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Die Wahrheit · 1913-08-15 · Heft 32 (15.8.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 32 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien, Il/i Nvvaragasse 27 Lelevhon: Redaktion 5509/1V. Hvakhängige Iertfchnft für Mische Nauzlährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. 8. k. üsterr. Vostsvarkaffa- Lcheck-Komo Nr. 100.918. Antere^eu. Flic jkiiltnsbeuinte: <Ui«iijiiiU)viii . . . . . . K IO.— JnJ'Bvatc: _ Die viermal gcivaltene RonpareiNe-Zciie 25 Heller. Erscheint jeden Ir erlag. Fiiu V(u~(rtiiö: AbonnemcnlSnnd Jnsertionsttouiijlitüviii.8 Mark betrage find in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü Rubel oder 10 Kr. 32 Wien, 13. August ir»is. Inhalt : Schule und Haus. - Nachrichten. — Russiam esse delendam. — Nordau und der Ziouistenkongreß. — Die Tempelbauten einst und jetzt. — Verschiedene Schule und Haus, Es ist schon sehr viel darüber geschrieben worden, daß der jüdische Religionsunterricht darunter leidet, daß viele der Schulkinder nichts von all dem zu Hanse sehen, was in der Schule gelehrt wird. Sehr viele Worte hat man schon darüber verloren, daß die Schule in dieser Beziehung ohnmächtig ist, weil sie eben vom Elternhause nicht unterstützt wird. Die Erscheinung aber, daß jüdische Kinder immer mehr in ein ganz sremdes Fahrwasser geraten und dem Judentum nach und nach entzogen werden, nimmt erschreckend zu. Die Bemühungen der Lehrer, und man muß es sagen, die redlichen und ehrlichen Bemühungen, scheitern immer wieder an dem Bestreben der Eltern und Erzieherinnen, dem Kinde das „Jüdische" anszumerzen. Wenn der jüdische Religionslehrer vom Auszug aus Egypten erzählt, wird es wohl alle Kinder interessieren, zu hören, daß es den Inden, einem unfreien Volke, gelungen ist, unter göttlicher Führung durch einen genialen Mann befreit zu werden. Die Schilderungen der Bibel sind geradezu daraus angelegt, das kindliche Gemüt in Spannung zu erhalten, und es wird wohl jedem jüdischen Lehrer gelingen, das Bild fesselnd und interessant zu machen, so daß auch Kinder, die zu Hause nichts vom Judentum hören, von einer solchen Erzählung ergriffen werden und mit den Inden sympathisieren müssen, die alles stehen und liegen ließen und in. das Ungewisse hinanszogen, um nur das egyptische Joch abzuschütteln. So haben es einst die alten Völker der Geschichte getan und man liest es und lernt es und fühlt im Geiste mit den Helden mit und so haben es auch die Juden gemacht, eines der ältesten Völker der Geschichte — und da sollte man nicht stolz sein, einem solchen Stamme anzugehören? Das gefühlvolle Kind wird von der packenden Schilderung sicherlich etwas Sympathie für dieses Volk mitnehmen und im Juden nicht wie seine Gegner unr einen handeltreibenden, feilschenden und verachteten Menschen sehen. . Nun kommt aber die Schilderung des Sederabends mit seiner, anheimelnden Lieblichkeit, mit seinen naiven Fragen und . Symbolen. Da tritt au den jüdischen Lehrer der innere Konflikt heran. Was bleibt ihm da übrig, als zn sagen, daß in jedem jüdischen Hans ein Seder veranstaltet werden m ü.s s e, daß man acht Tage Mazzes essen müsse und daß die Symbole auf der Sederschüssel ein ganzes Stück jüdischer Geschichte bedeuten? Jene Kinder, die den Seder zu Hause sehen, wissen von den. vier. Bechern, kennen die vier Fragen des jüngsten Tischgenossen, sie wissen von den guten Passahspeisen zu erzählen und freuen sich, mit dem Lehrer mitzusprechen und mitznsühlen. Wie steht es aber mit jenen, die das alles nicht sehen und nicht hören? Warum sollen diese jungen Gemüter von dieser kindlichen Freude ausgeschlossen werden? Oder tritt nicht so ein Kind als Ankläger gegen seine eigenen Eltern aus? Der Seder ist einer der erhebendsten jüdischen Akte. Es ist ja bekannt, daß das christliche Sakrament des letzten Abendmahles aus das Passahmahl zurückzusühren ist, das der Nazarener vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern hielt. Brot und Wein, die Zeichen des jüdischen Passahabends, sind auch Zeichen der Eucharistie bei den Katholiken, die in diesen «Symbolen vermöge der Transsnbftantiation den Leib und das Blut ihres Heilands erblicken. Und merkwürdigerweise haben jüngst große und reiche Inden schwere Tausender gegeben, um die Verehrung der Eucharistie zu fördern, während sie das jüdische Passahsest verachten oder verspotten und sich schämen würden, ihren Kindern einen Sederabend zu zeigen. Sie ziehen es zumeist vor, aus dem Judentum überhaupt ansznrreten, oder ihren Kindern privaten Unterricht in der Religion erteilen zu lassen, weil ja nach § 139 a. b. G. B. ein Religionsnnterricht für das Kind gefordert wird — aber die Kinder dürfen nicht „verjndet" werden. Nicht gerade das Passahfest allein bringt Schule und Haus in Konflikt. Denken wir z. B. an den Neujahrsnnd Versöhnnngstag. Hier trilt uns die alte Theokratie, mit der das Judentum als einziges Volk begonnen, wieder entgegen. Wenn uns auch unser Reich genommen wurde, so ist Gott unser aller König und Richter geblieben. Unter welchem Szepter wir auch in aller Welt leben, wir sind stets dem Landesherrn und den Gesetzen treu ergeben, aber in religiöser Beziehung steht über uns alle ein Gott, ein Herrscher, ein Richter. Und wenn der Religionslehrer vom jüdischen Neujahrsfest erzählt, von den Schrecken des Gerichtes, den Belohnungen der Guten, den Bestrafungen der Bösen, wenn er die Macht der Schosartöne erklärt, die die Sünder zur Umkehr mahnen sollen und der Donnerstimme Gottes gleichen, die geschichtlichen Reminiszenzen der Opferung Isaaks und des Jubeljahres erwähnt, und dann den heiligen Tag. den großen, furchtbaren Bersöhnnngstag schildert, der heute noch als höchster Fasttag bei allen Inden gilt, dann die Symbolik der Kaporolh erläutert, die Vorgänge im heiligen Tempel, die sinnreichen Gebete erklärt, so findet er wiederbei allen jenen, die den Tempel besuchen, die zu Hanse das Absenden der Nenjahrswünsche, die Vorbereitungen zum Feste, das Genießen einer neuen Baumsrncht, das Schlagen der Kaporoth, das Fasten und Beten und das reiche Familieumahl am Ausgange des Versöhnnugstages kennen, volles Verständnis

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