Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 34. Angeführte Gutachten. entsprechen vollkommen der Geistesnnd Gemülsrichluug aller gerechten und . guten Menschen. Die famosen Gegner des Knpelwieserffchen Projektes haben aber an dieser energischen Zurückweisung ihres barbarischen Vorhabens' noch nicht genug und das Bürgermeisteramt von Breitenstein am Semmering wendet sich öffentlich gegen die Veröffentlichung der Sanitätsgutachten(i): das sei ein Mangel des Verfahrens (saperlotl). Der Speech des Bürgermeisters von Breitenstein polemisiert dann gegen die Gutachten und nennt die Konstatierung der Feindseligkeit gegen c arme Waisenkinder eine — Phrase. Justament itöt! Den Wiener Inden ist der Geist wohl bekannt, aus dem derartige Aktionen entspringen. Es ist derselbe Bestialismns, welcher allen humanen Gründungen in Wien Widerstand und Trotz bot, sobald dieselben Inden zugute kommen sollten. Derselbe wirkt aber auch gegenüber der Armut und dem Unglücke überhaupt. Es ist richtig. Jndenfeindschaft und Unmenschlichkeit wachsen auf einem Holze. N. L. Ans der Woche. In einem Jagdfeuilleton der antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" findet sich der folgende schöne Passus: „Eitelkeit und Rekordsucht sind die Motive, denen unser Großwild daheim und draußen zum Opfer fällt. — Denn auch der Arier wurde von diesem echt jüdischen Pesthauche angesteckt, srondet dem widerlichen Götzen „Rekord" ebenso, wie jene Nachkommen Aschers, Lewis und Arons, die sich heute in „feinen" Lokalen breitmacheu, unseren Mädchen mit nie zu sättigender Lüsternheit nachstellen, uns die deutschen Jagden wegpachten, um sich adlige „Airs" zu geben, scheinbar, als müßten sie die jahrhundertelange Enthaltsamkeit nun in raffiniertester Lust büßen." Daß nach Ansicht eines richtig gehenden Antisemiten die: Juden an allem Unheil schuld sind, ist ja längst bekannt. Aber .daß ihnen jetzt auch die Aasjägerei der Herren Schulze und v. Müller auf das Konto gesetzt wird, das stellt wirklich einen neuen Rekord dar. Merkwürdig übrigens, daß die Germanen, .selbst die ürteutschen Weidmänner, so fabelhaft wenig Widerstandskraft gegen den „jüdischen Pesthauch" der Herren Ascher, Lewi und Aron besitzen. . ' ' * * Die uralte Judeugemeinde von Serres, welche der Schauplatz furchtbarer Greneltaten seitens der Kriegführenden gewesen ist, droht vollständig zu zerfallen. Die Juden, welch bekanntlich großen Schaden erlitten haben, flohen panikartig aus der Stadt und wanderten nach Saloniki, manche auch nach Konstantinopel Ms. Die Inden in Serres bildeten stets eine wichtige Handelsexpositur des Hinterlandes von Saloniki, deren Existenz und Weiterbestand gerade bei der künftigen Gestaltung der Verhältnisse in Saloniki für die dortigen Juden und die Aufrechterhaltung ihrer Handelsbeziehungen mit dem Hinterlande geradezu ein Lebensinteresse bildet. Aus diesem Grunde haben die Saloniker Juden an das Rabbinat in Serres den dringenden Appell gerichtet, die Auswanderung der Juden von dort mit allen Mitteln hiutanzuhalten und gleichzeitig versichert, daß alles ausgeboten werde, um die Häuser der Juden wieder anfznbanen und ihnen die Fortsetzung ihres bisherigen Berufes zu ermöglichen. Die Aktion in dieser Richtung,, insbesondere die Wiederheimbesördernng der flüchtigen Inden aus Serres, ist bereits begonnen worden. * -i- ■ Ans Saloniki wird gemeldet: Der Großrabbiuer von Saloniki hatte in den letzten Tagen eine längere Unterredung mit König Konstantin, in der sich der König in bemerkenswerter 'Weise über die künftige Stellung des Judentumes in Neu- Griechenland und insbesondere in Saloniki äußerte. Der Großrabbiner erklärte König Konstantin, daß die jüdische Bevölkerung unter der türkischen Herrschaft zu den überzeugtesten türkischen /Patrioten gehörte. „Wir hätten alles darangesetzt", sagte der Großrabbiuer, „das Geschick der türkischen Herrschaft in Mazedonien zum Guten zu wenden und wir Juden hätten uns mit Freuden für die Erhaltung der kürkischen Herrschaft geopfert. Ich sage offen, haß ich in eigener Person zu den Waffen gegriffen hätte, wenn es möglich gewesen wäre, dem türkischen Reiche zu helfen. Da dies aber nicht möglich war, und wir nichts tun konnten, um das Schicksal der Türkei abznwenden, so haben wir uns in die geänderten Verhältnisse gefügt, die uns die griechische Herrschaft bringen." Der Großrabbiner erklärte weiter, daß die Judenschaft auch dem griechischen Staate volle Anhänglichkeit und Treue entgegenbringe und ein Element der Ruhe und Ordnung im. Lande sein werde, das sich seiner Stellung im Gefüge des 'Staates bewußt ist. König Konstatin entgegnete, er nehme die Erklärungen des Großrabbiners, die ihn durch ihre Offenheitsympathisch berührten, mit Befriedigung auf und versichere, daß die Inden in Neu-Griechenland sich allen Schutzes und allen Entgegenkommens seitens derBehörden erfreuen sollen. Insbesondere könnte die Judenschaft von Saloniki beruhigt sein, die im Wirtschaftsleben dieser Stadt einen so hohen Rang einnehme. Die Kodifizierung der Rechte der Juden in Neu-Griechenland könne aber erst erfolgen, bis die neuznwählenden Abgeordneten ans. den eroberten Gebieten im Parlament die einschlägigen Gesetze mitbestimmen'werden. Der König verabschiedete den Großrabbiner unter wiederholten Versicherungen seines Wohlwollens. 1 Der Großrabbiner hat über den Verlauf dieser Audienz in'der Versammlung der jüdischen Gemeinde Bericht erstattet, die die Mitteilungen mit Befriedigung zur Kenntnis nahm. * * . * ■ Der frühere italienische Ministerpräsident Luigi Lnzzatti regt im „Corriere belle Sera" die Begründung eines internationalen Komitees an, das im Namen der Zivilisation Rumänien die endliche Emanzipation der Inden anfnötigen soll. Dem Komitee sollen angehören Balsonr, Clemenceau, Professor Encken, Visconti Venosta, Martini und andere hervorragende Männer, unter ihnen in erster Linie Präsident Wilson. Einem derartigen moralischen Drucke werde Rumänien schließlich nachgeben müssen. Bekanntlich besteht auch in Amerika seit kurzem bereits ein Komitee für die Emanzipation der rumänischen Inden, an dessen Spitze der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mr. Champ Clark, steht und dem sich neuerdings auch der "bekannte Multimillionär Astor angeschlossen hat. \ * -i- ❖ Wie wenig ernst die von der riunänischen Regierung im Senate abgegebene Erklärung betreffs der Naturalisation der Juden zu nehmen istzeigt folgende Meldung ans 'Bukarest: Bei Anordnung der allgemeinenen Mobilisierung hatten sich 500 jüdische Freiwillige beim Kriegsministerium zur Dienstleistnng gemeldet und waren von diesem auch in das Heer eingereiht worden. Nunmehr haben diese Freiwilligen die amtliche Verständigung erhalten, daß das Kriegsministerinm-nicht berechtigt war, jüdische Freiwillige in das Heer anfzunehmen. In Rumänien werden Ausländer — und als solche werden auch die in Rumänien geborenen Inden betrachtet— als Freiwillige nicht in das Heer ausgenommen.. Die 500 jüdischen Freiwilligen haben durch volle fünf Wochen alle Strapazen eines Feldzuges > mitgemacht und sehen sich jetzt in der Hoffnung, die rumänische Staatsbürgerschaft zu erlangen, enttäuscht. -i- * '; - , -'ft Die Verteidiger des Angeklagten B eilis, die bedeutendsten russischen Anwälte G r u ß e n b e r g, Kar a b sch e w s k y und Z a r o u d.n y, erhielten vom Gericht die Aufforderung, zur Verhandlung am 8. Oktober zu erscheinen. Auch die wichtigsten Zeugensind bereits für den ersten Verhandlnngstag geladen. Der frühere Verteidiger Beilis, Margolin, ist diesmal als - Zeuge geladen. Unter den Zeugen befinden sich ferner der frühere Untersuchungsführer Oberst . I w ä n o w und ' der Richter F e n e n k o, Staatsanwalt L a ch k a r e w, der die erste Anklageschrift verfaßt hatte, ferner die Entdecker des wirklichen Sachverhaltes beim Mord des Knaben Justschinsky, der Journalist ' Brasul , B r u s ch k o w s k y und der Detektiv Kr a s o w sk y.