Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 33 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite fr. Nr. 82. ^Theoretica" — trat seinem Jünger durchaus nicht hindernd entgegen, als dieser der Geschichte, Geographie und Astronomie und sonstigen wissenschaftlichen Fächern mehr-Zeit und Aufmerksamkeit schenkte als dem Talmudstudinm. 23 Jahre alt, zog Gans nach Prag und verblieb daselbst bis zu seinem Tode. (25. August 1613.) Als Zeitgenosse des damaligen Prager Oberrabbiners, des hohen Rabbi Löb (R. Löwe den Bezalel) und - Kaisers Rudolf II., des bekannten Protektors gelehrter Astronomen, stand "er in Verkehr mit den größten Zelebritäten auf dem Gebiete der Mathematik und Astronomie: mit Keppler, Tycho de Brahe und Johannes Müller (KsZioiv.oniaL.u8). Seine historischen und astronomischen Werke fanden bei seinen Zeitgenossen die' verdiente Anerkennung, doch ist am bekanntesten sein Hauptwerk, eine Geschichtschronik, verfaßt unter dem Titel „Zemach David“, (zuerst gedruckt in Prag 1592), die in Jahrbüchen und Annalen der jüdischen und allgemeinen Geschichte -besteht. David Gans besaß keineswegs den kritischen Geist Asarja de Rossis, überragte jedoch bei weitem durch eine vernünftige Sichtung des geschichtlichen Stoffes seinen älteren, auch unsinnigen Märchen leicht zugänglichen Zeitgenossen Gedalja ibn Jachja. Wohl polemisiert er gegen De Rossi bezüglich der bei den Inden angenommenen Jahreszahl seit der Weltschöpsnng, doch vermag er die Einwendungen de Rossis nicht zu entkräften, obwohl er hiezu in seiner Vorrede zum II. Teil öfter einen .Anlauf nimmt. Charakteristisch für die damalige Zeit ist es, daß David Gans wegen seiner Beschäftigung mit außertalmudischen Wissensfächern seitens der Talmndgelehrten so manchen scharfen Tadel erfahren mußte. In seiner Vorrede zum II. Teil seines „Zemacli David“ setzt er auseinander, daß sein historisches Werk von jedem frommen Juden auch am Sabbathe gelesen werden dürfe, indem er sich hiebei auf seinen Meister Moses Jsserles bernft (Tur Orach Ghajim Ab sch n. 307, § 1). der trotz seiner erschwerenden Tendenz in allen religiösen Fragen betreffs dieses Punktes einer freisinnigen Anschauung huldigte, und setzt dann in seiner Verteidigung wörtlich fort: „Ich füge noch hinzu, daß die Bibel uns ausdrücklich die Erlaubnis erteilt hat, in den Büchern der anderen Nationen zu forschen und nachzusuchen, um die Begebenheiten und Ereignisse der Welt kennen zn lernen, da selbe auch für uns von Nutzen sein können. So heißt es zn Ende des Buches Esther: „Die nähere Angabe von der Größe Mordechais .... wie es geschrieben steht in der Chronik der Könige von Medien und Persien" rc. Im > Wochenabschnitt „Woetchanan“ sagt die heilige Schrift: „Frage doch nach den früheren Tagen, die vor dir gewesen, seit dem Tage, da Gott den Menschen auf Erden geschaffen." rc. . . . . . Da nun viele wahrhaftig fromme und intelligente Menschen, die von Sehnsucht erfüllt sind, die Zeitereignisse kennen zn lernen, mich zur Anfzeichuung derselben ermuntert haben, faßte ich diesen Teil meines Werkes in der Absicht ab, um dem von Ausschließungsgesetzen niedergedrückten Geschlechte, den mit vielen Kämpfen zur Herbeischaffung ihrer Lebensbedürfnisse ringenden Gemütern Erholung zu bieten, ihnen, wenn sie nach vieler Mühe und Anstrengung sich Ruhe gönnen wollen, eine angenehme, anziehende Lektüre, durch Erzählung merkwürdiger alter wie neuer Tatsachen darzureichen?) In seinem „Zemacli David“ verfuhr Gans nicht ganz kritiklos, doch stand ihm, respektive mußte ihm der Talmud höher stehen, als alle Ergebnisse der historischen und chronologischen Forschung, stand ihm ja das Schicksal des Werkes „Lleor Enojim“ de Rossis stets vor Angen, welches das Rabbinatskollegium zn Sefat nach der Weisung des R. Josef Karo verdammen ließ. Ueber Gans' äußeren Lebenslauf ist wenig zn berichten; sein Leben stoß dahin in stilltüliger Geräuschlosigkeit, und so unansehnlich und "bescheiden sein äußeres Auftreten war. so knapp ist auch die Inschrift, die sein Grabstein auf dem Prager alten jüdischen Friedhof trägt. Außer dem Sterbedatum enthält - i) Vergleiche die Uebecsetzuug von G. Älemperer, herausgegeberr. von M. Grünwald, S. 11, I. Heft, Prag 1890. ' sie nichts weiter als die Angabe seines und seines Vaters Namen und das Epitheton „Chacham“.2) So gering laxierte man in damaliger Zeit die jüdische Geschichtsforschung?) — Erhaltet den jüdischen Gottesdienst. Ein Mahnruf an die jüdischen Gemeinden Oesterreichs. Bon Josef Grob, Wien. Eigentlich sollte dieser Mahnruf lauten: „Erhaltet d e n jüdischen Kantor!" Es ist wohl allgemein bekannt, daß ein jüdischer Gottesdienst schon in uralten Zeiten ohne Kantor oder Vorbeter nicht möglich war und gegenwärtig ist doch sicherlich ohne den Kantor an einen solchen nicht zn denken. Es liegt mir gewiß fern, den anderen Funktionären, die im Dienste Gottes und des Judentums stehen, in irgend einer Weise nahezntreteu. Tatsache ist es aber, daß kein anderer Funktionär im jüdischen Kultus derartig in Anspruch genommen wird undzur Befestigung des gottesdienstlichen Kultus so viel beitrügt, wie der Funktionär, dem in der jüdischen Gemeinde das Vorbeleramt übertragen wurde. In der jetzigen, für das Judentum so tief beschämenden Zeit, in welcher das jüdische Familienhaus so wenig zur Stärkung lmd Erhaltung, sondern im Gegenteil durch Nachahmung fremder Sitten und Gebräuche eher zur Einschläferung beitrügt; in dieser Zeit, wo das jüdische Privatleben selten etwas jüdisches in sich hat und wir nur zn gewissen Zeiten von antisemitischer Seite daran erinnert werden müssen, daß ein jüdisches Volk und jüdisches Leben existiert, ist uns nur Eines geblieben, aus dem die kaum noch lebensfähige jüdische Seele ihre Lebensnahrung zieht, und das ist das jüdische Gotteshaus mit seinem jüdischen Gottesdienst. Die Hauptperson, oder sagen wir die meist beschäftigte Person an dieser Stätte ist — wir können dies mit vollem Rechte behaupten — der jüdische Kantor. Er ist es, der jeden Tag, früh und abend den Gottesdienst verrichtet. Er ist es, der den heiligen Sabbath einweiht nud beschließt, den Neumond einsegnet, die Feste mit seinem Gesänge verherrlicht, die weihevolle Stimmung der Buße und Einkehr vermittelt und bei freudigen und traurigen Anlässen in der Gemeinde immer am Platze ist, mit einem Worte, das ganze Jahr, ist es der jüdische Kantor, der im Dienste des Judentums steht und alle seine Kräfte seinem Bestände widmet. Und was bietet das jüdische Volk dem jüdischen Kantor? Diese Frage ist schon wiederholt in diesem Blatte aufgeworfen worden, aber eine richtige Antwort wurde ihr niemals zuteil — wenigstens von den jüdischen Gemeinden nicht. Daß der Kantor für seine Funktionen bezahlt wird, ist keine richtige Antwort. Wer — fragen wir — sorgt für ihn, wenn er nicht mehr fungiert? Es gibt ja eine Zeit im kautoralen, wie überhaupt im menschlichen Leben, wo man nicht mehr in derLage ist, seinen Berns ausznüben. Darf der jüdische Kantor nicht. alt werden, oder soll er, wenn er älter geworden, seinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten? So mancher täte es vielleicht, um sich den Dank seiner Gemeinde übers Grab hinaus zn sichern . . . ., er hat aber Weib und Kinder, und für diese muß er sich erhalten. Man komme mir nicht mit Einwendungen, der Engel in den jüdischen Gemeinden sei nicht so schwarz, wie ich ihn male. Mir sind diese Phrasen schon zur Genüge bekannt und insbesondere seit mir die Ehre zuteil wurde, am Beralnngstische des Oesterr.-ungar. Kantorenvereines zn sitzen, hat sich mir erst recht die Ueberzeugung aufgedrängt, wie traurig und zugleich schändlich die Lage unserer Kollegenschaft ist. Gewiß, es gibt Ausnahmen. Nicht jeder Jaum-Tauw aber heißt Purim, und nicht jeder jüdische Evrjaun ist in der Lage, am Purim sich einen Jaum-Tauw zu machen. Wie viele sind ihrer im Ganzen — mit Ausnahme der Wiener Knltnsgemeinde — die Gemeinden. in Oesterreich, die ihren 2) Lieben, Grabstein-Inschriften Nr. 9. 3) Vergleiche Grätz, „Geschichte der Juden". Baud IX, p. 475.