Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Leite 5. Nr. 34. -Die Anklage vertritt Staatsanwalt Wipper von Petersburg. Die 231 Zeugen werden gruppenweise verhört. Das Verhalten des Kiewer^Gerichts noch vor dem Prozeß läßt darauf schließen, welch harten .Kampf die^ Verteidigung während der Verhandlungenführen haben wird. Das Gericht hat fast alle von der Verteidigung vorgeschlagenen Gutachten znrückgewiesen und will die Zitierung des Berliner Theologieprofessors Strack keinesfalls zugeben. Dies ist umso auffälliger, als es kaum einen kompetenteren Sachkenner auf dem.Gebiete der sogenannten Ritualmordfrage als Strack gibt. Zudem beherrscht er auch die russische Sprache, so daß nicht das geringste Hinderus vorliegt. Da mußte der Gerichtshof zur Ausrede greifen, daß die Entfernung zwischen Berlin und Kiew zu groß sei. . * -i- * Im englischen Unterhause ist wieder eine Sonntagsruhebill eingebracht worden, die zwar Ansuahmebestimmnugen für Juden vorsieht, aber in recht ungenügender und, wie man vielleicht glauben darf, absichtlich wirkungsloser Form. Es soll denjenigen jüdischen Geschäften, die am Samstag geschlossen halten, am Sonntag bis 11 Uhr vormittags gestattet sein, ihre Läden zu -öffnen, vorausgesetzt, daß sie während dieser Sonntagsstnuden nur Juden beschäftigen und — nur jüdische Kundschaft bedienen. Wie sich der wohlmeinende Lord, der diesen Entwurf eingebracht, die praktische Handhabung dieser Gesetzesbestimmung eigentlich denkt, ist schwer einzusehen. Schließlich werden die Ladeninhaber von jedem Herrn und jeder Dame, die ihre Betriebsstätte betritt, die Vorlage eines Konfessionszengnisses von der zuständigen Behörde oder gar vom Oberrabbinate von London beanspruchen müssen, eine Prozedur, die jedenfalls ein wahrer Hohn auf den vielgerühmten englischen Geschäftsgeist wäre. Obgleich die Bill von Mitgliedern aller Parteien eingebracht ist, darf man doch hoffen, daß sie nicht in der vorliegenden Form Gesetz wird. * * 'S* Von dem hohen religiösen Sinn der Londoner Rothschilds zeigt' folgende Mitteilung. Die Londoner Zeitungen verzeichnten vor drei Wochen die Meldung, daß die Pferde Leopold de Rothschild in dem dieswöchentlichen Rennen nicht starten werden. Die Blätter fügten als Begründung hiefür hinzu, daß Leopold de Rothschild, rrotzdem er ein perfekter englischer Gentleman ist, doch alles unterlasse, was irgendwie seine religiösen Gefühle verletzen könnte. Aus diesem Grunde habe Leopold de Rothschild sowie die übrigen Mitglieder des englischen Roihschildhanses es bisher ' immer unterlassen, an Sabbathen, jüdischen Festtagen, sowie an den nenn Tranertagen zum Andenken an die Zerstörung Jerusalems an öffentlichen Veranstaltungen in welcher Form immer, teilzunehmen. Ans diesem Grunde habe er auch mitgeteilt, daß seine Farben beiden dieswöchenttichen Rennen nicht vertreten sein werden. * * * Die in Tunis erscheinende „Tunisie fran^aise“ teilt mit, daß zwischen Mohammedanern und Juden in Tunis ein Konflikt entstanden ist, der größere Dimensionen annehmen kann, wenn die Zentralregierung in Paris nicht bald ein entscheidendes Wort spricht. In Tunis besteht eine technische Schule für Weber, die den Namen des verstorbenen Präsidenten.Emile Loubet führt. Die Schule wurde für Bewohner von Tunis ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession gegründet. Nun hat dieser Tage-ein junger tunesischer Jude, der die geforderten Vorstudien absolviert hat, um Aufnahme in diese Anstalt angesncht. Vor einigen Tagen erhielt nun der Betreffende den Bescheid, daß seinem Aufnahmsgesuche nicht stattgegeben werden könne, weil -das Gewerbe, welches er in dieser Anstalt erlernen will, in Tunis, nur von eingeborenen Muselmännern ausgeübt werden .kann.. Man sieht,, daß es sich hier um einen wichtigen wirtschaftlichen und. kulturellen Kampf handelt, den die Mohammedaner .jetzt gegen die Juden von Tunis eröffnen. Wie heikel diese Frage übrigens ist, geht auch daraus hervor, daß der Studiendirektor, bei dem der zurückgewiesene jüdische Hörer den Protest erhoben hat, sich nicht traute, selbst eine Entscheidung zu fallen, 'sondern mitteilte,, dciß er die Frage für eine.sö wichtige und prinzipielle halte, daß er sie dem Ministerrate zur Entscheidung unterbreiten müsse. * * * Alts New-Aork wird gemeldet, daß der Präsident der Vereinigten Staaten dem Rechtsanwalt Henry Morgenthau den Posten des amerikanischen Botschafters in Konstantinopel angeboten und Dr. Morgenthau den Posten angenommen hat. Mr. Morgenthau, der im 57. Lebensjahre steht, ist ans Mannheim gebürtig. Als Knabe kam er nach Amerika, studierte dort und wurde ein angesehener Rechtsanwalt sowie Präsident einiger industrieller Gesellschaften. Er ist auch Vorsteher der Freien Synagoge in New-Iork. Inm Artikel „Schule und Hans". Als Schreiber obigen Artikels kann ich nicht, umhin, auf die „Bemerkung" eines Lehrers in letzter Nummer zu reflektieren, da ich zu meinem Bedauern sehen muß, daß man beim besten Willen auch mißverstanden werden kann. Ich bin kein Lehrer und auch kein Pedant und gehe auch nicht auf Wortklauberei aus. Meine Absicht war es, zu versuchen, einen Fingerzeig zur Abhilfe des Konfliktes zwischen Schule und Haus zu geben. Und da schrieb ich, daß Kinder, die zu Hause nicht jüdisch erzogen werden, durch lebhafte Schilderungen der jüdischen Geschichte für das Judentum Sympathie gewinnen müßten. Denn das Kind ist von Natur aus gefühlvoll und Sache des Lehrers ist es. die kindlichen Gefühle zu wecken. Wie er dies tun könnte, wollte ich bloß andenteu und wenn ich der Hast, mit der die Juden aus Aegypten zogen und die ja durch die ungesäuerten Brote historisch ist, in der Weise Erwähnung tat, daß ich schrieb: sie ließen alles stehen und liegen, um nur das Joch abznschütteln, so wollte ich damit nicht Tatsachen der Bibel verheimlichen, sondern eben die Eile des Auszuges schildern. Das Kind wird mit Leuten, die in aller Ueberstürzung hinwegeilen, um nur frei zu sein, mehr Sympathie fühlen als mit jenen, die erst lange überlegen und zum Schluß dem Feinde in die Hände fallen. Die richtigen Worte wird ein tüchtiger Lehrer schon zu finden wissen. Man soll eben einem Nebel durch alle möglichen Mittel eine Abhilfe zu verschaffen suchen, aber dieser vielleicht möglichen Abhilfe nicht durch Mißdeutungen Abbruch tun. Wir halten damit die Diskussion für abgeschlossen. Kardinal nnd Rabbiner. Die „Neue Freie Presse" brachte am 28. Juli d. I. die Meldung, daß der Zwittauer Rabbiner, Dr. Felix Kanter dem Kardinal-Erzbischof Dr. Bauer in Olmütz anläßlich seines vor kurzem gefeierten 70 jährigen Jubiläums ein in nenhebräischer Sprache verfaßtes Gratulationsgedicht eingesandt habe, worauf ihm dieser ein eigenhändiges Dankschreiben zukommen ließ, und zwar in vollendeter althebrüischer Sprache und in akrostischer Form, dessen Anfangsbuchstaben den Namen Doktor Kanters ergeben. Diese Meldung machte mich geradezu stutzig; dies umsomehr, als in der Oeffentlichkeit nie was verlautete, daß der genannte Bischof sich mit hebräischen Studien abgebe. Ich getraute dieser Meldung kaum und hielt sie für eine Mystifikation des lesebedürftigen Publikums. Nun brachte die Brünner „Jüdische Volksstimme" vom 30. Juli d. I. den näheren Bericht bezüglich der Berührung des Bischofs mit dem Rabbiner, sowie den Text des Dankschreibens selbst. Derselbe lautete: rrbxn nwyn bs bcrrtf nbnprr -jb» 2-nbrr . . nana rrn: irr ns: aiban saita na bpi bs ' 'pib' 'vrr-i Jeder Kenner des Hebräischen wird sofort heransfühlen, daß die Sprache wohl,eine strengbiblistischeist,jdaß aberzusammengehörige -Satzverbindungen in zwei Berszeilen getrennt, fast zerrissen sind, nur um des Akrostichons willen und daß so gegen das metrische