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Die Wahrheit · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die losigkeit der Mehrheit unserer Brüder stark empfinden. Die finsteren Schatten des stummen jüdischen Leides, des Dahinsiechens vieler Millionen unserer Brüder unter unerträglicher Bürde senken sich auch auf unseren Kongreß. Ader bei uns erzeugen sie nicht mehr bleierne Schwermut und brütende Verzweiflung, nein> eine treibende, spannende Kraft geht von ihnen aus, denn unter dem Zeichen des Zionismus eröffnen sich uns weite Wege und hohe Ziele., Die Kongreßperiode, die hinter uns liegt, war die Zeit großer und ernster Ereignisse für das Reich, dessen förderndes Wohlwollen wir für unsere Ansgaben in Palästina in erster Reihe erstreben. Das jüdische Volk, dessen Sympathie für das türkische Staatswesen tief und unerschütterlich bleibt, hegt den sehnlichsten Wunsch, daß die Türkei die jetzige Krise überwinde und als ein machtvolles Staatsgebilde erhalten bleibe, um einer großen kulturellen Erneuerung entgegenzugehen. Was wir in Palästina zum Wohle des jüdischen Volkes erstreben, bildet einen wichtigen Teil dieser Neuentwicklung des Ottomanischen Reiches. Der Redner schilderte dann das Programm, das auf dem System des B a s e l e r Programms aufgebant ist. In dieser Entwicklungsgeschichte lassen sich drei Perioden unterscheiden. In der ersten Periode verhielt sich die Organisation der praktischen Arbeit in Palästina gegenüber ablehnend. In der zweiten Periode sah man schon ein. daß man praktischer Maßnahmen bedürfe zur Beschwichtigung der Ungeduldigen und zur Heranziehung neuer Kräfte. Die dritte Periode ist bereits die Folge einer völligen geistigen Umgestaltung des Ideenkomplexes, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt. Politische A r b e it und praktische P a l ä st i n aarbeit greifen jetzt ineinander. Das jüdische Volksleben in Palästina müsse gehoben und erweitert werden, die wirtschaftliche Position in Stadt und Land gefestigt werden. Zu diesem Zwecke sind wir bemüht, die öffentliche Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei von dem friedlichen und kultursördernden Charakter unserer Bewegung zu überzeugen. Wir können mit Genugtuung feftstellen, daß da manche Vorurteile gefallen find. Hatte die Türkei doch im Laufe der letzten Jahre Gelegenheit genug, die Treue und Loyalität der Inden zu erproben. Die Türkei will leben, will sich erneuern. Aber was ihrem Verjüugnngsprozeß Leben und Inhalt gibt, das ist die beschleunigte Ausschließung und Besiedelung des Landes, die Nutzbarmachung der heimischen Bodenkräfte und Hilfsquellen, die Urbarmachung der Oeden. die Heranziehung von Kapital und Intelligenz. Eben dies sind die Bestrebungen, die unserer Bewegung in Palästina zugrunde liegen. So werden wir durch unser W e r k z u d e r E n t w i ck l u n g d e s türkischen Staates bedeutend beitragen. Was wir dem Lande an materiellen Gütern und kulturellen Fortschritten zusühren, kommt auch der arabischen Bevölkerung zugute und wird mit der Zeit das Harmonische Zusammenwirken beider in Rasse und Sprache so nahe verwandter nationaler Elemente fördern. Redner betonte, daß die Zionistenarbeit in Palästina auf den Beifall der gesamten Menschheit rechnen könnte, wenn sie fühlen sich bei den Bestrebungen in dauernder Gemeinschaft mit den hervorragendsten Förderern menschlicher Kultur. Haben doch die meisten Staaten auch ein eigenes materielles und moralisches Interesse daran, daß der Orient wieder zur Stätte blühender Zivilisation werde. Deshalb sind wir auch überzeugt, daß alle Regierungen und Völker unser Friedenswerk mit Wohlgefallen betrachten. Der Referent schilderte dann die praktisch e P a l ästina-Arbeit und führtechabei aus: Selbstverständlich ift der Acker- und Gartenb a u das Arbeitsgebiet, das die vorderste Stelle und den ° breitesten Raum verdient. Die Jeminiteneiuwaudernng hat ein förderliches, nationales Element dem Laude zngeführt und bildete den Gegenstand unserer eifrigsten Fürsorge. Die Achusa-Bewegnng ist "eine praktische Errungenschaft von hervorragendem Werte. Die Palästina Land Development Company steht als Instrument für Bodenkanf und Parzellierung im Mittelpunkt unserer ländlichen Kolonisationsarbeit, wobei Unsere Banken im Vereine mit dem National-^ Wahrheit. Nr. 35. fonds durch Kreditgewährung große Dienste leistem Die Förderung von Hände luit d I n d n st r i e gehört zwar , mehr in das Gebiet der Privatinitiative, doch sind auch hier unsere Fiuauziilstitute von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Bezalel, unsere K nn st g e w e r b e sch u l e in Jerusalem und derA r a u e uverband, der für die Förderung unserer Frauenarbeit in Palästina Wichtiges leistet, haben ihre Tätigkeit erweitert. Auf kulturellem Gebiete haben die L e h r e r o r g a n i s a t i o n Merkas Hamorim und der W i s s e u s chaftliche Spra chv e r e i n Waad Halaschon sich wichtigen nationalen Aufgaben gewidmet. Ein dringendes Postulat, die S a n i e r u u g Palästinas, ist das Ziel des kürzlich entstandenen internationalen Gesundheitsamtes i n P a l ä st i n a, an dem Zionisten, wie Nathan Strauß, und der Verein jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler in hervorragender Weise beteiligt sind. Alle diese Institutionen werden von unserer palästinensischen Exekutive, dem P a l ä st i n a am t, geleitet. Erfreulicherweise hält sich unser Budget im Gleichgewicht. Der Kongreß wiod sich damit zu beschäftigen haben, wie die Mehrung und Sicherheit der Geldmittel für kolonisatorische, palästinensisch kulturelle und organisatorische Ansgaben bei gesunder Finanzgebahrnwg zu erreichen sei. Eine zweite Aufgabe des Kongresses sei es. sich mit. der Idee der Gründung einer U n i v ers i t ä t i it Jerusalem zn befassen. Durch - die Verwirklichnng dieses gewaltigen nationalknlturellen. Gedankens könnte eine Pflanzstätte allgemeiner und jüdischer Wissenschaft in der ältesten und würdigsten Knltnrstadt der Welt,. in unserem Jerusalem, geschaffen werden. Professor Marburg berichtete sodann über die Propagandatätigkeit in der abgelansenen Periode und schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: „V e r e h r t e K o u g r e ßmitgliede r! Zn wichtigen Arbeiten sind Sie berufen, mit klarem Blick und warmen Empfinden für das jüdische Volk werden Sie an die schwere Arbeit herantreten, zu der Sie entsandt worden sind. Stets das Wohl unseres Volkes als Leitstern vor Angen, werden Sie inr brüderlichem Zusammenwirken das Vertrauen ihrer Auftraggeber rechtfertigen. Möge der Erfolg die Bemühungen krönen!' Zum Heile unseres Volkes, zum Fortschreiten und Gedeihen unserer Arbeit und unserer Idee. Der.XI. Kongreß ist erst f f it e t! ‘ _ - Auf die Rede folgte nicht eudenwyllender Beifall und Tücherschweuken, Rosen und Nelken, von schöner Frauenhand auf die Estrade geworfen —/ Prof. Dr. W a r b u r g mußte sich immer und immer wieder dankend verneigen. Dann gab er das Wort Herrn Dr. Karl Pollak, der den Kongreß namens des Westösterreichischen Zentralkomitees begrüßte: ' „Uns österreichischen Zionisten ist e i n H e r z e n s w un sch dam i t in Erfüllung gegangen, daß der Kongreß endlich auch einmal in Wien tagt, in der Stadt, ans welcher der - Weckruf unseres unvergeßlichen großen Führers erscholl (lebhafter Beifall). Daß diese schöne Stadt uns Juden gerade kein freundliches Gesicht zeigt, das verschlägt ja Ihnen, verehrte Herren, als Zionisten wenig. 'Denn Sie wissen, ob-Basel oder Haag, ob Hamburg oder Wien, wir sind doch hier überall im Golus. Daß aber Ihre Tagung zu einem kraftvollen Schritt werde, b e rans ans diese m Go l ns, vorw ärts auf dem Wege nach Erez Israel!" Für die israelitische Kultus ge me in de Wien sprach sodann Knltusvorsteher Dr. Heinrich S ch re i b e r, wer dem Kongreß die folgende Ansprache widmete: „Mir ist, geehrter Kongreß, die ehrenvolle Aufgabe zutefi geworden, au diese dichtgescharte Versammlung, zu der unsere Glaubensgenossen aus allen Teilen des Erdballes erschienen sind, ein herzliches Willkommen zn richten. ' Die geehrte Leitung' des Kongresses hat die Freundlichkeit gehabt, ■ den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde zn ihren heute beginnenden Beratungen einzuladen und das Präsidium der Kultusgemeinde ist mit besonderer Vorliebe, mit großem Vorzüge dieser Einladung nachgekommen, indem es Mich, als ein bescheidenes Mitglied des Vorstandes dazu ausersehen chat, hier im Namen itnseres großen

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