Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 35 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite &. Nr. 85. jüdischen Gemeinwesen, das vielleicht neben Warschau das größte auf dem europäischen Kontinent ist, unsere freundlichsten Gesinnungen zu verdolmetschen. (Lebhafter Beifall.) Indem ich dieser auszeichnenden Mission Nachkomme, kann es inir, geehrter Kongreß, selbstverständlich nicht zustehen, ein Bekenntnis abznlegen zu den Problemen und zu den Theorien, mit denen Sie sich beschäftigen und befassen werden. Das würde füglich über die Reichweite meines Mandates hinausgehen. Aber, geehrter Kongreß, das darf und will ich hervorheben: die tiefe Einsicht für die Größe der Idee, welche, wie die geehrten Herren Vorredner bereits hervorgehoben haben, aus dieser Stadt hervorgegangen ist, welche ein getreues Mitglied unseres Gemeintvesens erdacht, erfaßt und mit seinem sprühenden, von aller Dell bewunderten Geist geadelt hat. (Lebhafter Beifall.) Ja, es ist wahr, geehrter Kongreß, seine Idee hat eine Welt entzündet und nicht allein die jüdische, sie hat die einen iyit voller Begeisterung jubelnd mit sich fortgerissen, aber andere, Sie müssen mir dieses Bekenntnis verzeihen, nicht ganz überzeugt, aber doch mindestens zur Nachdenklichkeit gestimmt. (Beifall.) Denn das Echo, das Ihre Idee verbreitet hat. war viel zu kräftig, die Stoßkraft viel zu mächtig, als daß diese Sache gering geachtet werden konnte; und dieses Lob und diese Anerkennung muß ihrer Bewegung mit aller Uneingeschränktheit znerkgnnt werden, ist sie doch lediglich als eine geistige Evolution zu erfassen, als gewissermaßen sittliche Gegenforderung gegen feindselige Zeitströmungen, erfüllt und gesättigt mit historischen Gesichtspunkten, mit wirtschaftlichen Ideen, mit nationalen Bestrebungen und brennend vor inbrünstiger Sehnsucht nach der Wiederaufrichtung des alten und längst zerstörten Jndenstaates. (Hedad, lebhafter Beifall). — Unsere große Gemeinde, geehrter Kongreße die an der Schneide zwischen. Osten und Westen eine gewaltige Kulturaufgabe — und tu diesem Sinne war der Anruf des geehrten Herrn Vorsitzenden vollauf berechtigt, — eine gewaltige Kulturaufgabe zu erfüllen, die Gemeinde, welche ssir die jüdischen Interessen opferwillig sich hiugibt, welche über das jüdische sittliche und religiöse Leben einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung sorgte als Feuerwächter unseres Glaubens, sie bringt selbstverständlich wie allen jüdischen Angelegenheiten auch Ihrer Sache ein lebendiges Verständnis entgegen/ (Bravo!) Unsere Gemeinde wird daher Ihre Beratungen und die Entschließungen, die hier zur Reife gedeihen sollten, mit teilnahmsvoller Aufmerksamkeit verfolgen und sie wird insbesondere jene Entschließungen, die gegebenenfalls die Interessen und den Wirkungsbereich unserer Gemeinde streifen könnten, entsprechend beachten. (Bravo!) Wir hegen daher den aufrichtigen Wunsch, daß Ihre schwierigen Beratungen zu einem gedeihlichen Ziele führen, damit sie dem Judentum, den jüdischen Glaubensgenossen zum Segen gereichen und zu glücklichen Ergebnissen führen. Und nun, geehrter Kongreß, ein Wunsch vom Herzen: Mögen die Tage, die Sie hier in diese große, herrliche, gastfreundliche Stadt zusammengeführtchaben, Ihnen in angenehmster Weise verfließen. In einer Stadt, deren Boden uns Juden und jüdischen Bürgern lieb, teuer und heilig geworden ist. Lieb und teuer durch eine Jahrhunderte alte jüdische Geschichte, durch unsägliche Leiden, aber auch durch große Taten des jüdischen Geistes, durch hervorragende Werke und Leistungen, ein Boden, der durch Ueberliefernng zu uns gehört, unverjährbar und heilig sage ich, geehrter Kongreß, eingedenk einer Maxime, welche Ihr Programm selbst verkündet und welches lautet: Zionismus und Patriotismus können sich sehr wohl zueinander paaren. (Beifall und Händeklatschen.) Und in diesem Sinne möchte ich schließen, geehrter Kongreß, indem ich die Ehre habe. Sie im Namen der Israelitischen Knltusgemeinde aufs wärmste zu begrüßen, mit der Einladung, unsere religiösen Einrichtungen, humanitären Anstalten, Denkmäler einer langen Geschichte, zu besichtigen, damit Sie, die aus allen Weltrichtnugen gekommen sind, von uns lernen, gleich wie wir das Versprechen abgeben, auch von Ihnen lernen zn wollen. (Beifall und Händeklatschen.) Namens der türkischen Jsraelitengemeinde iit Wien sprach Herr Leon H a i m: Hochgeehrter Kongreß! Im Namen des Vorstandes der tÜrkischffjsraeljtischen Gemeinde zu Wien habe ich die Ehre, Sie ans das herzlichste zu begrüßen und wünsche Ihrem ersprießlichen Wirken, Ihrer hingebungsvollen Tätigkeit einen ebenso großen Erfolg wie bisher, zum Heile des großen Judentums. Es gereicht mir zur besonderen Freude, Ihnen die herzliche Versicherung zu geben, daß S i e a u ch i n unsere» s e p h a r d i s ch e it Kreisen viele Anhänger erworben habe u. (Lebhafter Beifall.) Besonders unsere Jugend unter Führung des akademischen Vereines „Esperan za" (Beifall) hat sich mit Begeisterung um die Fahne des Zionismus geschart und will mit Ihnen an der Verwirklichung dieser Idee Mitarbeiten. (Lebhafter Beifall.) Professor W a r b n r g dankte den Vertretern der Wiener Korporationen für ihre freundlichen Begrüßungen und anerkannte betreffs der Wiener Kultnsgemünde, daß sie als eine der allererstell durch direkte U n t e r st ü tz u u g palästinensischer Bestrebungen einVorbild gegeben für sämtliche andere Kn ltnrge mein den. (Lebhafter Beifall.) So hat sie tatsächlich Kultus und Kultur auch in unserem Sinne eng miteinander in Verbindung gesetzt. Die Referate. Das erste Referat erstattete Herr Nahum S v k o l o w (Berlin) über das jüdische Leben in der Diaspora. Er führte aus. daß die gegenwärtige Zeit für das Judentum eine sehr schlechte Zeit sei. Die Mehrheit des jüdischen Volkes leide jetzt mehr als es seit langer Zeit gelitten habe. Es ist aber nicht nur die Zeit selbst, es sind auch schicksalsschwere Ereignisse, die den Kreis des Elends immer weiter ziehen. Dort, wo sich der wandernde Menscheustrom beständig hin und her wälzt, begegnet man in letzter Zeit neuen Gestalten, die durch das Gewühl der Häfen müde und ziellos nmherschweifen : Balkans »den. Aber der Schwerpunkt des Volksleids liegt nicht etwa in den blutigen Launen der Weltgeschichte, in Kriegen. Das sind Konflikte vorübergehender Art. Wenn es einen Zustand gibt, der die ganze Trostlosigkeit der Lage darstellt, so ist es derjenige, der inmitten tiefsten Friedens im jüdischen Ansiedlungsrayon des europäischen Ostens herrscht. Es ist ein Kriegszustand im tiefen Frieden. Ein Kampf, den mit allen Waffen eines wütenden Hasses, einer rücksichtslosen Verfolgung, raffinierter Ausnahmsgesetze und grenzenloser Willkür gegen die ganze jüdische Bevölkerung geführt wird. Die noch vorhandenen Ueberreste beschränkter Einzelmöglichkeiten werden bis in ihre dunkelsten Tiefen verfolgt und vernichtet. Das ist das tägliche Brot des osteuropäischen Jltden. Nun aber gibt es spezielle Prämien. Das Blntmärchen. Es ist dies eine verbrecherische und ruchlose Herausforderung des Gesamtjudentums der Welt. Redner besprach dann den Boykott gegen die Juden in Polen und die Pogrome in Warschau und Siedler. Schwer sei auch das Leid der „fremden" Juden. So sei eine Judenhetze in Deutschland gegen die Ostjudeu, in Frankreich gegen die deutschen Inden und in England gegen die „Aliens". Man hetze direkt zum Rassenhaß auf. So sei man zu einer Art neuer jüdischer Märtyrer gelangt. Es sind dies die Boykottopfer. Nene, irrende, suchende, bangende Menschen, die au den Bettelstab gekommen sind- Bald wird man ihnen in Westeuropa, in England, in Amerika, in Südafrika begegnen. Das ist auch det- Zweck des Boykotts: Judenanslreibung auf indirklem Wege. Ob die Einwandernngsgebiete die neuen und sehr zahlreichen Emigrationskandidaten aufuehmen werden, läßt sich nicht sagen. Die Tendenz ist nicht sehr günstig. Redner führte dann aus, wie der Zionismus und seine Bewegung hier helfend eingreifen könnte. Die Verbindungsbrücke zwischen Zionismus und Diasporaproblem ist das jüdische N ati on a lbewußtsein. Der sicherste Weg ist die nationale Erziehung zur Einheit. Besonderer Wert sei auf die Jugend zu legen. Deshalb sek auch die Ueberzeuguug von der Sicherheit einer Zukunft des jüdischen Volkes eine Vorbedingung für die psychologische Möglichkeit einer aufrichtigen Gesinnung und energischen Tätigkeit in der Gegenwart. (Stürmischer Beifall.) Hierauf sprach Dr. S chmarja- Levin (Haifu) über das neue Judentum in P a l ä st i n a. Er gedachte einleitend der großen Verdienste des Barons Edmund Rothschild um das Entstehen gesunder und lebensfähiger Kolonien und