Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 32 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 32 Seite 6. Die Wahrheit Mord au und der Zionistenkongretz. Ueber die Gründe, die Max Nord au veranlassen, von dem ansang des nächsten Monates in Wien stattsindeuden XI. Ziouistenkongreß fernzubleiben, teilt der „Israelit" Folgendes mit: Nord au kommt nicht. Das ist nun eine unumstößliche Tatsache, mit der der nunmehr nahende Zionistenkongreß zu rechnen hat. Daß ihm mit Nordau ein gut Teil seines dekorativen Glanzes, seiner Zugkraft genommen wird, darüber ist man sich allenthalben klar. Eine vom A. C. nach Paris entsandte Deputation, deren Wortführer kein Geringerer als T s ch l e u o w war, kehrte unverrichteter Sache zurück. Journalisten aller Art drängten sich an Nordau heran, um den Grund seines Entschlusses zu erfahren, „Interviews" füllten seit Monaten die Spalten aller hebräischen Zeitungen, und daran knüpfen sich allerhand Betrachtungen über die zurzeit am Ruder sitzenden „Praktischen" und die schmollenden „Politischen", die Hüter des Herzlerbes um Nordam Seit Wochen dreht sich die Diskussion nm die Person des Mannes, dessen Reden vom ersten Kongresse an die Glanznummer der Veranstaltung bildeten. Und nun spricht Nordau selbst. Seine Kongreßrede bleibt nicht ungehalten. Nur ertönt sie von Paris aus in die zionistische Welt und ist — eine vernichtende Verurteilung der Henri gen Leitung. Den äußeren Nahmen zu der Nordanrede gab der Herzlgedenktag am letzten Donnerstag, der in Paris unter starker Beteiligung begangen wurde. Zuerst sprach Dr. Marmor ek und hielt in seiner gewohnten temperamentvollen Art strenge Abrechnung mit der Leitung. Er entrüstet sich darüber, daß man just in den Tagen, da in Kiew der Beilisprozeß vor sich gehen wird, sich in Wien zu rauschenden Festen zusammenfinden will. Er bezichtigt die Leitung der Zaghaftigkeit, Kleinlichkeit und Engherzigkeit und spricht ihr jede Initiative und politische Fähigkeit ab. Er bezeichnet die Politik der heutigen Leitung als eine „Politik der Jntrigue" und gibt bekannt, daß sowohl er wie Nordau aus diesen Gründen beschlossen haben, dem Kongresse fern zu bleiben. Nordau selbst verbreitete sich zunächst über das große Wollen H erzls und über das Allumfassende seines Programms. Wolfs so hu sei ein treuer Hüter dieses großzügigen Programms gewesen, mußte jedoch den praktischen Kleinarbeitern das Feld räumen. Diese Praktischen, die innerhalb der „großen Idee" des Zionismus wohl ihren Platz ausfüllteu, haben, da sie an die Leitung kamen, die Idee verstacht. Die Arbeiten des heutigen Zionismus haben mit dem Herzlichen Gedanken der öffentlich-rechtlichen Heimstätte nichts gemein und unterscheiden sich von denen der Alliance, der Jca u. s. w. in nichts. Die „Erfolge" der Paläftinaarbeit sind, gelinde gesagt, eine fromme Selbsttäuschung. Gelinge es in Palästina selbst 50.000 Juden anzusiedeln, so komme es immer noch dem Versuche nahe, den Ozean eimerweise auszuschöpfen, bedenkt man, daß in Rußland und Rumänien allein sechs Millionen Juden leben. Was haben die Zionisten getan für die Wohn- und Bewegunngsfreiheit der palästinänsischen Juden, für die Abschaffung des schmachvollen roten Zettels u. s. w.? Im Feineren unterzieht Nordau das Rechnungswesen der zionistischen Leitung einer scharfen Kritik. Einmal wird der Betrag eines Oelbaumes im Herzlwalde mit 772 Fr cs. angegeben, dann mit 37 Frcs. und zuletzt rechnet man 22 Frcs. per Paum aus den Büchern heraus. Die „Universität in Jerusalem" sei eine verlorene Sache und. sollte nur zur Verzierung der Tagesordnung des Kongresses dienen; sie sei ein Phantom, und ein recht kostspieliges, da es. bereits 10.000 Frcs. verschlungen hätte. Den. Schluß der Rede bildete eine Abrechnung mit der „Welt", die sich erlaubt hatte, seinen bekannten Times-Artikel, den er nicht als zionistischer Diplomat, sondern als „Journalist von Ruf" geschrieben, als einen Verrat au der zionistischen Sache hinzustellen. Soweit Nordau. Daß es mit Manchem in der Nordau'scheu Anklageschrift seine Richtigkeit hat, ist auch dem Außenstehenden genugsam bekannt. Nur muß gerechterweise hinzngefügt werden, daß diese Mängel zum größten Teile auch früher schon, da noch die treuen Hüter des politischen Herzlerbes das Heft in Händen hatten, bestanden, und es mutet nicht gerade erhebend an, daß der „Altmeister des Zionismus" seine Privatrechunng mit dem offiziellen Organe der Partei zum Anlässe ihrer solchergestalt rücksichtslosen Aufdeckung nimmt. Die Ternpellmnten einst und jetzt. Eine zeitgemäße Betrachtung. Wenn man die Umwälzungen, die sich seit nahezu einem Säkulnm innerhalb des Judentums vollzogen haben, näher ins Auge faßt, so fühlt man sich veranlaßt mit R. Josef, dem Sohne des R. Jehoschna b. Lewi, (Pes. 50) verwnnderungsvoll ausznrufen: Olom hofoch noisi. „Welch eine verkehrte Welt ist es, in der wir jetzt leben!" Während man in vormärzlichen Zeiten, als noch in den Gemeinden Jeschnrnns die Thora hoch und heilig gehalten, die religiösen Vorschriften, Satzungen und Zeremonien mit einer minutiösen Pünktlichkeit sondergleichen streng beobachtet wurden, nur äußerst selten eine Synagoge fand, die als ein bewundernswerter Prachtbau bezeichnet zu werden verdiente, findet man in der modernen Zeit, besonders in jenen Gemeinden, deren Mitglieder für radikale Reformen schwärmen, fast keinen einzigen neu erbauten Tempel, der nicht zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören würde. Welch eine auffallende, höchst befremdende Erscheinung! Der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels ist jedoch nicht gar so schwer zu finden. Die dem Gottesdienste geweihte Stätte, die Synagoge, gehört allerdings zn den wichtigsten Säulen, ans welchen die Gemeinde Gottes beruht. „Sie sollen mir ein Heiligtum errichten, damit ich unter ihnen wohne", lautet das göttliche Wort. Wozu aber braucht Gott, so fragen unsere Weisen, im Heiligtum ein Wohnhaus? Gibt es denn überhaupt einen begrenzten Und beschränkten Raum, den mail.Gott als dessen Wohnsitz auweisen darf? Bildet nicht das ganze große Weltall seinen heiligen Tempel? ruft nicht der Prophet Jesaias im Namen Gottes aus: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde meiner Füße Schenun.el, wozu einen Tempel mir erbauen, wozu einen Ort zn meinem Wohnsitz mir anweisen?" (Jes. 66)., Allein nicht nm für sich einen Wohnsitz errichten zu lassen, hat Gott befohlen, einen Tempel zn erbauen, sondern nur deshalb, damit seine Kinder eine Stätte haben, wo sie ihre Gottesverehrung zum Ausdruck bringen und sich überhaupt durch das andachtsvolle Gebet im Geiste mit ihrem himmlischen Vater vereinen, und ihm ihre Herzenswünsche vortragen können. Wohl kann' man Gott überall anbeten und verehren. „An allen Orten, wo dir meinen Namen anrufen wirst, werde ich mich dir nähern und dich segnen", lautet ja das göttliche Wort, allein nicht jeder Ort ist geeignet, die Andacht zn erwecken, den Betenden in eine tief ernste Stimmung zu versetzen, im Gegenteil, die Außenwelt mit ihrem Geräusche und betäubenden Gewühle ist zumeist und znförderst danach angetan, des Menschen Blick zu : verwirren, dessen Sinn von dem Erhabenen, Göttlichen, Idealen' : abzulenken und auf das Alltägliche und Materielle zu richten. Nur in einem dem Gottesdienste geweihten und gewidmeten : Heiligtum — wenn es auch kein Kunstwerk der Architeknr ist — nur in einer Synagoge, wo Alles, die „Thora", die; „Bnndeslade", das, „beständige Licht" und die sonstigen heiligen! Geräte den Israeliten an seinen Beruf, wie an seine Pflichten erinnern, kann er sich von den Bänden des Alltagslebens losreißen, seine Leidenschaften bezähmen und sich ganz vergeistigen, und die höchste Stufe der Gottähnlichkeit nach und nach erklimmen zu können. Ein Blick in die Geschichte Israels genügt, um uns zu überzeugen, daß das Gebot: „Sie sollen mir ein Heiligtum errichten, damit ich unter ihnen wohne" zn allen Zeiten und unter allen Umständen von den Bekennern des Judentumshochgehalten und besonders beherzigt wurde. Ja, es kam zuweilen vor, daß selbst in Gemeinden, deren Mitglieder von dem kalten, frostigen, religiösen Jndisierentismns: angekränkelt waren, die' Machthaberfür die Erbauung eines, prachtvollen Tempels, die größten .Opfer zu bringen.gern