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Die Wahrheit · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die. Wahrheit Nr. 31. gab M Mühe, eine devote Haltung einzunehmen. Mchte Frage hatte' er aber nych immer mcht beantwortet. Ich erinnerte mich, daß die Spaniolen Heu Vorderer . ^Okazan^' nennen. also „Ckazanu? frug ich. Darauf die Antwort Okackzan^ „cke Ckadzan? „uostro Ckadzan. o qiiello tedesoo?“ Nun war die Reihe an mir, nicht zu verstehen. ' Soviel Hab' ich' aber doch verstanden: Es gibt hier einen ^nnskr-Ckazan^ und einen ^niekb-nnssr-Oka^an". ' - Nach vielem Hin und Her wußte ich, daß der Oberkantor, d. h. Unlokb-Mssr-Okazan^ verreist war. Enttäuscht darüber, daß es nirr nicht gelungen ist, die Bekanntschaft des vortrefflichen Kollegen zu machen, suchte ich einen alten Freund auf, der seit längerer Zest hier wohnt und als ehemaliger Kollege über das Gemeiudewesen informiert ist und wo ich eine gründliche und nnparteiische Schilderung der dortigen Verhältnisse erhielt, die mich veranlaßte znm Wohle unseres Standes, als Mahnung und Warnung zu veröffentlichen. Die Obet kantorstelle von Triest hat eine Geschichte. Eine Geschichte ohne Vergangenheit, da eineVergangenheitnur einerpysitjven Gegenwart folgen kann, diese Stelle abernie positiv in der Gegenwart und immer negativ für die Zukunft wyr. Es fungierr hier der dritte Oberkantor. seit dem Bestände der hiesigen Gemeinde d. i. seit 600—700 Jahren (Der liebe Leser wird verwundert dreinschauen: „das wäre ja 200 Jahre pro Mann Funktionsdauer?!" Nun der erste Oberkantor, — es wav der. berühmte Rawner, früherer Opernsänger, wurde erst vor. acht Jahren durch den damaligen Rabbiner, Dr. Brettholz, der den tiefen Stand des damaligen Gottesdienstes mit scharfer und selbstloser Rührigkeit heben wollte, zur Anstellung gebracht. Die Form? Er ging von Haus zu Haus und sammelte einen Betrag, der den Jahresgehalt für zwei Jahre dem Oberkantor sicherte. Die Spender waren die paar deutschen Juden, die sich nach einem Vortrage eines guten Kantors sehnten. Die offizielle reiche Knltusgemeinde nahm diese Aufoktroie r u n g eines schönen Gottesdienstes nach Widerstreben an und tröstete sich mit dem Gedanken: zwei Jahre sind keine Ewigkeit, und vor einer zweiten Sammlung mit Erfolg waren sie sicher. Die zwei Jahre schönen Gottesdienstes waren vorüber, der große Sänger wurde nach dieser gewissenhaft erfüllten Dienstzeit mittellos auf die Straße gesetzt. Der Sitz des Oberkantors war verwaist und Stille herrschte in dem Raume, in dem noch vor kurzem andachtsvolle Herzen dem schönen Vortrage des Oberkantors lauschten. Eine Pause von zwei Jahren. Ein neuer Kantor erschien in Triest. Jung, perfekt im Italienischen, schöne, geschulte Stimme. Es gelang dem Dr. Brettholz seine Anstellung bei der Gemeinde selbst auf ein Jahr durchznsetzen. Das Probejahr verging und — er mußte auch gehen. Warum, wer könnte dies erklären? Sehr talentvoll, anständig, viel jüdisches und anderes Wissen, aber — ein Pole, also kein — Italiener, zwar ledig, aber durchaus nicht heiratslustig. Man nahm ihn, weil man mußte, man ließ ihn gehen, weil man konnte. Wieder zwei Jahre Pause. Nun wurde der neue schöne Tempel fertig. Die Vorbereitungen zur Einweihungsfeierlichkeit wurden umsichtsvoll und auf breitester Grundlage getroffen. Sollte es doch die erste öffentliche Veranstaltung sein, wodurch ein jüdisches Lebenszeichen in die Oeffeutlichkeit des jüdischen Gemeindelebens dringt. An alles wurde gedacht, nur an einen Kantor nicht, der doch die Schmelze und den Glanz der Feierlichkeit zu geben hätte. Eine feierliche Predigt, schöne begeisterte Ansprachen, Chorgesang und — kein Kantor. — Öb das Bewußtsein in dieser Sache klarer, wurde, ob das Herannahen der hohen Feiertage das Bedürfnis nach einem Oberkantor geweckt hat? Nein! Die Gemeinde wurde von den deutschen Juden durch die Drohung keine Tempelsitze zu nehmen hiezu bestimmt, und wenn auch diese deutschen Inden,, sonst von der Leitung und Führung der Gemeinde gänzlich ausgeschlossen und ohne jeden Einfluß sind, ihr Geld konnte nicht entbehrt werden, wodurch mau sich schweren Herzens entschloß, einen Oberkantor aufzunehmeu. Der Konkurs, dieses Iohannislicht tu der Rächt so vieler Kantoren, wurde entzündet. Nicht nur die Tiere, auch Menschen, und zu dieser Gattung gehören auch hie Kantoren, haben Instinkte, infolge besserer Ausbildung des-Rachens auch einetr> besseren. Geruchsinn. Nun sehr tvWge. chleldeten sich, weil bie;ftaiitpreiV keine Lust hatten^ ihre ^sichere SW für' eine' unsichere' nnizütanscheth lim in , Gemeinwesen einzntreten, in dem er als Fremdkörper' behandelt,' nicht 'einmäl, diese Sicherheit hat,' * auf einmal mit einer Sonde' : extrahiert, sondern fortgesetzt mit Nadelstichen bearbeitet 'zchwerden, bis er durch den Eiter, der sich Um seme Wunden ■ bildet, - erweicht und angeekelt diesen Ungesunden Platz verlassen' muß. - .'' Nur enter von der Ferne kam, der das fälsche Licht nicht' ' kannte. An Stelle des vermeintlichen Schatzes fiel er inden - Schlamm, von dem er sich zwar befreite, jedoch die Gefahr : zurückließ, daß an seiner Stelle wieder ein anderer versinken, könnte. Hier seine Geschichte als Warnungstafel! " Oberkantor O. war vor einigen Jahren in Wien tätig' und infolge seiner Tüchtigkeit und seines Lebenswandels geschätzt' und anerkannt. Der Drang nach Vervollkommnung seiner künst»; : lerischeu Begabung führte ihn nach Berlin. Auch hier fand man. den Wert seiner Fähigkeiten und er wurde znm Oberkantor ist. Charlottenburg gewählt. Eines Tages erhielt er eine tele-' graphische Einladung von der Triester Kullusgemeinde, die^ lautete: ' „Auf Empfehlung des N. N. Einladung Probevortrag^ auf Risiko der Gemeinde". Da eralsAnsländerinDentschland' auf kein Definitivum rechnen konnte, entschloß er sich, dieser Ein-, ladung zu folgen. Nach erfolgreichem Probevortrag wurde ihm, ein Vertrag auf die Dauer von' — zwei.(sage: zwei Monaten)-, vorgelegt. Ueberrascht über diese Zumutung wies er diesen Vertrag zurück und verlangte die Rückvergütung der ihm im Telegramme zugesicherten Reisespesen. Die große Knltusgemeinde'. lehnte diese berechtigte Forderung mit der lächerlichen Begründung, ab, daß sie durch den ihm vorgelegten Vertrag des Risikos der Spesenvergütung enthoben sei. Dies spielte sich acht Tage vor Rosch-Haschana a&. Der Oberkantor verlangte zumindest enn Probejahr. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, wodurch-, eine rechtzeitige Rückreise unmöglich gemacht wurde. Man einigte , sich auf einen achtmonatlichen Vertrag. Nach Ablauf dieser Zeit' wurde der Vertrag auf weitere zwei Monate verlängert. Nun wollte ihn die Gemeinde auf weitere vier Monate akzeptieren.^ Da es aber ein offenes Geheimnis ist, daß die Gemeinde inr Winter den Oberkantor gerne ersparen möchte, sah er sich ver-s anlaßt, sofort seine Stelle aufzugeben. Die Stellung des Oberkantors in Triest zu beleuchten seien folgende Aufklärungen gegeben: Das Nebeneinkommen ifd buchstäblich gleich Null. Die Funktion des Oberkantors ist mir bei Trauungen erster Klasse, die H., ITT. und iy. Klasse wir.d-, ganz allein vom Rabbiner ohne Hilfe eines Kantors vollzogen, was wohl einen materiellen Schaden verursacht, da eine Honoriernng oder eine Taxe weder seitens der Gemeinde, noch von der Partei zu erwarten Ist. Für den Kantor gibt es keines Funktion, weder bei Leichenbegängnissen, noch bei Barmizwah-» feiern. Im Laufe des Jahres verstürben zwei Präsidenten den Gemeinde, von denen einer ein Vermögen von 38 Millionen hinterließ. Es wurden zwei große Reqnien unter Mitwirkung, des Oberkantors abgehalten. Das Honorar war Null. Wohll hat sich der Oberrabbiner eine beträchtliche Summe als Ersatz, für die Abtretung der nicht existierenden Nebenemolumente bet der Gemeinde erwirkt, jedoch in bezug auf den Kantor unterstützte er 'das Sparfystem der Gemeinde. Die Wertschätzung des Kantors zeigt sich auch darin, daß ihm fast das ganze "Dahr< keine Oliak verehrt wird. Vor Kurzem heirateten zwei H. Kantoren und Religionslehrer der hiesigen Gemeinde, von deuen der eine 25 Jahre in Diensten steht.Die .- Gem.einde unterließ es, dem Kollegen jedwede Aufmerksamkeit in' Form eines Hochzeitsgeschenkes oder dgl. zu erweisen. Dies-und noch vieles andere wurde mir berichtet, das. ichr — tveil zu viel Wahrheit — der „Wahrheit" vorenthaltetdmuß.? Ich fühlte, daß mir in dieser Welt der Atem stocke, und ftek; nach Grado. Glühende Sonnenstrahlen und salzige Wellen ver?-. Nichten da alle schädlichen Miasmem. -- . -?j

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