Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063708--08640-3075824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 34. Versmaß stark gefehlt wurde, doch wird das niemanden überraschen, der die Schwierigkeit der Herstellung' eines Akrostichons : namentlich in einer toten Sprache kennt. Die meisten hebräischen Leser werden wohl heraussiihleu, daß der Satz ronn rrnj.^an® einem sogenannten Segensspruche rq-c entnommen ist, der; nicht zu den gewöhnlichen täglichen, ins Morgengebet ausgenommenen Segensiprnchen. sondern zu den außergewöhnlichenerst am Schluffe des Gebetbuches angeführten gehört und beim Genuß von Getränken (mit Ausnahme des Weines) obligat ist. Bei dieser Gelegenheit sah ich mir auch di: anderen Segenssprüche wie alte Bekannte au und ich fragte mich: Zeigt sich nicht da jüdisches Gemüt und ein hoher Grad von Dankbarkeit lund Ztlsriedeuheit mit dem Wellschicksale, wenn bei jeder Gelegenheit, beim Aufsteheu und Niederlegen, beim Genuß von Speisen und Getränken, beim Anziehen eines neuen Kleides, Leim Genüsse einer neuen Frucht, bei jeder wichtigen Naturerscheinung, z. B. des Negenbogeus, ja beim Anblicke gekrönter Häupter oder bei Begegnung mit großen Gelehrten usw. eine Dankesformel dafür geschaffen ist. Gott den Schöpfer der Welt zu Preisen und ihm seinen speziellen Dank auszusprecheu, angewiesen wird. Dankbarkeit ist wohl in keinem allen und neuen positiven Gesetze vorgeschrieben, weder im Dekaloge noch sonst wo, ist aber jedem besseren Menschen ins Herz geschrieben: Ich. frage weiter: Warum soll dieser Segensspruch nicht auch für Wein gelten, -für den wieder ein eigener Dankspruch angeführt ist? jsnrTHs bi? Haben vielleicht die alten Juden hierin schon den Unterschied zwischen alkoholhaltigen und alkoholfreien Getränken im Dunkeln geahnt? Oder waren die jüdischen Gelehrten nicht vielleicht schon Vegetarianer, da sie für den Fleischgenuß gar keinen Segensspruch, dagegen für den Genuß voll würzigen Kräutern und Mehlspeisen rc. separate Segenssprüche eingeführt haben? Diese und andere ähnliche Fragen tauchten in mir allläßlich der gemachten Entdeckung dieses Segensspruches auf. Auch der weitere Inhalt dieses Gedichtes ist in streng biblisch hebräischer Sprache gehalten. Dieses Akrostichon wirkte auf mich derart enthusiastisch, daß ich mich sofort — wie man sagt, staute pede — an eine metrische Uebersetzung desselben in deutscher Svrache machte, die hier wieöergegben sein mag: Alll Dein Unternehmen möge stets gelingen. Und Dir nur Gottes reichen Segen bringen, Bon Gott, dem mächtigen König aller Welt. - Der mit einem Wort das weite All erstellt, Alles Gute und des stillen Friedens Heil Werde immer im Leben reichlich Dir zu Teil. Glück und Segen mögen sich über Dein Haupt ergießen Und auch für Deine Kinder immer reichlich fließen. In meiner freudigen Erregung sandte ich diese Uebersetznng an Dr. Kanter, der mir sofort in einem freundlichen Schreiben seinen Dank und seinen Wunsch aussprach, dieselbe auch in christlichen Kreisen veröffentlichen zu dürfen. Was nun das hebräische Gedicht selbst betrifft, so muß dasselbe, wenn ihm auch das hebräische Versmaß abgeht, doch mit Rücksicht auf das Akrostichon als gelungen bezeichnet werden. Bezüglich des hebräischen Metrums namentlich in der biblistischen Posie sind bekanntlich die Gelehrten trotz fast zweitausendjährigem Streite nicht einig. Vom Kirchenvater St. Hyeronimus im dritten Jahrhundert gewöhnlicher Zeitrechnung bis aus unsere Tage (siehe Prof. Dr. Schlögl in Wien) -dauert dieser Streit. Letztgenannter Gelehrte hat bekanntlich ein eigenes Werk über die hebräische Metrik geschrieben, das in der Gelehrtenwelt viel Aufsehen erregt und vielseitige Anerkennung gefunden hat und dessen hebräische Arbeiten von mir in der „Wahrheit" Nr. 5 und 6 d. I. im Artikel „Erinnerungen an Hofrat Dr. Heinrich v. Müller" erwähnt und mir auch die Anregung zur metrischen Uebersetzung des „Hohen Liedes Salomons") gegeben hat. Also das Metrum dieser kleinen Arbeit können wir bei dieser Gelegenheit ganz außer Acht lassen. Was nun die akrostische Form betrifft, so begegnen wir i /dieselbe schon in den Psalmen, so wie auch in den Klageliedern *) Siehe: Das älteste Liebeslied der Welt, das HoheLiedSalomous, -in metrisch gereimter Form, ins Deutsche übersetzt von Dr. M. -Epstein in B. Verlag I. Kanffmann, Frankfurt a. M., 1911. /Jeremias in der sogenannten die - vör kurzem am Tischo ' beaw in den Synagogen - zumv Vorträge gelangten, indem diese Klagelieder so wie viele 'Psalmen/ z. B. 5, 34, 148, 145, ('2pv ) so gebaut sind, daß" ihre Anfangsbuchstaben das hebräische Alphabet darstellen. " Die Anwendung dieser Form bleibt aber, wie leicht erklärlich/ eine sehr schwierige, namentlich wenn nichthebräische Namen zum Ausdrücke gebrächt werden sollen. Ich hatte daher vollen Grund/ änzunehmen, daß dieses Gedicht nicht ein Geistesprodnkt des Erzbischofs selbst ist, sondern eines seiner ihm unterstehenden Professoren an der Olmützer theologischen Fakultät, die außer dem ehemaligen Erzbischof Dr. K o h n noch viele andere Gelehrten zu ihren Mitgliedern zählte.' So hatte ich ' anläßlich - meiner Psalmenübersetznng^ oft genug Gelegenheit, mich mit der böhmischen und laieinischen Uebersetzung der Psalmen von Dr. M l e uch. ehemaligen Professor der Bibelsindien in Olmütz, zu beschästigen. Die lateinische Uebersetzung trägt den Namen: ]?8 a lte r i' u m seu Über psalmorum. und ist im Jahre 1890 erschienen, die böhmische im Jahre 1898 unter dem Titel: £ n i b a psalmorum. Beide bei Hölzl in Olmütz gedruckt em Selbstverläge des Äntvrs (s u m p t i b u s a rt otori s). Diese letzten zwei Worte geben zu denken: Nicht der Ordinal, nicht die Fakultät, nicht das Bismm, nicht der Staat trugen die Kosten dieser Arbeit, sondern der Autor selbst. Und die Arbeit ist eine sehr schwierige und kostspielige; sie umfaßt gegen 500 Druckseiten bloß lateinischen Textes, die ich oft zur Hand nahm, um mir über schwierige Stellen Ausschluß zu -.verschaffen. "Der Autor legte seiner Arbeit nicht nur den Text der Vnlgata. sondern auch den hebräischen, den sogenannten massoretischen Text zugrunde, indem er bei allen 150 Kapiteln neben dem Text der Vulgata auch die lateinische von ihm selbst geschaffene Uebersetzung des hebräischen Textes unter der Ueberschrift „Versio textus hebraici“ zur Seite stellt und das geschieht in einer sehr gründlichen Weise. Jedem Kapitel geht eine kurze Inhaltsangabe, dannder Name des Autors (auctor et argumentum), bann die Entstehungsgeschichte und Veranlassung (tempus et occasio) voran; dann folgt die lateinische Uebersetzung der Vulgata und des hebräischen Textes und zum Schluffe bei den schwierigen Stellen eine kritische Behandlung des Stoffes, eine gründliche sprachliche Analysis des hebräischen Urtextes mit den hebräischen Lettern, wodurch oftmals erst die Ursache der Abweichungen der beiden Texte klar wird. Dieses Buch, für katholische Theologen geschrieben, half mir über manche schwierige Stellen der Psalmen leichter hinweg als die hebräischen Kommentatoren, wie Rasobi und Bitu*, die der Mendelsohnifchen Psalmenübersetzung (VNip •ans Schwedische Ausgabe Wien 1838) beigedrnckt sind, die ich naturgemäß in erster Linie zurate zog, so wie auch die deutschen Uebersetznngen von Luther, Bnnsen, Kautsch und andere, die ich öfters eingesehen. Dieses Werk ist jedenfalls ein Beweis dafür, daß die hebräische Sprache -auf der Olmützer theologischen Fakultät eine sorgfältige Pflege gefunden hat. Dr. Bauer soll nun, wie man mir sagt, seinerzeit, bevor er nach Prag als Professor der theologischen Fakultät versetzt wurde, den Professor Mlcoch als Fakultätsadjnnkt in Olmütz snppliert haben, von wo seine besondere Kenntnis des Hebräischen datieren mag. Er soll nun das Sprachstudium überhaupt und -insbesondere das Hebräische bloß zu seinem Privatvergnügen betreiben, daher in dieser Richtung noch nie etwas veröffentlicht haben. Professor Mlcoch lebt jetzt, wie ich erfahre, schon höchbetagt, als Prälat des Domkapitals in Olmütz. Sein Nachfolger ist gegenwärtig Dr. Hejcl. ' Mag nun Dr. Bauer in seiner gegenwärtigen Stellung als Erzbischof der Verfasser des erwähnten hebiäischen Akrostichons sein oder ein Anderer; jedenfalls ist e§, nicht nur ein Zeichen besonderen Zartsinnes und" der Wertschätzung für den Adressaten, sondern ein Zeichen der Hochachtung der hebräischeil Sprache in der katholischen Gelehrtenwelt, eine Kundgebung, 0 Siehe: Die Psalmen in den monotheistischen Liturgien, besprochen in der „Wahrheit" Nr. 30 und 31 vom Jahre'1912.'" '