Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 32 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 32. Die Wahrheil Seile 5. Ob Japans politisches Glück in der neueren Zeit nicht zum großen Teile seine moralische Stütze an der Popularität fand, die die japanische Frau umgibt, den ganzen japanischen Charme? Und, ob die Japaner als Männer und Weltbürger es im Grunde verdienten? Ich überlasse es jedem, der Einblick und Erfahrung hat. sich seine Meinung über die Japaner zu bilden; ich selbst habe keine andere, als daß ich überall und einstimmig im-Osten den Japaner als treulos, unbarmherzig und im Grunde als Wilden schildern hörte. Konkurrenz ist augenblicklich der einzige Beweggrund, der den Japaner erfüllt. Das ist ein sehr natürlicher Drang, aber müßte man ihm nicht auch in demselben Sinne begegnen? Soll derjenige, der nichts gibt, immer der Beschenkte sein? Gleich Abraham bin ich nur Staub und Asche vor Gottes Angesicht. Die großen Welrereignisie vollziehen sich ohne mein Zutun. Allein, während ich mich zwischen zwei Zügen in Mnkden anfhalte, kann ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß man in Europa auf schicksalsschwangere Weise gegen das Gesetz deS weißen Mannes verstieß, als man sich während des russisch-japanischen Krieges so allgemein auf die Seite der Japaner stellte. Es waren große, natürliche Gründe dafür: Rußland hatte sich zu seinen übrigen Süilden eine weitverbreitete Antipathie in Europa zugezogen, eine im ernstesten Sinne „schlechte Presse"; Japan schien der schwächere Teil und sicherte sich allein schon dadurch im vorhinein das Mitgefühl. Und dazu kam noch die Romanze von den Kirschbäumeu und der kleinen Japanerin! Gott, verzeihe es mir, ich selbst habe anläßlich der Schlacht in der Tsnsimastraße darüber, daß der „russische Pope mit dem Kruzifix in der Hand und der Brauntweinflasche in der Tasche" ans seinem Wege aufgehalten wurde, ein Halelnja angestimmt. Was wußte ich damals von Rußland? Was weiß ich jetzt von Rußland? Man brauchte Rußland gar nicht zu kennen, nur sich von der üblichen öffentlichen Meinung frei zu halten, um einzuseheu, daß Rußland doch Europa war und als ein Borposten Europas austrat, während Japan eben der Osten war. Jetzt sitzt es auf Korea und in der Mandschurei und hat einen Keil in das asiatische Festland geschoben, der es erschwert, das zu vollbringen, was die Aufgabe des zwanzigsten Jahrhunderts hätte sein sollen: Die Ausbreitung Europas bis zum stillen Ozean. Das sind rein private Betrachtungen, eine Abbitte, zu der es mich drängt, unter dem Eindruck, welch ein Unterschied es ist, den Osten von Europa aus und Europa von Osten aus anzusehen. Da ich keiner der großen Nationen, weder der russischen noch der deutschen, weder der englischen noch der französischen angehöre und somit nie in die Lage gerate, eine der genannten empfindlichen Großmächte zu kompromittieren, darf ich mir vielleicht die Freiheit nehmen, eine unverantwortliche Ansicht mit einer anderen ebenso unverantwortlichen, die mir richtiger däucht, zu vertauschen." Also über die Japanerin ist unser guter Jensen entzückt- In begeisterter Weise schildert er sie wie folgt: „Hier ist man Japan ebenso nahe wie in Iokohama Im Wartesaal schlürfen die zwerghaft kleinen Japanerinnen mit ihrer Haareslast auf dem Kopfe und einem Baby von schier, eigener Größe auf dem Rücken. Sie sind und bleiben doch die abentenerlichsten Geschöpfe der Erde. Man muß an Gullivers Reise denken oder wähnen, sich auf dem Mars zu befinden. Gut, daß jemand sich noch dem allgemeinen Gleichmaß entziehen kann, in einer Welt, wo jedermann von Gott dazu geschaffen scheint, entweder Käufer oder Verkäufer in einem Laden zu sein. Sie ist entzückend, die braunäugige Tochter Japans mit ihren Lachgrübchen über dem ganzen Körper, den drolligen Beinchen, stets mit der Bürde eines üppigen Säuglings auf dem Rücken, mit dem reichen, unbedeckten Haar, das gleich einer herrlichen Nacht aus ihrer Seele quillt. Weiß Gott, sie bricht beinahe unter ihrem Geschlecht zusammen und kann gar nichr glücklicher sein!" Aber Jeusenchen, Jeusenchen, wie kann, um Schopenhauerisch zn sprechen, dein von der libido sexualis umnebelter Intellekt also mit dir durchgehn, wie kannst du das ewig Weibliche, die reichere Hälfte eines Volkes also loben und Preisen auf Kosten der armen anderen? Haben es dir Hie Geischas gar so sehre angetan?? Ich habe Boerne leider nicht zur Hand, aber über den Fürsten Pückler-Mnskau macht er sich — irre ich nicht — in seiner unübertrefflichen sarkastischen Weise lustig, daß er, der Fürst, übrigens auch ein Weltreisender. Antisemit ist, wenn auch nicht im heutigen Sinne, die Jüdinnen jedoch mit seiner Znneignng beglückt. Rabbi Akiba, dn hast recht: nichts Neues ist unter der Sonne, auch du Nietzsche, hast nicht minder recht: Es gibt eine ewige Wiederkehr der Dinge! Der römische Dichter-Philosoph Lnkrez war gewiß auf dem Holzwege, als er seinen Satz: „Aus Gleichem Gleiches" anfstellte, denn wie wäre es sonst möglich, daß die lieblichen jüdischen und japanischen weiblichen Engel zu Müttern werden von ausnahmslosen schwarzen jüdischen und japanischen Teufeln, semitischen und mongolischen Ungeheuern? „Erkläret mir, Graf Oerindur, dieses Rätsel der Natur!" Erkläre mir, o herrlicher Johannes V. Jensen, wie entspringt doch weiches Wachs aus stahlharten Sensen? Trotzdem ist es nicht notwendig, es Lafkadio Hearn gleichzutnn und die Japanerin zu heiraten, i Gott bewah r e, herrlicher I. V. Jensen! Es genügt, ein russisches, d. h. europäisches Pogrom zu veranstalten, alle Japaner und Juden über die Klinge springen zu lassen, die Japanerinnen und Jüdinnen aber in die Sklaverei zir schleppen, wie einst die Argiver mit Kassandra und Andromache getan.. Jensen schreibt weiters: „Es ist verblüffend, zu sehen, mit welcher Virtuosität diese Scheineuropäer mit den malaischen Kiefern und Angen, die nicht richtig sitzen, die Bälle stoßen. Mit der gleichen Fertigkeit Hüpfen Affen in den Bänmen. An primitiven Fähigkeiten fehlt es hier nicht. Wann aber — mit Ausnahme des einen Japaners, der an der medizinischen Erfindung Hata 606 teilnahm — hat Japan einen einzigen positiven Beitrag zu der modernen Zivilisation geliefert?" Doch bevor ich daran schreite, dies dritte Zitat aus Jensen zu glossieren, würde ich, düukts mich, gut daran tun, aus der pamphletisten Rolle zu fallen und aufhören, satyrisch zu sein. Die ehrliche Entrüstung fordert gebieterisch ernsthaften Ton. Der Japaner hat malaische Kiefer und Augen, die nicht richtig sitzen und die Japanerin? Ist es nicht, als hörten wir den Hepp-Hepprufer sich über die jüdische Nase mokieren? Der Rassenhaß arbeitet überall mit denselben Mitteln. Japan hätte wissenschaftlich nichts geleistet, als an der Erfindung Hata 606 teilgenommen? Nun darauf mußte gleich nächsten Tag die „Freie" den Protest eines nichtjapanischen Arztes veröffentlichen, der feststellte, welch andere viele Errungenschaften die moderne Bakteriologie den „geschumpften* Japanern verdankt. Auch den Inden gegenüber argumentieren die Chaimberlain, Gobinean et tutti quanti in gleicher Weise. Jede jüdische Kulturleistung ist auf arisch es Konto zn setzen, Christus war gar kein Jude, nsw. mit Grazie. Man betrachte noch folgende poetische Stelle aus Jensen: „Mnkden — welch' dunklen schicksalschweren Klang doch der Name hat! Er klingt wie dumpfer Kanonendonner aus weiter Ferne, wie ein Spaten voll Erde auf einen Sarg. Hier tobte meilenweit die kolossale Schlacht, welche die Russen nur verloren, weil kein Sieg in ihnen lag, und die Japaner mit einer allerletzten atemlosen Kcaftanftrengung geioannen, von der sie sich noch nicht erholt haben. Auf diesem unermeßlichen Schachbrett wurde Europa matt gesetzt — aber die Figuren können noch einmal von neuem aufgestellt werden. Von der Schlacht ist nichts mehr zu sehen, der Tisch ist rein. Im Hotel Iamato verkauft man kleine Andenken, Briefbeschwerer und dergleichen aus Granatsplittern und lauge nickelumkapselte Spitzprojektile — ungefähr 150.000 junge Menschen sind damals gefallen und wurden begraben. Die Russen verloren, weil kein Sieg in ihnen lag. Wie geistreich? Die Syrer verloren gegen die Makkabäer, weil sie eben verloren. Das Weiße ist weiß, weils nicht schwarz ist. Darf man. weil mau Jensen heißt, auch so elende Tautologien wagen? In der „Freien Presse" schon! Die Japaner haben vollbracht, was dem großen Napoleon mißlungen. Du hast keinen Sinn für Größe, armer Jensen, für diese große Heldenepopöe im Beginne des 20. Jahrhunderts. Sonst müßtest dn einsehen, daß Rußland ein asiatischer Keil in Europa, Japan aber eine europäische Eliklave in Asien ist. Ex Oriente lux! Nur von Euch, o Japaner, kann das Heil kommen! O daß Ihr noch einmal mit einer allerletzten athemlvseu Kraftanstreugung den tönernen Koloß zn Boden stürztet, damit das Licht sich ansgösse über diesen dunkeln, jnden- und kulturfeindlichen, vor der Knute im Stanbe liegenden Erdteil! Wie ein zweiter Kato möchte ich jede Rede und jeden Aufsatz mit dem Satze schließen : Ceterum censeo Russiam esse delendan*. Rußland muß zerstört werden. Wozu ich mich zum Anwalt des japanischen Edekvokkes anfwerse? Es ist vielleicht komisch. Diese bescheidenen Hekdeir bedürfen meiner nicht. Wollte Gott, die Inden befänden sich in ähnlicher Lage! Allein, ich wollte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, meinem Rassenhaß, dessen ich mich nicht schäme. Ausdruck zn geben. Ist dieser Rnffenhaß doch seit jeher der gemeinsame Punkt gewesen, in dem die erlesensten Geister znsammentrafen, so daß sich meine Wenigkeit nicht schlecht unter ihnen ausnimmt; deshalb mußte ich dem I. V. Jensen, diesem Epigonen der Wickinger, der ans seiner Wickingersahrt nach Japan, dessen Gastfreundschaft er damit vergilt, daß er es frißt, nachdem er' bwt gefressen, entgegen treten und ihm znrufen: „Russiam esse delendam!tt S. Vineta.