Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Nr: 34. Die Wahrheit Lder Spitze der Gemeinde standen, will ich nur erwähnen, Jakob. Wu rme t b und Moses F r ä n k s. A. Ju wahrhaft jüdischer Weise haben dieselben die Geschicke der. Gemeinde geleitet! nnd insbesonders letzterer war der Gründer der Chewra Kadischa und unter seiner Leitung war es möglich, ein eigenes Gebäude zu kaufen, welches mehr als,20 Jahre als Bethaus diente. Unter seiner Verwaltung hatte das vom Reichsrate beschlossene Gesetz der äußeren Rechtsverhältnisse der Inden Pie kaiserliche Sanktion erhalten. Dieser Wendepunkt im Gemeindeleben zog einen größeren Wirkungskreis und Erweiterung des Kultussprengels nach sich, deren Folge -war, eine zeitgemäße neue Synagoge zu erbauen, die den heutigen Be- -dürfnjsseii entspricht. Als der Ban derselben beschlossen wurde, habe ich wich bemüht, in den verschiedenen Archiven — eingedenk des Spruches: .„Wer die Vergangenheit nicht ehrt, ist der Zukunst nicht wert" — Nachschau zn halten, ob in den früheren Jahrhunderten unsere Glanbensbrüder hier, an den Ufern der Tragisa (Traisen) einen festen Stützpunkt gesucht und gefunden. Ich habe mich nicht erfolglos bemüht und daran» ersehen, daß im 12. nnd 13. Jahrhundert im Römerorre „Traisma" (St. Pölten) Inden ihr Handelsgeschäft betrieben und ihre Wohnplätze im heutigen -Ledererviertel hatten, also in der unmittelbarsten Nähe der neuerbanteu Synagoge, was vom jüdisch-historischen Standpunkt von Bedeutung ist. 'Die Chronik berichtet auch, daß im vorigeu Jahrhundert im jetzigen Alumnarsgarten ein Graben gezeigt wurde, woran der Name „Jndenpädl" (Judenbäd) haftete, weil er zunächst für die rituellen Waschungen der jüdischen Frauen° bestimmt gewesen sei und daß die St. Pöltner Bürger den Franziskanern Wohn- und Bauplätze im Quartiere der Juden angeboten. (Nach dem Jahre 1455.) Das heutige Alumnatsgebäude (bischöfliches Seminar) war damals das Franziskanerkloster, die späterhin das Karmeliterckloster am Rathausplatze bezogen. Im Jahre 1306 war hier der erste blutige Aufruhr gegen die Juden. Im Jahre 1455 mußten die Inden Schritt für Schritt weichen und ihre Wohnsitze im heutigen Ledererviertel sür die neue Klostergründung abtreten. Bis zum Jahre 1848 durfte kein Jyiräe in St. Pölten übernachten. Erst nach diesem Freiheitsjahre, in welchem die Gleichstellung der Juden mit den anderen Staatsbürgern gesetzlich geregelt wurde, begann sür die Judenschast eine neue Epoche und eine freie Entwicklung. Julius Ko h n. Gaya , (Mähren). Auf. die hier vakante Oberkantorstelle wurde -Herr Israel Steiner, Oberkantor zu Pakrac, Slavonieu, nach einem allgemeinen Beifall einstimmig gewählt und wird derselbe am 15. September seine Stelle antreten. Budapest. Unter strömendem Regen, stürmischem Wetter fand das -'Leichenbegängnis des in Ischl verstorbenen Oberbürgermeisters H e l t a i statt. Abertausende und Abertausende von Budapestern geleiteten ihn zn Grabe. Alles, was irgendwie Namen und Bedeutung besitzt, war anwesend. Vertreten waren die Negierung durch den Justizminister, beide gesetzgebenden Körperschaften, alle staatlichen und konlmunalen Behörden, ..alle Konfessionen usw. Durch die ganze Hauptstadt wehten Trauerfahnen, die. brennenden Straßenlaternen waren mit Trauerflor umzogen. Im Trauerhause hielt der auch als Dichter gefeierte Oberrabbiner von Ofen, Doktor 'Arnold K i ß, die erste Trauerrede. Hieraus ging der riesige Trauerzng ins Bndapester Rathaus, in dessen Hof eine ergreifende Feier stattfand und erst der Bürgermeister von Budapest, Dr. B a r c z y und hieranf ..der Abgeordnete Pfarrer Hock Janos tiefergreifende, höchst ehrenvolle Reden hielten, in denen sie Heltais unvergängliche Verdienste nm die -'Landeshauptstadt, seine Bürgerrngenden nnd seinen hohen Charakter rühmten. Bei des Pfarrers Rede, der namens des Abgeordnetenhauses sprach, blieb kein Auge trocken. Auf dem Büdapester israelitischen Friedhose hielt der Oberrabbiuer Dr. Simon H e v e s i in gewohnter Meisterschaft eine ergreifende Gedächtnisrede, weitere Dank-und Abschiedsworte erklangen und unter Gesang nnd Tränen trugen Budapests vornehmste Männer, .unter ihnen auch der Bürgermeister .usw. den Inden Heltai zn seinem Grabe. Berlin. (Kantor e u s o r t b i l d u n g s k u r s u s.) Zu einem .fechswöcheullicheu Kursus, der von dem allgemeinen deutschen Kantorenverbände in Verbindung mit der Hilfskasse für Kulrnsbeamte veranstaltet wurde, hatten sich eine Anzahl jüngerer Kantoren aus den verschiedensten - 'Teilen Deutschlands in Berlin eingefnnden. Getreu dem Prinzip der beiden Vereinigungen, dem Kanrorat eine Bildungsstätte zn schaffen, aus der -Kantoren mit allem wissenschaftlichen und prakrischen Rüstzeug für ihren Beruf versehen, hervorgehen sollen, war dieser Kursus als eine Vorarbeit sür das in Angriff zu nehmende ideelle Bildungswerk gedacht. „Studien für den Gottesdienst an den drei Wallfahrtsfesten waren zur Aufgabe .gestellt. Daneben Einführung in die wichtigsten Kapitel der Stimmbildung -und musikwissenschaftliche Vorlesungen. Der vorher festgelegte Lehrplan enthielt ein großes Arbeitspensum, das in kurzer Zeit zu erledigen war. Mit vielem Eifer unterzogen sich die drei Hauptkantoren der Berliner jüdischen Gemeinde, A s ch,- Davidsoh n und Klein, sowie der Musikhistoriker Hans L u e t k e der Aufgabe. Anregend und fruchtbar war diese Fortbildnngsarbeit. Jeder der Lehrer war bemüht, aus seiner Zeichen beruflichen Erfahrung, dem jungen Kollegen praktische Lehren in 'Vortragskunde und Gestaltung auf den Weg zu geben, wie auch sein Wissen zu bereichern. Mit Ausdauer und Fleiß folgten die Teilnehmer i>em Unterricht und den Hebungen. Kein Teil des Pensums blieb uuer- -ortert. Die Abschlußprüfung, an der der Vorsitzende der Hilfskaffe, Herr Louis Jonas und Herr Hauptkantor Siegfried N e u st a d t, das'; Ansschußmitglied des Kantorenverbaudes als Delegierte ihrer Bereinigungen beiwohnten, ergab ein treffliches Resultat der geleisteten Arbeit. .'In warmen nnd herzlichen Worten dankte Herr Jonas dem Lehrerkollegium für. die bedeutsame Tätigkeit, die sie im Interesse einer gedeihlichen Fortbildung ihrer Kollegen entfaltet haben. Der Leiter des Ortsausschusses. Herr Davidsohn, entließ nun die Teilnehmer mit der Bitte, die Lehren, die ihnen gegeben wurden, weiter zu tragen rn die Kreise der Kantoren, damit dem jüdischen' Gottesdienste die Tradition seiner Melodien und Gesänge erhalten bleibe. Frankfurt. Die Frankfurter Zeitung berichtet aus London: Unter den aristokratischen Eheschließungen der letzten Zeit verdient die des jungen Lord R o ck s a v a g e. ältesten Sohnes und Erben des Marquis von Cholmondleey, mit dem schönen Fräulein S a s s o o n eine Erwähnung als ein neues Beispiel der Verbindung zwischen dem englischen Hochadel und der jüdischen großen Finanz. Welche von den beiden Familien die beffere ist, mag sich fragen. Der zweithöchste Rang in der englischen Pairie har seinen sozialen Wert, aber die Sassoon» haben in der spanischorientalischen Judenschast Hunderte von Jahren eine fürstenähnliche Stellung eingenommen. Ihre Vorfahren, die sich „Jbn Schoschan" nannten, saßen im Mittelalter in Toledo, wurden im 15. Jahrhundert vertrieben und wandten sich gleich Tausenden ihres Stamme» nach dem Osten. In Bagdad standen die Sapoons , bis vor wenigen Generaliouen an der Spitze der dortigen Kaufmannschaft; der türkischen Regierung gegenüber traten sie als erbliche Vorsteher ihrer Glaubensgenossen auf, und das Haupt - des Geschlechts führte sogar den Titel eines „Nasi" oder Fürsten der mesoporamischen Judenschaft. Als kluge Leute merkten sie aber schon vor langer Zeit, daß es mit der türkischen Herrlichkeit zu Ende gehen werde, sie hatten auch den richtigen Instinkt, an wen sie sich anschließeu müßten. Als vor etwa hundert Jahren die Engländer ihr erstes Bizekousulat am Persischen Golf gründeten, wauderte der damalige Sassoo» von Bagdad nach Buschir aus, um sich unter den Schutz der britischen Flagge zu stellen. Von hier gelangte die Familie in der Folge nach Bombay. Die Firma Sassoon errang die führende Stellung im indischen Handel, sie beherrscht noch heute das Prudukcengeschäft mit dem fernen Osten; den Namen des „indsichen Rothschild" gab man ihrem Chef. Sir Abdallah David Sassoon, schon vor sechzig Jahren. Bor mehreren Jahrzehnten verlegte die Familie endlich ihren Wohnsitz von Bombay nach London. Sie ist daun in mehreren Zweigen mit dem Baronetadel geschmückt worden und ihre jüngeren. Glieder haben die vorschriftmäßige Erziehung der englischen oberen Klasse erhallen nnd den Orientalismus .abgestreift, aber ihren Glauben beibehalten. Jüdische Bühne. Freitag, den 12. September 1013 Erösfn u u g s v o r st e l l u n g der I ü d i s ch e n Bühne. Direktor M. Siegler. Hotel Stefanie, II., Taborstraße Nr. 12. Engagiert e K u n st k r ä f r e: Fcau'Henriette Oppath, Primf.üonna ans dem Lemberger Polnischen Theater. Frau Rosa Siegler, Frau R. Kolisch, Frau Jung» wirth, Fräulein Körner. Frau Fanico, Fräulein Grünstein, Frau Rubinstein, Frau Berson. Frau Kantor. Herr M. Siegler, Herr M. Streng, Herr L. Kalisch, H.rr I. Reismann. Herr S. Podsamtsche, Herr A. Rosenstein, Herr L. Jungwirth. Herr T. Fanico, Herr I. Kantor. Herr A. Rubinstein. Auch ist es der Direktion gelungen, die berühmte dramatische Schauspielerin Fr au D a in a F e i nm a n n für eur längeres Gastspiel zu gewinnen. — Näheres bringen die Tagesplakate nnd alle jüdischen Zeitungen. Literatur. Hickls Jüdischer Volkskalender, ZU. Jahrgang. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Preis L 1.—. Aus dem Inhalte: Prof. Dr. Ad. K u r r e i u: „Mordechai und Haman". M. S ch e r l a g: „Joffel, der Totschläger". Dr. H. Berg mamt: „David Schimonowitz". David R o t h b l u m: „Lose Blätter". Adolf S ta n d: „Alfred Noffig". Dr. M. S t e i f: „Die Probe auf die Messiaszeir". Lorenz Scherlag: „Mein Vater". Moriz Antscherl: „Josef Weiße". Dr. I. Rabinowicz: „Die Fichtenhaine und der Steinhaufen auf der Waldwiese". Dr. I. B. S ap ir: „Der Zionismus in der jüdischen Geschichte", „Mirjams Stegesgesang". Prof. Dr. I. R a b b i n o w i cz: „Einige rabbinische Witze". Dr. I. G rü nzi g : „Kalendarium für das Jahr 5674 der Weltschöpfung". Synagogeu-Ritual, Jllnstrationen. Austritte aus dem Judentum. B n n z e l Emma, Private, geb. 12. Juni 1877 in Wien. I.. Opernring 1. L i ch t e n st e r n Johanna, Einlegerin, geb. 22. Juli 1892 in Stockerau. Wien. XV., Löhrgape 11. Glaser Rosalie, Kleidermacherin, geb. 31. Mai 1892 in Wien. XVÜt„ Theresiengasse 47. Lukacs Sarolta, Studentin, geb. 15. Oktober 1884 in Beleb. Wien, VH:, Mariahilferstraße 70. Kohn Julie, Beamtin, geb. 1. April 1887 in Wien. II., Pazmauitengasse 23. Wertheimer Isidor, Privatbeamter, geb. 3. Juni 1875 in Wien. H., Darwingasse 11. Leder Gisela, geb. 15. Februar 1888 in Nachod. Wien. H, Rothe Löwengasse 5. Brückner Rudolf, geb. 18. August 1899 in Nachod. Wien, XU, Heiligeustädterstraße 8. Geiger Wilhelm. Fabriksbeamter, geb. 10. April 1861 in Wien. VII., Lercheufelderstraße 191.