Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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. Nr. 34 Die Wahrherr Serke 7. Eie dem Kardinal selbst in'jüdischen, wie in christlichen Kreisen mnr zur Hohen Ehre gereichen kann. Es ist überhaupt eine auffallende Erscheinung^ daß im letzten Jahrzehnt, also in der .Zeit des noch immer andauernden Antisemitismus das Studium. des alten Testaments in katholischen wie in Protestantischen .Kreisen mit seltenem Eifer betrieben wird und im letzten Jahrzehnt mehr geleistet wurde, als im ganzen früheren Jahrhundert. Es sei in dieser Beziehung nur auf die schätzbaren Arbeiten -von Professor Wünsche in Dresden, Professor Schlögl in Wien und Professor Leimbach in Fulda verwiesen. I. 11. Dr. M. Ep stein, Brünn. Henri Rochefort und Ernst Schneider. In kurzer Aufeinanderfolge sind vor einigen Wochen zwei Männer -zur großen Armee abberufen worden, die zwar schon in den letzten Jahren politisch in den Hintergrund getreten waren, in ihrer Sünden Maienblüte aber zu den erfolgreichsten Demagogen des Straßen- und Radauantisemiten gehörten: .Henri Rochefort und Ernst Schneider. Mit dem früheren von Lueger aus seiner Mechanikerwerkstatt in die Politik verpflanzten * Mittelstandsretter par excellenee ist . eine dex unsympathischsten -Erscheinungen des österreichischen Antisemitismus vom Schauplatz abgetreten. Schneider war einer der Hanptritnalmordhetzer, der die Juden meistens nur als „Binkeljuden" titulierte, der ein „Schußgeld" für die Inden verlangte, der auch die Verurteilung Hilsners auf seinem Schuldkonto hat, und der mit anarchistischen Elementen in engsten Beziehungen stand. Bekannt äst auch seine Hetze gegen die „Bildungsprotzen". Er meinte ' damit in erster Linie die Vertreter der medizinischen Wissenschaft mnd Praxis, gegen die er die ungeheuerliche Anschuldigung erhob, daß sie in den Spitälern und Kliniken nur an christlichen Patienten Operationsversnche machten; die christlichen Patienten -in den Spitälern müßten es sich dann gefallen lassen, wenn sie -sterben, von den Inden geziert zu werden. Lueger lockte durch Schneider/ den er einmal einen seiner „Fanghnude" genannt hatte, insbesondere die kleinen Handwerker in die Netze der . christlich-sozialenPartei, indem er diesen die Mittelstandsretterei gewerbsmäßig organisieren ließ. Dieser antisemitische Demagoge, für den Lueger selbst im Grunde seines Herzens nur ein Gefühl der Verachtung hegte, wurde von seiner Partei nach den Reichsratswahlen des Jahres 1911 zum Schnlrefereuten im Riederösterreichischen Landtag gewühlt; die Partei wollte durch die 'Wahl eines solchen Ignoranten ostentativ ihre Mißachtung vor Bildung und guter Sitte zum Ausdruck bringen. Intellektuell ans einer ungleich höheren Stufe als dieser apolitische Bravo des Antisemitismus stand Henri Rochefort, der leine vielfachen politischen Wandlungen vom radikalen Sozialisten und Napoleonstürzer bis zum fanatischen Legitimisten immerhin .mit unzweifelhaftem journalistischen Geschick zu vertreten wußte. In der Wahl seiner Mittel war er freilich nicht minder skrupellos juie Schneider. In der Dreyfns-Kampague war er einer der ''Vorkämpfer der Nationalisten, der insbesondere Picquart mit infernalischem Hasse verfolgte. Er behauptete in seinem Blatt, dem „Intransigent", Picquart habe für die Fälschung der Rohr- ^postkarte 3,000.000 Frcs. erhalten. Als das Gericht das Urteil 'gegen Zola aufhob, tobte er wie ein heulender Derwisch. Der Ministerpräsident Möline sei „ein alter Lakai", der Kriegsminister Billot sei „der Gipfelpunkt der Unfähigkeit", der Jnstizminister '„entweder für Mazas (das Zuchthaus) oder Charenton (das "Irrenhaus) reif". Wie.sein Gesinnungsgenosse Schneider, der ..eigens nach Korfu und Kiew zur „Feststellung" der dort angeblich vorgekommenen Ritnalmorde gefahren war, begeisterte sich auch Rochefort für die Blutbeschuldignng bei Juden. Auch . der französische Abenteurer. geriet gelegentlich, genau, so wie i Schneider, in Konflikte mit seinen nächsten Freunden, wobei sie - sich. dse saftigsten. Grobheiten an den Kopf warfen. So hat :-Rochefort einmal Drumout einen „agent cosmopolite efc /Kothschildien“ genannt. Das hat aber einen der führenden Geister des deutschen^ Antisemitismns, Eugen Dühring, nicht im geriilgsten geniert, Rochefort —• weirigstens als Memoiren- ' schreiber — weit über Bismarck zu stellen!" ' / c . Kekenntniffe eines ehemalige» Antisemiten. In dem ehemaligen Parteiorgan der Magdeburger Antisemiten, der „Sachsenschan", die schon vor einigen Jahren einen scharfen Strich zwischen sich und dem politischen Antisemitismus gezogen hat und seitdem. nur rein mittelsländlerische Politik vertritt, sagt der Herausgeber des Blattes, der frühere Theologe Karl Faßhauer neuerdings seinen früheren Parteigenossen einige bittere Wahrheiten. Mit besonders glücklichen Argumenten bekämpft er das antisemitische Schlagwort, daß die Inden an allen wirtschaftlichen Nöten des Mntelstandes die Hauptschuld tragen, indem er ans dem reichen Schatze seiner persönlichen Erfahrungen mit Antisemiten und Mittelftändlern einige hübsche Stichproben zum. Besten gibl: „Dieser Tage erhielt ich den Besuch eines alten Breslauer Antisemiten. Er erzählte mir von der Breslauer Jahrhundertfeier. von der Aiksstellnng. Die Ausstellung gab ihm sofort Veranlassung, ans sein Lieblingsthema, auf die Inden» frage znrückznkommen. Er schimpfte ganz nett, weil der Magistrat von Breslau die geschäftliche Leitung der dortigen Ausstellung dem Warenhansbesitzer Barasch übertragen habe. Er stellle der Ausstellung sein Horoskop und erklärte mir, wie sie enden, werde. Ich will das verschweigen, da man den Tag nicht vor dem Abend loben soll. Ich frage ihn dann: „Welchen Zweck hat nun das Räsonniereu. Sie könnten z. B. ein hübsches Vermögen haben, wenn Sie danach gewirtschaftet hätten. Wenn Sie praktischen Antisemitismus treiben wollen, müssen Sie ebenso betriebsam wie die meisten Inden sein." Er wurde kleinlaut und gab mir recht. Der Mann könnte heute seine 40—50000 Mark Vermögen besitzen, wenn er seine unbestreitbaren geschäftlichen Fähigkeiten ausgenutzt und seine Einnahmen znsammengenommen hätte. Er hatte ein fideles, siottes Leben geführt, sogar den Sabbath neben dem Sonntag gefeiert und war dabei ein strammer Antisemit geblieben. Barasch war vorwärts gekommen, er auf demselben Niveau stehengeblieben. auf dem er seine kaufmännische Laufbahn begonnen hatte. Daß es ganz natürlich zugegangen ist, leuchtet ihm sicherlich heute noch nicht ein. Sie bilden sich ein, daß manche Inden hexen können. Bei Laieü, welche das geschäftliche Leben nicht kennen, ist diese Ansicht erklärlich. Bei Kauflenten sollte man diese Kenntnis voraussetzen. Ein Kaufmann, wie der oben erwähnte Besucher, müßte wissen, daß es eine Todsünde gegen die obersten Gesetze der Nationalökonomie ist, wenn man mehr verausgabt, als man eiunimmt. Die Wissenschaft verbietet sogar, daß das ganze Einkommen verausgabt wird. Die meisten Inden beachten diese Prinzipien und bringen es deshalb zu Vermögen, das Luther trotz seines Christentumes znm täglichen Brote rechnete. Erst kürzlich las ich in einer antisemitischen Zeitschrift ein strammes Verdikt gegen die Leute, welche an der Schaffung oder Erweiterung von Besitz und Vermögen arbeiten. Verkehrtere Lehren kann man unserem Volke gar nicht-predigen. Weil man diesen verdrehten Anschauungen immer wieder begegnet, tut es not, au praktischen Beispielen ihre ganze Verkehrtheit öfter nachzuweisen. Wenige Tage später traf ich an einer Ecke des Breiteweges einen Handwerksmeister, der der antisemitischen Fahne trengeblieben ist und es mir nicht vergessen kann, daß ich ihr untreu geworden bin. Wir unterhielten uns über dies und jenes, auch über die. augenblickliche herrliche Geschäftslage. Da fuhr ein jüdischer Kaufmann im Automobil vorüber. „Nun sehen Sie einmal den Kerl", sagt der Handwerker" „Der hat 'Gott 'und alle Welt betrogen, schon wer weiß wie oft, gegabelt (Offenbarungseid geleistet) und fährt nun hier im Automobil. Und da wollen Sie nicht mehr Antisemit sein?" Der Mann erzählte mir dann verschiedene Wippchen, mit denen der Automobilist seine vertrauensseligen Lieferanten gemeiert hatte. Daun hatte er sein Geschäft auf den Namen seiner Frau betrieben. Jetzt zeichnet ein Kind verantwortlich für die Firma. Der Lebenslauf war sehr interessant.