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Die Wahrheit · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 35. schilderte dann in einer eingehenden längeren Rede die Art der Zusammensetzung der Gesellschaft in Palästina. Insbesondere besprach der Redner die Stellung des jüdischen Arbeiters und führte ans: Die zionistische Organisation hat die Pflicht, dem Problem des jüdischen Arbeiters in Palästina besonderes Interesse zu widmen, um durch ihre Institutionen möglichst für eine Besserung der Lage der jüdischen Arbeiter zu sorgen, sowie dafür, daß der jüdische Arbeiter im Lande und in der Gesellschaft die Stellung einnehme, die ihm zutommt. Ich will damit nicht sagen, daß die zionistische Organisation sich etwa in die Differenzen einznmischen hätte, die in Palästina wie in allen Ländern zuweilen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Vorkommen. Der jüdische Arbeiter in Palästina ist aber ganz allein aus sich gestellt, und während in allen Kulturstaaten die Regierungen oder die gesellschaftlicher Initiative entsprungenen Organe durch Gesetze oder durch soziale Hilfsarbeit für eine Besserung der Lage des Arbeiters wirken, existiert in Palästina noch keine soziale Instanz. Nun glauben manche, daß die Forderungen der jüdischen Arbeiter zu hoch geschraubt sind, und daß sie deswegen im Lande nicht festen Fuß fassen könnten. Das ist eine oberflächliche Ansicht. Es ist gewiß wahr, daß der jüdische Arbeiter meist in einem gewissen Grade Kulturmensch ist, und daß er mit dem äußersten Minimum, das dem Fellachen genügt, nicht existieren kann. Aber das ist ja gerade sein großer Vorteil: Die Quantität des höheren Lohnes wird durch die Qualität der Arbeit mehr wie wett gemacht. Redner besprach dann die Notwendigkeit der Errichtung menschenwürdiger Wohnräume, Leihkassen, Volkshäuser usw., die nicht einzelnen Arbeitern, sondern den A r b e i t e r Organisationen zngute kommen müßten. In Palästina haben sich jetzt Pioniere gefunden, die ihr Leben aus das Spiel setzen, das sind die W ä ch i e r, Schomerim genannt, die das jüdische Hab und Gut verteidigen. Das sei eine Tatsache, die uns in ihrer Erhabenheit staunen mache. Für die Bewegung brauche man in, erster Linie Menschen, für die Menschen Boden und zur Erwerbung des Bodens Geld. Das seien die drei Grundpfeiler.. Redner schloß mit folgenden Worten: „Wenn wir uns vergegenwärtigen, was im Laufe der letzten dreißig Jahre im Lande unserer Zukunft geschaffen worden ist, so empsinden wir jene große seelische Befriedigung, die nur aus einer gewissen Vollendung einer großen Arbeit kommt. Wir suhlen jene Genngtnung über unser Werk, weil wir nun wissen, daß wir ans dem Stadium des Anfanges heraus sind und uns mitten im Aufbau eines neuen Lebens befinden." (Großer Beifall.) Hierauf schloß Professor Warburg die Festsitzung. Die Versammlung erhebt sich und singt unter großer Begeisterung die Hatikwah. * * * Die erste Arbeitssitzung wurde Mittwoch, den 3. September, 10 Uhr vormittags, im großen Mnsikvereinssaale eröffnet. Den Vorsitz führte zunächst Professor Warburg, der die Wahl des Bureaus einleitete, das gemäß dem Vorschläge des Aktionskomitees nahezu einstimmig gewählt wurde. Zum Präsidenten des Kongresses wurde unter stürmischer Akklamation Dr. Wolffs o h n gewählt. Zu Vize-Präsidenten Adolf Stand, Lemberg, Oberrabbiner Dr. Gaster, London, Julius Simon, Mannheim, Justizrat Dr. Bodenheimer, Cöln und M. Ussischkin, Odessa. Zn Beisitzern und Schriftführern wurden u. a. Friedensrichter Jakob Moser, Bradfori, Oberrabbiner Reines, Lida, Professor Schechter, New-Iork, Dr. Ielliu, Jerusalem und Oberingenieur Stricker, Wien gewählt. Der Präsident gedachte sodann der seit dem X. Kongreß verstorbenen Mitglieder der Organisation und erteilte hierauf das Wort Herrn Dr. Hauske, der den Bericht des Aktionskomitees erstattete. Eine Wiener Reliquie. Im Besitze meines Freundes, des Herrn Dr. Alexander Büchler, Rabbiner in Keszthely (am Plattensee), wo ich Heuer meine Sommerferien hielt, befindet sich ein schmuckes Mohel- Agendenbüch, das in mehrfacher Beziehung bemerkt zu werden verdient. Zwar ist dies ein Typus, der genug häufig auzntreffen ist, aber unser Büchlein, eine kleine PergauleNthandschrift in Duodezformat, im ganzen nur 23 Seiten stark, hat das eigene, daß es in Wien im Jahre 1684 geschrieben wurde, also 14 Jahre nach dem großen „0leru8ch^ vom Jahre 1670, einer Untat, die ja nach dem Wunsche ihrer Urheber den Stamm Israels in Wien völlig ausrotten sollte. Verwundert fragen wir : hat es denn 14 Jahre nach der Katastrophe von 1670 wieder Inden in Wien gegeben, so daß ein . Mohel existieren konnte? Wie immer man diese Frage beantworten mag — ob nun so, daß etwa ein Angestellter der Häuser Oppenheimer und W e r t h e i m e r, die bekanntlich bald darauf in Wien ansäßig wurden, der Schreiber des Büchleins gewesen, oder irgend einer, der sich heimlich in Wien aufhielt —- in jedem Falle ist die Existenz dieses Büchleins von großem Interesse. Das erste Blatt, auf dem ein schönes Portal gezeichnet ist, enthält den Titel. Er lautet : Sefer Scharbit ha-zahab, ein für diese Gattung recht beliebter Bnchname. Nach den üblichen Anpreisungen des Wertes des Büchleins folgt hier unten (hebräisch): „Geschrieben hier in Wien im Jahre (durch eigens bezeichnete Buchstaben ausgedrückt) 444 der kleinen Zeitrechnung, das ist' also 1684 der gangbaren Zeitrechnung. Außer der zierlichen Illustration des Titelblattes verdienen noch folgende Zeichnungen eine Erwähnung: Inneres einer von Säulen getragenen Synagoge mit der heiligen Lade,' zu welcher hohe Treppen führen, im Mittelpunkte; rechts daneben eine Gruppe von Frauen (zusammen sieben Gestalten), deren eine das Kind ans dem Arme trägt; links daneben der Mohel mit dem gezückten Messer in der rechten Hand. Auf einem anderen Blatte — die Blätter sind nicht gezählt — befindet sich das Bild der Beschneidung selbst, die sehr realistisch gezeichnet ist; der Gevatter (Sandek) sitzt auf dem hohen Eliastuhl, das Kind im Schoße haltend, an dem der Mohel gerade die Beschneidung voruimmt; zur Rechten und zur Linken steht je ein Mann mit einer brennenden Kerze. Aus dem nun folgenden Bilde spricht der Mohel den Segen über'den Weinbecher, während er hart an der Bnndeslade steht; zu .seiner Linken steht der Sandek mit dem Kinde, und ihm zur Linken steht einer der Kerzenträger. Im nächsten Bilde sitzen die Männer — in dem en face gehaltenen Bilde sind ihrer nur fünf, das ist die Hälfte, sichtbar — an dem schön gedeckten Tische, über welchem die siebenarmige Sabbatlampe hängt; das Mahl ist schon zu Ende, und man schickt sich an, das Tischgebet zu sprechen. Da in dem Tischgebet auch die Einschaltung für Chanukka und Purim mitgeleilt wird, so hat unser „Künstler" Gelegenheit, auch das Bild der Chanukkalampe und des Hamangalgens anznbringen. Desgleichen benützt er die Erwähnung Jerusalems, um von der heiligen Stadt ein phantastisches Bild zu malen. Alte Bilder befinden sich inmitten der Gebetstücke, sind en miniature gehalten, sind aber nie koloriert. Der Verfasser wollte augenscheinlich nur in den Zeichnungen exzellieren, denn im Texte der hebräischen Gebetstücke hat er nichts Besonderes geleistet, ja, die sind bei ihm herzlich schlecht geraten. Aber seine Bilder sind kulturhistorisch gewiß von Interesse, so das Interieur des Zimmers, die Trachten der Männer und Frauen, und vielleicht stellt das Innere der Synagoge jenen Betranm in Wirklichkeit dar, in. welchem die Inden Wiens damals ihre Andacht verrichtet hatten. Die letzte Seite enthält Eintragungen von einer anderen Hand. lieber einem geschnörkelten Blumentopf, an dem zwei Tauben picken, nennt sich in schönen Qnadratlettern der Eigentümer; es ist der Knabe Josef, Sohn des Gelehrten Salomo Moor (Moor ist ein Marktstecken im Weißenbnrger Komitate, nach dem sich jene Männer nach damaliger Sitte genannt hatten, doch ist die Familie unter dem Namen Nosental besser bekannt), der das Büchlein von seiner Mutter, der Frau Tschorna ans Leipnik, zu Geschenk erhalten hattean den Namen der Mutter spielt das im Bilde mitverwendete Wort rw und das Taubenmotiv an. Der Vater Salomos hieß Naftali, der den Ruhm der Familie begründet hatte. Die Eintragung datiert von Montag, den 12. Nisan 663, d. i. 1793, ist also um fast 110 Jahre jünger als das Entstehen des

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