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Die Wahrheit · 1913-08-15 · Heft 32 (15.8.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 32 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32. Die Wahrheit Seite 7. bereit waren. In solchen Fällen aber geschah dies angeblich IsZvbsm schomajim zur Ehre Gottes, tatsächlich aber um den eigenen Ehrgeiz und die Herrschsucht zn befriedigen. Um mich etwas prägnanter ausdrücken zu können, will ich hier ein Gleichnis. das ich in meiner Jugend in einem Buche gelesen, erzählen. In einer größeren Provinzialstadt lebte ein äußerst braver, streng religiöser Mann in günstigen Verhältnissen. Er hatte drei Söhne, zwei derselben waren bereits verheiratet und wohnten in einer anderen Stadt. Der ältere Sohn erfreute sich ebenfalls des blühendsten Wohlstandes, während dem jüngeren Sohne trotz seiner Tätigkeit und Arbeitsamkeit das Glück nicht hold sein wollte, so daß er stets schwer zu kämpfen hatte und oft die väterliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Nun sollte auch der dritte Sohn in den Ehestand treten. Als der Hochzeitstag bereits bestimmt war, lud der Vater seinen ältesten Sohn schriftlich ein und trug ihm auf, mit seiner ganzen Familie zur Hochzeit zu kommen und es ja nicht zu unterlassen, den jüngeren, in dürftigen Verhältnissen lebenden Brnder mitzubringen. Dieses Einladungsschreiben schloß er mit den Worten: Die etwaigen Auslagen, die du dir, lichwodi, mir zn Ehren machen wirst, will ich dir mit Vergnügen vergüten." Kaum war dieses Einladungsschreiben angelangt, als der gute Mann sofort die nötigen Einkäufe besorgte und die schönsten Kleider für seine Angehörigen beschaffte, um nur recht elegant beim Hochzeitsfeste seines jüngsten Bruders erscheinen zu können. Einen Tag vor seiner Abreise setzte er seinen in seiner unmittelbaren Nähe wohnenden armen Brnder von dem Einladungsschreiben des Vaters in Kenntnis und forderte ihn auf. ebenfalls dieser Einladung Folge zn leisten und die Reise gemeinschaftlich mit ihm und den Seinen anzntreten. „Ich kann mich unmöglich entschließen" — entgegnete jener — „zur Hochzeit zu fahren, da es mir an den nötigen Kleidern mangelt." Fahre nur mit, erwiderte dieser, der Vater wird sich freuen und recht gern dir die erforderlichen Festkleider besorgen. Als mm die beiden Brüder mit ihren Angehörigen ins .Elternhaus kamen, war der Vater beim Anblick des ärmlich gekleideten Sohnes tief verstimmt, unterließ es aber vorläufig, dem älteren Sohne hierüber einen Vorwurf zu machen, sondern ließ sofort in aller Ruhe die nötigen Kleider für den unglücklichen Sohn besorgen. — Das Hvchzeitsfest dauerte nach alter Sitte 7 Tage. Sodann rüsteten sich die fremden Gäste wieder zur Rückreise. Als der älteste Sohn vom Vater Abschied nahm, sagte dieser: reiset glücklich und seid immer recht gesund und munter. Da erwiderte der Sohn: „Guter Vater! Die Reise zur Hochzeit hat mir sehr viel Spesen verursacht". „Nun das ist ja sehr schön" — entgegnete der Vater — „übrigens lebst du ja in. solch günstigen Verhältnissen, daß du dir einen solchen Luxus sehr leicht erlauben konntest." „Du aber", replizierte der Sohn, „hast doch mir in deinem letzten Briefe, den ich zufällig hier bei mir habe, die Vergütung aller Spesen zugesagt." Nun, so lies den Brief taut vor. um mich zn überzeugen, daß ich dir tatsächlich die Vergütung aller Spesen zngesagt habe", erwiderte der Vater. Der Sohn las vor den Satz: „Die etwaigen Auslagen, die du mir zn Ehren haben wirst, werde ich dir vergüten." „Ja, das ist wahr", sagte der Vater, „so habe ich geschrieben, hast du aber auch wirklich mir zn Ehren dir so viel Anslagen gemacht? Gewiß nicht, sondern zu d ein em Vergnügen, denn sonst würdest bu zweifellos auch für deinen armen unglücklichen Brnder lickwodi den allernötigsten Anzug besorgt haben." — Dieselbe Bewandtnis hat es anch mit Israel. Das göttliche Gebet, „Sie sollen mir zn Ehren ein Heiligtum errichten, damit ich unter ihnen wohne", wurde im Laufe der Jahrtausende oft mißbraucht. Schon der Prophet Jeremias hatte kurz vor der Zerstörung des ersten Tempels Ursache, das Treiben jener Frömmler, die die wichtigsten Gesetze der Moral sehr wenig beachteten, hingegen auf den Tempelbesuch Hauptgewicht legten, zn geißeln, indem er im Namen Gottes ansrust: AI tiwteclio lochem el diwre hascheker. Verlasset euch nicht ans jene Lügenworte, indem sie immer ansrufen: Hechal Adonai, Hechal Adonai. Tempel Gottes! Tempel Gottes! denn Hechal Adonai hemo, der Tempel sollen s i e j a s elb st s e i n, ihr Herz soll der Tempel sein, in welchem Gott wohnt und thront; weschoehanti betochom lautet ja das göttliche Wort, sie sollen mir deshalb ein Heiligtum errichten, damit ich in ihrem Herzen wohne. Als nach der Zerstörung des zweiten Tempels überall prachtvolle Synagogen erbaut wurden, haben hervorragende Autoritäten den übertriebenen Luxus, der bei diesen Bauten oft auf Kosten der Schulen entfallet wurde, entschieden getadelt. „Ach, viele würdige und befähigte Lehrer, die ein kümmerliches Dasein fristen müssen, hüllen für die großen Summen, die hier für unnötigen Luxus verwendet wurden, erhalten und somit die Wissenschaft des Judentums verbreitet werden können, rief R. Hoschea beim Anblicke der äußerst prachtvollen, palastartig erbauten Synagogen in Lydda aus. (Schekalim 17). Und so zieht es sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Judentums. Jahrhunderte lang lebten die Juden im Golus. Trotz der Pharaonischen Ansnahmsgesetze, die sie tief zn Boden drückten und berechnet waren, sie zu demoralisieren, waren sie doch überall, im Osten und im Westen, im Süden und im Norden, unausgesetzt redlich bestrebt nud bemüht, für die Verbreitung der Thorakenntnis, wie für die Erhaltung der religiösen Anstalten und Humanitären Institutionen die größten und schwersten Opfer zn bringen. Fast in allen Gemeinden erfreuten sich die Bibel- und Talmndschulen der schönsten Blüte. „Die Jugend sah die Religion gleichsam auf der Straße umherwandeln. An der Seite der Tore, an der Oeffnuug der Stadt, am Eingänge der Türen predigt sie" (Spr. Sal. 8. 3.) Die gemeinnützigen Humanitären Anstalten prosperierten vortrefflich. Würdige, verschämte Arme, wie überhaupt verdienstvolle Persönlichkeiten. die durch Unglücksfälle herabgekommeu waren, wurden ohne jegliche Protektion, in edler, feinfühliger Weise heimlich kräftigst unterstützt, so daß ihr Ehr- und Schamgefühl nie verletzt werden werden durfte. Die einfachen, prunklosen Synagogen waren nicht bloß an Sabbathen und Festtagen, sondern anch täglich morgens und abends in allen ihren Räumen gefüllt. Allerdings haben sich im Laufe der Jahrhunderte auch Mißbräuche in die Synagogen hineingeschlichen, die selbst die hervorragendsten Rabbinen nicht zu bannen vermochten. Dem religiösen Leben jedoch haben sie damals nicht geschadet, weil das gläubige Volk diese ererbten Bräuche als heilige religiöse Zeremonien betrachtet und behandelt hat. Mit dem Beginn der neuen Aera jedoch, der Aera der Freiheit, erhielt das religiöse Leben in zahlreichen Gemeinden des In- und Auslandes eine ganz andere Gestalt. In unserem Vaterlande war Wien die erste Gemeinde, die in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts daran ging, den Gottesdienst zn modernisieren. Diese ansehnliche vornehme Gemeinde war damals in der Wahl ihres religiösen Oberhauptes äußerst glücklich. Dem genialen, achtunggebietenden Mannheimer s. A. gelang es, einen „geregelten Gottesdienst" esnzuführen, der sowohl den Anforderungen der Religion, wie dem Geschmacke der Zeit vollkommen entsprach. Nicht minder glücklich war diese Gemeinde in der Wahl ihres Schoiiach Zibbnr, des Gesangsmeisters Snlzer. Sowohl die geistreichen formvollendeten, eine Welt von herrlichen Gedanken und Ideen entfaltenden Predigten Mannheimers, als die wunderbare Vortragsweise des Altmeisters Salomon Snlzers wirkten bezaubernd, erhebend und belebend, ergreifend und anregend, tröstend und ermutigend, belehrend und bekehrend auf das Gemüt des Zuhörers. Selbst streng konservative, vorurteilsfreie Besucher dieses Tempels waren entzückt von diesem „geregelten Gottesdienst". G. Wolf bemerkt in seiner „Geschichte der Inden in Wien" Seite 138 folgendes: „Ein nicht geringes Verdienst Mannheimers und Snlzers, oder sagen wir der neuen gottesdienstlichen Einrichtungen war es, daß den zahlreichen Ueberrritten von Seite der Juden zum Christentum ein Ziel gesetzt wurde. Das Judentum gewann an Achtung bei seinen Bekenneru und erwarb solche anch bei Nichtjndeu." Als jedoch einige Dezennien später die mittelalterlichen Ausnahmsgesetze außer Kraft gesetzt und vollständige Emanzipation der Inden dekretiert wurde, sind in mehreren größeren Landgemeinden die Machthaber, Rosche hakohol — die sich

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