueberraschung eine teilweise Wiedergabe einer meiner Arbeiten erkannte, die f r ü h e r n o ch nirgends veröffentlicht worden war. In den Glossen zu dieser'Notiz wurde die „Dentschdemokratische Partei" in antisemitischer Manier heftig angegriffen, weshalb es mir geboten erscheint, die ganze Notiz, mit passenden Glossen versehen, nachstehend wiederzngeben: „Eine saubere Partei." „Ein Zufal l (?) hat uns eine programmatische Abhandlung über das Programm der Wiener „Dentschdemokraten", die bekanntlich die Abgeordneten Ganser, Dr. Freiherr v. Hock, Dr. Pollauf (unrichtig) und Zenker bilden, z u g e f n h r t". (Wie und .von wem?) „Ans den nachfolgenden Sätzen kann entnommen werden, wie richtig (?) der Standpunkt der Wiener Dentschnationalen, sich von diesen Leuten feruznhalten, ist." „Diese sog eu an n te (doch rechtmäßig!) Partei ist nichts anderes, als eine mit Para deck) risteu auf geputzte Iudengesellschaft." (Ethisch steht diese Gesellschaft unstreitig höher, als eine mit Ueberlänfern, Renegaten und verräterischen Strebern durchsetzte Antisemitengesellschaft.) - „Wir lassen das Programm sprechen . . (Diese Punkte ersetzen hier einen sehr großen Teil meines Manuskriptes, der sich mit der D e m a g o g i e der Dentschnationalen und Christlichsozialen im österreichischen Abgeordnetenhause befaßt, die eben ans der Vertretung der verschiedensten Wählerkategorien, wie Großgrundbesitzer und Industrielle, Bauern und Kaufleute, Handwerker,' Arbeiter, Beamte und Lehrer resultiert, weil dadurch Verrat an ganzen W äh l e r k a t e g o rie n mt* vermeidlich erscheint. (Diese Darlegungen paßten den Herrschaften nicht.) „Namentlich in den Volks- und Mittelschulen soll der versöhnliche Geist der Jnterkonfessionalität. wie dies den noch immer geltenden österreichischen Staatsgrundgesetzen -entspricht, wieder hergestellt und strenge gewahrt werden." (Das kann den mit den Klerikalen zusammenwirkenden Dentschnationalen wohl nicht recht sein.) „Die„Dentschdemokrateu" sind sicherlich ebenso gute, w e n n nicht bessere Deutsche (diese Stelle wurmt die Deutschnationalen besonders), als die gegenwärtigen Deutschnationalen, weil sie an deutscher Kultur nnd deutscher Bildung gewiß nicht in geringerem Grade teilnehmen, keine Volksschichte von möglichst intensiver Teilnahme an der allgemeinen Schulbildung ausschließen wollen und ans diesem Grunde auch zu den opfer. willigsten Schulnnd Lehrerfrennden zählen, doch fühlen sie die siegende Kraft des Deutschtums viel zu lebhaft, um in Gehässigkeit nnd Eifersucht gegen Mitglieder anderer Nationen nnd dadurch in beschämende Ungerechtigkeit zu verfallen." „Die „Dentschdemokraten" halten es keineswegs für richtig, wenn wegen einer tschechischen Privatschule in der. Weltstadt Wien ein skandalöser V e r w a l t u n g s p x o z e ß geführt wird, der die österreichischen Gesetzesarchive vor aller Welt entblößt uitd wenn ans diesem Anlässe t u r b ul e u t e Str a ße na u f z ü g e a r r a u g i e r t werden, zu denen die Wiener Dentschnationalen mit den Worten anfrufen: Das Deutschtum Wiens ist in Gefahr, deutsche Frauen, helfet uns bei der Wahrung des deutschen Volkscharakters!" „So wie nach der Neberzengnng der Dentschdemokraten der Tscheche in Wien am leichtesten germanisiert wurde, wenn man ihn in Ruhe ließ, ebenso weist sie den Judenhaß und den Rassenhaß überhaupt als entsittlichend, ungerecht n n d z w eckwidrig zurück." „Die Abstammung und der Glaube darf keinen Einteilnngsgrund für verschieden berechtigte Staatsbürger abgeben." „Bezüglich der Anstrebung gleicher Bürgerrechte sind die Deutschdemokraten eines Sinnes mit den Sozialdemokraten (schrecklich) und arbeiten mit ihnen in diesem Belange oft an einem Strange; doch glauben die Deutschdemokraten, daß für Oesterreich, das von acht verschiedenen Nationen besetzt ist, von denen sich mehrere an Zahl die Wage haltert, die republikanische S t a a t s f o r m u n m ö gi i ch sei und daß die plötzliche Beseitigung des Privatkapitales zu ungeahnten Verwirrungen und verzweifelten Kämpfen führen müsse." (Der Unterschied ist also wirklich (?) sehr gering, meint die Schriftleitung.) „Dies trennt sie von den Sozialdemokraten..." (Warum führen Sie hier den Wortlaut nicht weiter an, Herr Schriftleiter?) „Die deutschdemokratische Partei umfaßt ihrer inneren Natur nach alle freisinnigen, demokratisch gesinnten und die Gerechtigkeit nnd Humanität hochhaltenden Staatsbürger, vor z u g s w e i s e S t a d tb e w o h n e r . . (Ja,. warum nicht weiter, Herr Schriftleiter?) „Die noch patriotisch gesinnte, aber freisinnige Bürgerschaft muß in ihrem eigenen Interesse in Massen der deutschdemokratischen Partei beitreten, deren Mandatare au ihren Wählern noch keinen Verrat, keine Preisgebnng von Volksinteressen begangen haben . . ." (Um des Teufels willen, warum fahren Sie nicht fort, Herr Schriftleiter?) Mit den Worten: „Und diese „Partei" darf ihren Titel noch mit dem Namen Deutsch verunzieren!" schließt unlogisch die famose Notiz. Ich versage es mir. mein ursprüngliches Manuskript hier zu ergänzen, erstens weil dadurch mein offener Brief zu umfangreich würde, zweitens, weil ich den dentschradikalen Blättern bereits für den Abdruck des hier wiedergegebenen Torsos meiner Werbeschrift dankbar bin, aber um die Oeffentlichkeit über die Kampfesweise der Dentschradikalen anfznklären, welche dieselbe noch zulässig finden, teile ich mit, daß ich zum Beginne dieses Jahres das Originalmannskript an das neue Monatsblatt der Deutschdemokraten: „Deutschdemokratische Rundschau" behufs Veröffentlichung einsendete, in welchem Blatte in der September- Nummer d. I. ein ganz ähnlicher Artikel ans meiner Feder unter dem Titel: „Niedergang der deutschbürgerlichen Regierungsparteien in Oesterreich" erscheint, dessen Inhalt aufmerksamen Lesern der „Wahrheit" bereits bekannt ist. Wie ich jetzt erst erfuhr, kam die erstgenannte Arbeit gar nicht an. Um den merkwürdigen „Zitfall" aufznhellen, der mein Manuskript in die Hände der Dentschradikalen brachte, fragte ich nun schriftlich bei der „Ostdeutschen Rundschau" an unb erhielt darauf folgendes Schreiben: Wien, am 8. Angitst 1913. Herrn Rafael Löw, Wien. Sehr geehrter Herr: Auf Ihr Schreiben hin, teilen wir Ihnen mit. daß wir die erwähnte Notiz wörtlich der „DentschradikalenKorrespondenz" Wien, VH., Nenstiftgasse 5, entnommen haben. Es entfällt daher für uns jede Verpflichtung, anfJhre weiteren Ausführungen einzngehen. Hochachtend „Ostdeutsche Rundschau."