Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 35 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063709--08648-3075833- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Redaktion und Administration: Wie«, II/, Rovaragasse 27 Telephon: Siedaktion 5509/1V. Unabhängige Aeikfchnfi für jnöifche Ganziahi lg ...... K 14. - Halb!,ihrig. K 7.— Sdminikralion 493811. Jt. k. Sfterr. SBoftfüarfafia» «check-Konio Sir, 100.918. Interessen. Für NiiUuSdtlimtr: 'Minni.itniii. K lll JhiJ'crate: Tie viermal gespaltene Aonpareiste-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Für V(ii«(uub: AbonnemeniSnnd Insertion?- 'UutiftittQriti ..K 'Jllutf betröge und in Wien zahlbar und klagbar. Molto: „Daa Sieg«! Wottes ist Wahrhwil!“ ' 6 Stilbn »der IN ftrc*. -- Wr. 85. Wien. 5. September HM8 Inhalt: XI. Zioiiistkiikongreß in Wien. — Eine Wiener Reliquie. — Eine saubere Partei. — Von Wien bis Franzensbad. — Geichichtssälichungen und Erschleichungen. — Indischer Patriotismus. — Die Macht der Gattin des Gemeindepräses. — Reisebrief. — Verschiedene Nachrichten. X!. ZiouistenKongreß in Wien. Im Mittelpnnkle des jüdischen Interesses steht diese Woche der XI. Zionistenkongreß, der hener zum ersten Mole in Wien tagt, an der Stätte, von welcher aus Theodor H erzl seinen mächtigen Weckens an das jüdische Volk ertönen ließ nnd wo vor nngefähr zwei Jahrzehnten der Grundstein zur zionistischen Organisation gelegt wurde. Man mag anderwärts über das jüdische Leben in Wien die Nase rümpfen und insbesondere in zionistischen.Kreisen dasselbe,. als im Sumpfe des Assimilantentnms erstickt geringschätzen, die Geschichte lehrt trotzdem mit nnleugbarer Deutlichkeit, daß gerade von Wien aus große Ideen und Bewegungen ausgegangen sind, die auf die Geschicke des .jüdischen Volkes in der ganzen Welt bestimmend eingewirkl haben. Wien war und bleibt ein mächtiges jüdisches Zentrum und darum ist es auch begreiflich, daß der heurige Kongreß in Bezug auf die Zahl der Teilnehmer, die auf 9000 geschätzt wird, seine Vorgänger überirifft. Die Eröffnungssitzung. Dienstag, den 2. September, 8 Uhr abends wurde der Kongreß mit einer Festsitzung in der reich dekorierten Katharinenhalle im Dreherpark eröffnet. Der bis auf das letzte Plätzchen gefüllte Saal bot ein bnntbewegtes prächtiges Bild. Die Kongreßdelegierten hatten sich vollzählig eingefnnden. Unter ihnen befanden sich Vertreter ans China, Kanada nnd Australien; Palästina ist durch 50 Delegierte.vertreten. Als Vorsitzender der Festsitzung fungierte der Präsident des engeren Aktionskomitees, der bekannte Botaniker und Professor am Orientalischen Seminar Professor Dr. W a r b u r g (Berlin). Von hervorragenden Mitgliedern der zionistischen Organisation sind unter anderen anwesend: Dr. L ev i n, Direktor der jüdisch-technischen Hochschule in Haiva, Professor Weizmann (Mauschester), Dr. T s ch l e u o w. (Moskau), N. S o k o l o w (Berlin), Herausgeber der größten hebräischen Tageszeitung „Hazefirah", Dr. R u p p i n. Vorsteher des zionistischen Palästinaanues, Dr. V. Jacobson, Direktor der zionistischen Bank in Konstantinopel, Dr. M. G a st e r (London), Chacham der sephardischen Juden Westeuropas, Dr. Bodenheime r, Präsident des jüdischen Nationalfonds, D. W o l f f s o h n, Vorsitzender der jüdischen Kolonialbank in London, Dr. K a tz e n e l s o h n, Leiter des Auswanderuttgsamtes in Liban,. M. U s s i schling, Vorsitzender der Kolonisationsgesellschaft in Odessa. Kurz nach 8^ Uhr erschien das Aktionskomitee auf der Estrade, von stürmischem Beifall begrüßt. Die vielen Tausende, die den Saal und die Galerien füllten, erhoben sich nnd begrüßten das Aktionskomitee mit begeistertem Jubel, der sich erneute, als ein wenig später der frühere Präsident des Aktionskomitees, David W o l f f s o h n, erschien. Professor Warb u r g eröfsnete den Kongreß mit folgender Ansprache: Eine ehrfurchtsvolle feierliche Stimmung erfüllt uns heute hier bei dem Gedanken, daß wir diesmal unseren Zionistenkongreß in jener ehrwürdigen und schönen Stadt abhalten, von der aus unser großer Führer Theodor Herzl in die Oeffentlichkeit trat. Durch die Ausstrahlungen seines tiefen Gemüts, seines scharfen Verstandes und seines prophetischen Geistes gelang es diesem gewaltigen Mann, die tausendjährige Zionshoffnnng des jüdischen Volkes wieder zu erwecken. Aus ihr, die damals in tiefem Versteck der Volksseele schlafend ruhte, schuf er mit lautem Weckruf eine mächtige, weltumspannende Organisation. Nur 17 Jahre sind seitdem verflossen, aber die Saat, die er streute, ging auf nnd wuchs zu einem stattlichen Baume heran; in diesen 17 Jahren, kaum einem Augenblicke im Leben eines Volkes, entstand ein vielgestaltiger Organismus von reicher Gliederirng nnd mannigfachen Ansätzen zu weiterer Ausgestaltung. Theodor Herzl gebührt hier an erster Stelle in lief empfundener Würdigung seiner unsterblichen Leistungen für das jüdische Volk der Tribut unserer Dankbarkeit. Seine irdische Hülle betteten wir hier mtr allzu früh zur ewigen Ruhe; aber sein Geist schwebt über uns nnd möge bei unseren Verhandlungen in uns sein, der Geist des echten Zionismus, der Inbegriff jener ewigen Ideen, denen das Leben nnd die Zukunft unseres jüdischen Volkes gehören. Auch andere Erinnerungen ziehen hier an unserem Geiste vorüber. Hatten sich doch schon in Wien vor Herzl kleine Gruppen jungjüdischer Bannerträger gesammelt, Pfadfinder unserer jüdisch-nationalen Studentenschaft. Anfangs rangen sie schwer iu fast hoffnungsloser Pionierarbeit, jetzt aber haben wir-in der ganzen Welt eine wohlorganisierte, stark jüdisch fühlende Studentenschaft, bei deren Anblick uns das Herz anfgeht. Noch ein Name darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist Perez S m o l e n s k i n, ein Meister unserer nationalen Sprache, der hier in Wien in der Vorzeit des Zionismus mit flammender Begeisterung für Palästina eintrat. Kein Zufall ist es, daß gerade in Wien so viele Keime unserer Bewegung sproßten. Sind wir doch hier in der geistigen nnd physischen Nähe unserer schwer kämpfenden und hart bedrückten östlichen Volksmassen. Ein jeder muß hier die' ganze Tragik der Heimat»