Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 32 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 32. und Aufmerksamkeit, während ein großer Teil der Schulkinder vielleicht nur aus dem Kalender oder vom Hörensagen weiß, daß die Inden ein eigenes Neujahrsfest haben, eine Jahreszahl von über 5600 schreiben und am „langen Tag" fasten. Wenn sie aber altklug fragen, warum wir das Neujahrsfest noch feiern und warum wir noch fasten und die alten Gebräuche jetzt noch hoch halten, so möchte ich ihnen antworten, daß, was immer der Lauf der Zeit ans uns gemacht, Gelehrte und Forscher, Erfinder und Künstler, moderne, intelligente, führende Männer und Frauen, der alte Nimbus uns noch immer umfängt wie . in den Tagen der Vorzeit und uns festhalten läßt an all dem, was wir von unseren Vätern ererbt und erworben haben. Denn nur das gibt uns Kraft und Mut und den Glauben au eine glückliche Zukunft, den Glauben au eine Wiederauferstehung eines gefestigten, starken Judentums, wenn es auch nicht auf einen Fleck vereint, sondern in allen Teilen der zivilisierten Welt vertreten ist. — Wenn ein einzelner Mensch sich mit der Zeit an gewisse Dinge derart gewöhnt, daß er sie nicht lassen kann, gewisse Handlungen tagtäglich vornimmt und sich ganz unwohl fühlt und umröstlich, wenn man ihn in feinen Gewohnheiten stört oder wenn ihm sonst etwas sein tägliches Gehaben unmöglich macht, wer will sich da einem ganzen, großen Volk entgegenstellen und ihm vormachen, daß. jener oder dieser Brauch veraltet oder unschön ist, daß das ganze Judentum nach einem Modell vor vielen Lausend Jahren, aber nicht der Jetztzeit angepaßt ist? Das Fortbestehen eines starken Judentums, trotz seiner alten Sitten und Gebräuche, straft jeden Lügen, der uns vom Althergebrachten abziehen will. Denn, nur so lange bleiben wir eben Inden, so lange wir uns an unsere alten, vernünftigen, gesunden Gebräuche halten. Wenn der Bauer einmal sein altes Gewand ab legt und sich städtisch kleidet, dann will er auch kein Bauer mehr sein, dann läßt er Haus und Hof und Feld verfallen und geht zu Grunde. Und wenn sich der Jude von allem abkehrt, was er so und foviele Jahre als heilig und gut erkannt hat, so hört er auf Jude zu s e i n und geht allmählich ins feindliche Lager über. Der Lehrer muß aber in der Schule, unbekümmert um äußere Einsiüsfe und Störungen, dem Jndentnm zu seinem Rechte verhelfen. Ich habe früher vom Passahfest, vom Neujahrsnnd Versöhnnngstag gesprochen und könnte auch das Sukkothsest erwähnen mit seiner schönen Laubhütte, die leider immer mehr verschwindet. Und doch war es schön, wenn die Kinder die Hütte mit verschiedenen Zieraten aus Papier aus Holz und vergoldeten Früchten schmückten. Das Simchat Thorafest ist ja ein Kinderfest par excellence. Die Umzüge mit den Fähnlein, das Verteilen des Obstes und das Ausrufen der Kleinen und Kleinsten zur Thora, das alles ist so recht dazu bestimmt, die Kleinen ins Gotteshaus zu bringen und ihnen gleichfalls einen Festtag zu bereiten, da man die heilige Thora wieder zu Ende gelesen. Das gibt auch dem Lehrer Gelegenheit, die Wichtigkeit des heiligen Buches zu erläutern, die Kinder darauf aufmerksam zu machen, daß wir das älteste Vermächtnis besitzen, dessen poetischer Reiz und dessen Zauber, trotz der reichen Poesie aller Jahrhunderte nicht übertroffen werden kann und daß die Bibel noch immer das Buch der Bücher ist und bleibt. Auch Chanuka mit feinen Hellen Lichtleiu, die Heldenkämpfe der Makkabäer, die Errettung der Juden unter Esther, das Purimfest mit dem alten Brauch des Geschenkgebens ist ein Feld, das die Schule für ihre Zwecke urbar machen kann. Das Kind ist für Geschichten am meisten eingenommen und merkt sich Erzählungen am besten. Und die jüdische Geschichte ist voll packender Momente, die aufs kindliche Gemüt dauernden Einfluß ausüben. Jedes Fest und jeder Brauch ist ein Stück jüdischer Geschichte, und Sache-des Lehrers ist es, die Art zu finden, die er für die beste hält, um unbekümmert darum, ob zu Hause darauf geachtet wird oder nicht, dem Kinde die Liebe zum Judentum einzuflößen. Und nun möchte ich es versuchen, auch eine Möglichkeit zu findeu, wie denn auch die Eltern dazu herangezogen werden könnten, die Liebe zum Judentum und die Erstarkung im alten Glauben erwecken zu helfen. Die Wiener Kultusgemeinde, und hier in Wien sind ja die fahnenflüchtigen Elemente leider am meisten vertreten, hat durch wissenschaftliche Vorträge, durch erbauende Predigten, versucht, auch die Großen dem Judentum näher zu bringen. Diejenigen aber, die bei den Vorträgen und bei den Predigten erscheinen, sind ohnehin dem Judentum treu und die es nicht sind, werden vergebens geladen und gebeten werden. Es wäre aber vielleicht möglich und wünschenswert, zu gewissen Zeiten Elternabende zu arrangieren. Nicht Vorträge sollen da gehalten werden, nicht Vorwürfe sollen da gemacht werden, sondern die Eltern sollen speziell dazu eingeladen werden, darüber selbst zu berichten, wie es ihre Kinder zu Hause treiben, wie sie es mit den Eltern halten und wie sie selbst über Religion und Jndentnm denken. Hier kämen die verschiedensten Ansichten und Meinungen zu Worte. Hier könnte auf dem Wege der Diskussion ein Modus gefunden werden, wie man den Konflikt zwischen Schule und Haus am besten vermeiden könnte. Ich verspreche mir von diesen Elternabenden auch nicht viel, weil sie ja nicht alle kommen werden, aber immerhin wäre ein ganz geringer Erfolg in dem einen oder anderen Fall lohnend genug, anch dieses Mittel nicht unversucht zu lassen, um die Kleinen dem Judentum zu erhalten, denn aus ihrem Mnnde sollen wir den Sieg der Zukunft empfangen. Um unsere Zukunft aber ist es gar arg bestellt. A. H. L. Russiam esse delendam. Sobald die Göttin Fama die Laune beschleicht, den Namen irgend eines Schriftstellers — gleichviel ob per fas oder ner nefas, denn sie ist mit Fortuna verwandt — über alle Dächer zu schreien, so kann man sicher sein, diesem Skriptor über kurz oder lang, jedoch meistens über kurz in den Spalten der „Neuen Freien" zu begegnen, es sei nun über oder unter dem Strich. Die „Neue Freie" ist der kapitalistische Protz, oder soll ich Protzin sagen?, die sichs leisten kann, literarische Luxnsobjekte zu erwerben, sich mit Schmuck modernster Faeon zu behängen — gleichviel ob ein realer Wert vorhanden, oder nur ein imaginärer, wie bei den holländischen Tulpenzwiebeln. Zwiebel! Ja, wenns wenigstens eine solche gewesen wäre, die dieses Blatt kürzlich seinen Lesern unter dem Strich präsentiert hat, wärs auch nur das Zwiebelchen eines Schneeglöckchens, aber es war lediglich gemeiner Zwiebel, der logischen und ethischen Gestank verbreitete, ja, wie mich dünkt, sogar ästhetischen. Ich wenigstens hatte Digestionsbeschwerden, nachdem ich das Feuilleton „Nach Mnkden" von Johannes V. Jensen widerwillig verspeist hatte. Die „Freie Presse" gerirt sich in ihrem politischen Teile als Rußlands Gegnerin, im Fenilletouteil drückt sie beide Augen zu und läßt dem sarmatischen Bären das Fell streicheln, nur um sich mit Jensen brüsten zu können. Dieser über Nacht bekannt gewordene nordische Schriftsteller ist ein Globetrotter, dessen Romane alle Himmelsstriche nacheinander zum Schauplatz haben. Weiß der Teufel, was ihm die freundlichen Japaner zugefügt haben, daß ihm die Galle schwillt, wenn er die Namen Japan, daß ihm aber das hyperboräische Wamms zu enge wird, wenn er das Wort Reuße hört! Vielleicht ist es Laune oder bewußte Mystifikation seitens Jensens, vielleicht anch mtr Ausfluß einer momentanen Stimmung, wie sie seit Nietzsche indem sogenannten modernen Impressionismus üblich ist, auf die morgen der Ausdruck einer konträren Stimmung folgen kann. Der Individualismus hat sein absolutes Recht darauf proklamiert, am Morgen einer Person oder Sache zu fluchen, am Abend sie aber zu segnen. Darf dies aber auch eine Zeitung? Doch hol' die Zeitung der und jener! Zurück zu Jensen. 'Er schreibt unter anderem Belangloserem: „In der Bewunderung der japanischen Frau kann man einfach nicht zn weit gehen, wenn man es auch nicht gerade Lafeadio Hearn gleich zn tun braucht, der eine Japanerin heiratete und naturalisierter Japaner wurde. Indes, die Japanerin und die blühenden Kirschbäume bedeuten noch nicht das ganze Japan, wie man es sich in einem romantischen Drang, der weit europäischer als japanisch ist, in Europa vorzustellen liebt. Es existiert auch eine Winterseite, eine eisenharte Prosa hinter dem Märchen. Hat sie die Weltgeschichte der letzten Jahre nicht zur Genüge bewiesen?