Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 33 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 «Kr; 33. Die Wahrheit Kantoren eine Altersversorgung, gewähren? Dagegen , solcher, die Jahrzehnte hindurch die Kräfte des Kantors ansnützeu, -um ihn dann auf feine alten Tage dem Hunger zu überliefern, gibt es unzählige! Freilich in einer Bezieduug sind sich alle Gemeinden gleich und zwar in xuuobo der Koukursausschreibuugen. Jeder Setzerjunge, wenn er nur die Ueberschrift sieht, kennt den Text gewiß schon auswendig: „Die Gemeinde in T. sucht einen Oberkantor. Reflektanten dürfen das 35. Lebensjahr nicht mit einem Tage überschritten haben, müssen musikalisch gebildet, im Besitze einer schönen Tenorstimme, im modernen und auch traditionellen Vortrag ausgezeichnet versiert sein" und so weiter . . . ad gual Jisroel. Und der Schlußakkord eines jeden Konkurses: „Reisespesen werden blos dem Akzeptierten vergütet!!!" Während vieler Jahre Konkurse lesend, hatte ich aber höchst selten oder fast nie Gelegenheit, einen Konkurs zu sindeu, in welchem die bedrängte Gemeinde dem neu zu akzeptierenden Scliuliacb Zibbur, im Alter von nicht mehr als 35 Jahren, eine Sicherung seiner alten Tage verspricht. Nicht wenig tragen auch unsere Kollegen selbst an diesen skandalösen Zuständen Schuld. Ich heiße sie Kollegen, weil sie dem gleichen Berufe angehören. Wenigstens angeblich; denn so lange die Gemeinden nicht den einzig richtigen Weg einschlagen, daß sie bei Anstellung eines Kantors das Zeugnis einer autorisierten Anstalt als Nachweis der erworbenen Fachbildung verlangen oder in Ermangelung einer solchen Anstalt das Votum der zuständigen fachmännischen Organisation, wie österr.-nngar. Kantoren-Verein rc., über die kantorale Qualifikation einholen, solange werden sich tlnberufene Elemente als unsere Bernfsgenossen ausgeben und im Bewußtsein ihrer Unfähigkeit durch Annahme standeswidriger Bedingungen unserem Stande großen Schaden zufügeu. Ueberhanpt Leute, wenn auch Fachmänner, die dazu beitragen, daß manche Gemeinden es überhaupt wagen können, derartige Konkurse auszuschreiben, sind unsere Kollegen nicht und werden es nie sein. Wenn aber die Gemeinden endlich durch ein einmütiges, mannhaftes Vorgehen der Kollegenschaft zur Einsicht gebracht werden, daß der Kantor, wie der Rabbiner mit Pension anzustellen ist, dann dürften kaum mehr solche Huliganstückel möglich sein, wie sie von Czeruowitz, Lemberg, Stanislau, Marienbad, Triest und anderen Gemeinden gemeldet werden. Wir brauchen aber nicht in die Ferne zu schweifen, das Schlechte liegt so nahe, und zwar selbst in unserer Residenzstadt. Daß die Wiener Kultusgemeinde ihren Kantoren das Altern nicht verbietet, ist zur Genüge bekannt. Es gibt aber in Wien viele Tempel, die sich nicht des' Schutzes der Knltnsgemeinde erfreuen, Vereinstempel, die für sich allein Schabbos machen. Auch in diesen Tempeln gibt es Kantoren, und sogar sehr lüchtige. So lange sie jung und funktionsfähig sind, können diese Funktionäre von ihrem allerdings bescheidenen Gehalte doch mehr oder weniger ihren Lebensunterhalt bestreiten. -Werden aber die Wiener Vereinskantoren denn nie alt?. Und was sollen sie, da mit Ausnahme von zwei Vereinstempeln in keinem einzigen der Kantor pensionsberechtigt ist — auf ihre alten Tage beginnen? In einem der Wiener Vereinstempel spielt sich gegenwärtig ein sehr häßlicher Falbab. Ein Kollege, der bereits vier Jahre im Amt ist, muß seinen Posten verlassen, weil der Vorstand einen neuen Tempel erbame. Wo da die Logik steckt, ist schwer zu erraten. Mit den Wiener Vereinskantoren ist es überhaupt schlecht bestellt und das Schlechteste ist die Unsicherheit der Stellungen und der Schrecken vor dem Altwerden. Vor einiger Zeit hat der Vorstand des Kantoren-Vereines den Versuch gemacht, eine Aktion, im Interesse der Wiener Vereinskautoren einzuleiten, dieselbe scheiterte aber an der kühlen Haltung der Vorstände mehrerer Vereinstempel und der Indolenz eines Teiles der Wiener Kollegen. Also auch in der Metropole unseres Reiches wird dem Kautor das nicht zuteil, was er als Schuliach Zibbur haben muß: Die Enthebung von den Sorgen um den Lebensunterhalt. Dagegen in anderen Ländern, wie. z. B. Deutschland, wo man doch vom Kantor gewiß nicht, mehr verlangt als bei uns, ist der Kantor selbst in der kleinsten Gemeinde lebenslänglich und mit Pensionsberechtigung angestcllt. Daher ergeht mein Mahnruf an die Gemeinden Oesterreich-Ungarns: „Erhaltet den jüdischen , Gottesdienst!" Unser Gottesdienst -in Oesterreich-Ungarn erfreut sich eines großen Rufes in der ganzen Welt Wo fand man noch einen Sulzer, Goldstein, einen Baruch Schor und viele andere, deren Namen unvergänglich bleiben werden. Diese Kapazitäten auf kantoralem Gebiete wurden aber vonnhren Gemeinden - versorgt, was ihnen auch ermöglichte, den jüdischen Gottesdienst ■ auf diese Höhe zu bringen^ wie er heute in Oesterre.ich-Ungarn :■ besteht. Die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kollegen erfreut sich aber dieses Vorteiles nicht, und nicht einer, sondern unzählige klagten in der Stille: ecb. uschir Boschiwjo? Wie soll ich singen, wenn ich nicht weiß, ob dieses Gotteshaus mir nicht zur Todesstätte wird, in der Angst lebend, Tag ans Tag? Daher Ihr Leiter und Vorsteher der jüdischen Gemeinden in Oesterreich-Ungarn, sorget für den jüdischen Kantor! Es ist nicht viel, was er verlang! und. bei einigem gutem Willen wird es Ench möglich sein, seine bescheidenen Wünsche zn erfüllen. Erhaltet den jüdischen Kantor, denn nur so wird es auch möglich sein, den jüdischen Gottesdienst zn erhalten! Wie n, im August 1913. Rablniler-IilbUimm. Am vergangenen Sabbath feierte hier unter ungewöhnlicher Beteiligung Herr Dr. I. Ziegler sein 25 jähriges Amtsjubilänm. Schon lange vor dem Mnssaph-Gottesdienste begehrte^ man stürmisch Einlaß. Als um %lö Uhr das Gotteshaus geöffnet wurde, drängten sich sowohl Karlsbader als auch diechier anwesenden Kurgäste massenhaft und jeder suchte sich ein Plätzchen zu sichern. Um 10 Uhr betrat nun der Jubilar, Herr Rabbiner Dr. I. Ziegler, unter den Klängen einer vom hiesigen Chor sehr schön gesungenen Festhymne das aus diesem Anlasse mit Blumen geschmückte Gotteshaus. Die Herren Vorstände Adolf Rosenfeld und Josef Hainzfnrth geleiteten nun den Herrn Rabbiner zu seinem schön geschmückten Sitze, wo er vom Herrn Knltusvorsteher Ludwig Moser in Anwesenheit des Gesamtvorstandes in herzerhebender Weise begrüßt und gefeiert wurde. Herr VorsteherLudwig Moser sagte u. a.: Der Name Dr. Ziegler ist in der Geschichte der Karlsbader Kultusgemeinde mit goldenen Lettern für ewige Zeiten festgehalten. Herr Dr. I. Ziegler dankte mit fester, jedoch bewegter Stimme und versicherte, auch weiter für das Ansehen und den Ruhm der geschätzten Gemeinde mit demselben Eifer wie während der vergangenen 25 Jahre zu wirken. Als nach der Thora-Vorlesung Herr Dr. Ziegler die Kanzel betrat und feine Festpredigt mit dem Segensspruche Scbechejonu begann, wurde es still und alles horchte mit Andacht dem glänzenden Vorträge des genialen Redners. Er erläuterte das Schecliejonu auf sich beziehend in meisterhafter Weise. An einer Stelle'rief Dr. Ziegler aus: „Ideale können während der Jahre wechseln, " doch darf es nie dazu kommen, daß man in späterer Zeit ohne Ideale bleibt." Dann wieder: „Wenn es hieße, die Seelsorge von neuem zu beginnen, so würde er, trotz erlebter Fährnisse, ohne Zögern ansrufen: „Ich will!", und mit derselben Begeisterung wie vor 25 Jahren." Zum Schlüsse sagte Herr Doktor , Ziegler: „Vielen Dank schulde ich meinem verehrten Vorstande, er gab mir das Höchste, er gab mir die Freiheit, schrankenlos zu sprechen und so mir die Gelegenheit, ohne Rücksicht meine Gedanken zu entwickeln." Mit erhebenden Festgesängen unter - Leitung unseres bewährten Dirigenten Herrn R. Sonueberg schloß diese denkwürdige Jubiläumsfeier und Herr Dr.. I. Ziegler kann mit Genugtuung auf dieselbe zurückblickeu und sich, im Herzen sagen: Die Mühen der '25 Jahre sind vom Lorbeer des Erfolges umkränzt. . Oberkantor I. Weiß. Eine Demerknng. - In dem Artikel „Schule und Haus" heißt es unter anderem: Die Schilderungen der Bibel sind geradezu darauf angelegt, das kindliche Gemüt in Spannung zu erhalten, und es wird wohl jedem jüdischen Lehrer gelingen, das,Bild fesselnd