Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. - Nr.- 34. Ich fragte den Handwerker dann nach dem Stande seines Geschäfts. Er erzählte mir, er habe in den letzten Jahren große Verluste gehabt, er sei viel betrogen worden. „Zum Donnerwetter", warf ich unvermittelt ein, „dann arbeiten Sie wohl ausschließlich für solche Automobilisten?" — „Nein", erwiderte er, „es sind ausschließlich kleinere und mittlere Leute." — „Aber viel Juden dabei?" fragte ich weiter. Er sah mich überrascht an und entgegnete dann zögernd : „Nein, Juden sind nicht dabei." Ich lachte. „Sehen Sie, das sind also lauter Christen", warf ich ein. Er zuckte mit den Achseln. „Sehen Sie", fuhr ich fort, „weil ich diese Wirtschaft im Laufe der Jahre mehr und mehr kennen gelernt habe, bin ich nicht mehr Antisemit. Ich habe gesehen, daß es unter den Christen ebensoviel Leute gibt, die nichts taugen, wie unter den Juden. Ich habe aber weiter gesehen, daß die meisten dieser Leute von Hause aus nicht so schlecht sind, daß viele durch unsere herrliche Gesetzgebung geradezu zu allen möglichen Dummheiten verführt werden, daß nur eine allgemeine Reform unsererer mehrals großartigen Gesetzgebung die Wurzeln des Uebels ausrotten kann. Bei dieser Reform können sich die anständigen Christen und Juden die Hände reichen. Würde wohl Ihr nobler Aittomobilfahrer einen Pfennig fremden Geldes angerührt haben, wenn ihm in Aussicht gestanden hätte, daß er bei den Pstasterarbeiten in der Kaiserstraße Steine und Sand karren mußte und daß ihm vielleicht täglich ein Mark abgezogen wurde? Und hätte einer von Ihren braven christlichen Kunden daran gedacht, Sie zu betrügen, wenn ihnen das gleiche Schicksal geblüht hätte? Der Mann blieb mir die Antwort schuldig. Die Wahrheit ist immer bitter. Ich mußte, als wir uns getrennt hatten, an einen hervorragenden Amisemiten denken, der sich oft darüber anfregt, daß Juden mit christlichen Mädchen intime Beziehungen unterhalten. Dieser selbige Mann wechselt seine Verhältnisse wie die Taschentücher und hat darüber nicht die geringsten Skrupel. Er selbst hält sich für berechtigt, die Töchter seines Volkes in der Weise an der Nase herumzuführen. Drm Inden will er es verbieten. Manche Antisemiten sehen wirklich den Wald vor Bäumen uicht. Man mag noch so viel auf die Ungereimtheit dieser Anschauungen verweisen. Oft gewinnt man den Eindruck, als ob solche Antisemiten die Wahrheil uicht begreifen wollen, weil sie ihnen unbequem ist, als ob sie deshalb nichts von einem Abarbeiten der Schulden wissen wollen, weil sie fürchten, einmal selbst diesem Schicksale zu verfallen. Es ist ja auch weit bequemer, andere für feine eigene Faulheit und Lässigkeit verantwortlich zu machen, als selbst tüchtig Hand anzulegen. Die weiterblickenden Antisemiten sollten endlich ihre Ansichten in dieser Richtung revidieren, und dann ihren Gesinnungsgenossen in ihrer Lebensführung ein vernünftiges Beispiel geben." Den Magdeburger Antisemiten sind diese ehrlichen Bekenntnisse eines ihrer ehemaligen Gesinnungsgenossen erklärlicherweise sehr unangenehm gewesen, und so raffte sich denn ein Herr Paul Dentschmann in der -nächsten Nummer der „Sachsenschan" zu einer geharnischten Erwiderung auf. Herr Faßhauer ließ sich aber uicht einschüchtern und gab ihm ans einige an ihn gerichtete Fragen recht hübsch Bescheid, z. B.: „ . . . Der Breslauer Kaufmann ist lediglich ein Typus für die zahlreichen Deutschen, die es infolge ihrer verkehrteil Wirtschaftsführung zu nichts bringen und dann Antisemiten werden. Ich könlite viele alte Magdeburger Geschäfte nennen, die nicht von Juden niederkonkurriert worden sind, sondern sich selber zu Tode repräsentiert und amüsiert haben." . . Wie viele Unsummen sind schon bei antisemitischen Zeimugsgründungen-verloren gegangen, wie viele gutgläubige Leute um ihr ganzes Vermögen gradezu in raffinierter Weise betrogen worden? Wenn ich auspacken wollte, könnte ich dem Einsender richtige Mordsgeschichten erzählen. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, daß ich mich recht und schlecht durchgeschlagen und keinen Menschen um einen Pfennig betrogen habe. - Wohl aber bin ich selbst von Antisemiten, betrogen worden." „ ... Der Einsender bezweifelt^ daß die Juden für eine vernünftige Gesetzgebuug nicht zu haben sind. Ich kann ihm aus meiner vielseitigen Kenntnis des praktischen Lebens-- verraten, daß die. anständigen .Juden schon längst eine andere Gesetzgebung herbeisehnen, weil sie genau so wie die anständigen Christen unter unserer heutigen Spitzbuben- und Gaunerwirtschaft' zn leiden haben, welche durch unsere herrliche Gesetzgebung^ großgezogen wird. Diese anständigen Juden werden kräftig an der Aenderung dieser. Gesetzgebung Mitarbeiten, weil sie selbst, das größte Interesse daran haben. Nun'noch die Warenhaus-- betriebe. Die Antisemiten sehen nur Wertheim,. Tietz u. Baraschusw. Sie verschließen aber die Augen vor den Warenhäusern von Krupp und anderer großer Werke, vor den großen Verkaufsstellen des Bundes der Landwirte und des Offizier- und- Beamtenverereins. Diese waren eher da als jene und haben ebenfalls stott an der Vernichtung von Mittelstandsexistenzen gearbeitet wie jene!" Uerschiedene Nachrichten. Wien. Herr Rabbiner F l e sch wird Samstag, den 30. d. M.. 10 Uhr vormittags, im Bethaus-Vereine „Montefiore", II., Taborstraße 38 seine Abschiedspredigt halten. 'r. Wien. Der 'in München verstorbene Herr Lonis Ortlieb hat dem Vereine znrBekleidnng und Unterstütz n n g a r m e r a l t e r M ä n n e r i s r a e l i t i s ch e r K o n f e s s i o n Wien, H., Ferdinandstraße 22, in Anbetracht seines außerordentlich segensreichen Wirkens ein Legal von 700 Mark vermacht. Wien. In besonders feierlicher Weise fand im Prater-Bethanse „Tefilath Jeschurun" anläßlich' des Geburtsfestes des Kaisers am 17. d. abends ein F e st g o t t e s d i e n st statt, bei welchem nahezu der gesamte Vorstand sowie ein zahlreiches Publikum anwesend waren. Dievom Kantor G o l d st e i n trefflich vorgetragenen Gesänge- sowie das Kaisergebet fanden allgemeinen Beifall. Mit Absingung der Volkshymne fand die so glänzende Feier ihren Abschluß. Wien. Im allgemeinen. Krankenhanse ist am 25. Tammus d. I. Herr Aron Freu d m a u n, Schächter der israelitischen Kultusgemeinde Wien, einem schweren Leiden erlegen. Derselbe, aus der Preßburger Jeschiwah hervorgegangen, war ein streng frommer-Mann, besaß ein profundes talmudisches Wissen und war äußerst pflichteifrig.. Jede Minute, die er frei hatte, widmete er dem -Studium der heiligen Schrift. Seinem geäußerten Wunsche gemäß wurden seine irdischen Reste an dem Beth Hamidrasch der Schiffschnl, das er fast 38 Jahre hindurch täglich besuchte^, vorbeigeführt. Dem Leichenwagen folgte eine schier endlose Schar, an deren Spitze Rabbiner Sigmund Für st. Auch bei der . Beerdigung am Zentralfriedhofe fand sich ein zahlreiches Publikum ein, um dem Verewigten die letzten Ehren zu erweisen. Unter den Anwesenden befanden sich; Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n, Ehrwürden Herr Rabbiner M. K r a m e r, die. Bernfsgenossen des Verstorbenen korporativ, die Herren Amtsleiter Julius B r a n n, Wilhelm? F r e i st a d t und R. K r a u s. die Herren Oberoffiziale L. Fer st e r , und A. M e i ß n e r. Herr Bibliothekar Dr. B. W a ch st e t lt, Herr Wolf P a p p e n h e i m und R. F r o m m e r, Herr Sigmund K o h n,. Obmann des Bethausvereines „Ohel Abraham" mit den meisten Besuchern dieses Bethauses, Delegierte des „Vereines zur Unterstützung Kleingewerbetreibender in Wien". Das 8a?ur-towiin-Gebet verrichtete in ergreifender Weise Herr M. Frie d. Da der Verstorbene letztwillig sich jeden Nachruf verbeten hatte, konnte dessen ältester Sohn, Herr Dr. G. Frendmaun. Beamter der israelitischen Knltusgemeinde Wien,. nur mit Worten des Dankes von dem Verewigten Abschied nehmen. Nach El-mole-Itacliamim= Gebeten des Herrn Kantor Freud e r vom Vereine „Ohel Abraham"^ des Herrn Maschgiach Hi R o s e n bau m namens der Schochtim und Maschgichim, des Herrn D r echsl e r vom „Vereine zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender in Wien" wurde, was irdisch an dem Verstorbenen war, der Scholle übergeben. Doch alle, - die ihn kannten, werden seiner nicht vergessen und ihm ein-ehrendes Gedenken bewahren.- Möge der Allmächtige die Witrv^ und die vier unversorgten Kinder trösten. ‘ ■ . ■ E. D. St. Pölten. (B eiträg e znr Einweihung der uenerbauten Sy n a go g e i it - St. P ölte n.) Die am 17. d. M., am Vortage des 83. Geburtsfestes unseres erhabenen ,Monarchen erfolgte .Einweihnng der Synagoge bildet einen Markstejn in ' der Entwicklung der - Kultusgemeinde. Dieselbe nahm naturgemäß einen würdigen Verlauf. Es fällt aber doch ein bitterer Werinutslropfen - in diesen Freudenbecher,. wenn man bedenkt, daß man dem Gotteshause da» genommen, 'was seit Jahrtausenden , für das Judentum ein .Sinnbild und Wahrzeichen des Glaubenp und , eines her. erhabensten.Heiligtümer unserer Geschichte ist : den Misrach. Ich will versuchen, den 'Werdegang der Kultusgemeinde, an welchen inden Ansprachen sonderbarerweise nicht gedacht wurde, in aller Kürze zn.schildernj Vor mehr als' sechs Jahrzehnten bildete sich in Sankt- Pölten, ein..Mjnjan-Ä'erein, deffen Mitglieder teils .ans- Böhmen, teils aus Ungarn iu die Stadt eingewandert wären', .und 'meist dem Handelsstande angehörten. Nach - vielen Jahren bildeten die' Mitglieder eine Gemeinde,, hatten ihren Näbbiyer' Und Kantor, was' wohl'.als Beweis ihres Wohl-' standes anznsehen warf Unter, den vielen verdienstvollen Vorstehern, die. an: