Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063705--08608-3075789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 -. . Die Wabrdeu - Seite 7. würden ihnen. in reichem Maße zugetragen. Sie .mußten aber auch baldanfbrechen, beim dem Wirte sagte die Sensation nicht -sonderlich ziü „Ueberaü ergeht es uns so", jammerten die Auswanderer. „nur fort, nur fort, heißt es". Und schonämNach- ,mittag zogen sie nach Franzensbad. wo man sich ebenfalls ihrer mit Liebe annahm. ' Eg er, Ende Juli 1913. Oberkantor Wilkowits. Wie die russische Polster die jüdischen Mädrhen behandelt In London fand kürzlich ein Kongreß gegen den Mädchenchandel statt, von dessen Verlanf die Zeitungen berichteten. Nicht erwähnt wurden aber die Neben, die bei der feierlichen Eröffnungsffitznng gehalten wurden, und hiervon verdient vor allem ein Teil der Rede des Großrabbiners von England erwähnt zu werden; der Eindruck, den die Worte auf die Versammlung machten, war geradezu niederschmetternd. Ging doch daraus hervor, daß die Polizei in Rußland von Gesetzes wegen den Mädchenhandel, soweit jüdische Mädchen in Frage kommen, planmäßig fördert. Bekanntlich haben die Juden in Rußland keine Freizügigkeit; sie müssen in bestimmt abgegrenzten Bezirken wohnen und haben nicht das Recht, ihren Wohnsitz zn wechseln. 'Nun ist unter dem jüdischen Nachwuchs ein großer Drang nach Bildung, Wissen und Kultur zn verspüren; die jungen Juden und Jüdinnen besuchen die Gymnasien und wollen auch die Universitäten besuchen. Wollte nun aber eine junge Jüdin die Petersburger, Kiewer oder eine andere Hochschule besuchen, so würde sie einfach davongejagt und obendrein bestraft. Es bleibt ihr also nichts anderes übrig, als sich einen sogenannten „gelben Schein" ausstellen zu lassen. Dieser „gelbe Schein" gewährt ihr Hie Freizügigkeit; er ist aber nichts weiter als — ein Prostituiertenschein!! Um also ihren Drang nach Bildung und 'Wissen zn befriedigen, muß die junge Jüdin, die in Reinheit und Frömmigkeit erzogen worden war, zu einem so unreinen oiutb unfrommen Mittel greifen, wie es dieser berüchtigte Schein -doch nun einmal darstellt. Aber selbst das genügt noch nicht. .Im vorigen Jahre wurden sowohl von der Moskauer wie von Her Petersburger Universität eine Reihe von Jüdinnen vertrieben, weil die Polizei den Nachweis geführt hatte, daß sie nicht das Reichte und zügellose Leben führten, das zn führen sie nach dem -Schein berechtigt gewesen wären!! Und in allerletzter Zeit ging die russische Polizei, wie verschiedene fortschrittliche Dnmaabge- .ordnete im russischen Reichstage enthüllten, sogar noch einen Schritt weiter: sie zwang einfach diejenigen Mädchen, die den .„gelben Schein" hatten, davon aber keinen Gebrauch machen -wollten, die schändliche Profession zu ergreifen, die der Schein worschrieb!!! Und hierfür zitierte der Redner als Beweis die "Rede des Professors Miljnkow in der Duma, worin die Regierung beschuldigt wird, daß sie planmäßig ehrbare Mädchen .auf den Weg des Lasters treibe ... Und nun eine Frage: .Ist von diesen Greneltaten einer Polizeibehörde im Frieden zu den Greueln der Balkanvölker im Kriege, über die wir uns so sehr entsetzen, wirklich ein so großer Schritt??! Gibt es denn ckein Mittel, die russischen Behörden zur Raison zn bringen?! Die Inden in Persten. Ueber die Lage der Inden in Persien schreibt der Bericht Her Alliance: In Persien besteht die politische Krisis noch immer. Die Zentralbehörde wird nicht anerkannt, und die Folge davon, ist eine in mehreren Provinzen herrschende Anarchie. Tie^ Unsicherheit der Landstraßen ist so groß, daß es der Alliance niimöglich gewesen ist, einige für neu zn begründende Schulen gewählte Lehrer auf ihre Posten reisen zn lassen. Obgleich die Lage der Israeliten nicht unsicherer ist als früher und »obgleich man, wie üblich, von Zeit zu Zeit über die Plünderung einzelner Läden zn—klagrn-hatte, wäre für die Juden als solche die politische Lage nicht besonders schlimm gewesen, wenn nicht die Unruhen alle Geschäftsverbindungen unterbrochen und so den einzigen Broterwerb der Juden abgeschnitten hätte. In Tussurcane hat es einen unangenehmen Vorfall gegeben, der ohne die Intervention des Schuldirektors der Alliance aus Hamadan leicht sehr schlimme Folgen für die Israeliten jener Stadt hätte haben können. Die in Persien herrschende politische Krisis hat anch für die wirtschaftliche Läge des Landes nachhaltige, schwere Folgen gehabt. Das Leben ist . beträchtlich teurer geworden, in vielen Gemeinden, besonders in Kurdistan, herrscht große Not. Unter dem 26. Jänner 1913 wird dem Zeutral-Komitee aus Seneh geschrieben, daß eine große Anzahl nnierer Glaubensgenossen, kleine Kauflente und hernmziehende Händler,, ruiniert sind, die bisher, dank dem ihnen von christlichen und mohammedanischen Großhändlern gewährten Kredit, schlecht und recht von der Hand in den Mund gelebt hatten. Die auf die umliegenden Dörfer hinansgehenden Händler wurden unterwegs von den Räuberbanden ausgeplündert, die sich im Gefolge von Salar-el-Dowlet befinden oder auch von den auf eigene Faust die Straßen gefährdenden Räubern. Da die armen Hausierer nun nicht mehr aufs Land hinauswandern können, sind sie gezwungen, von öffentlichen Unterstützungen zn leben. Täglich kommen diese armen Leute au das Schulhaus — oft 150 bis 200 Personen — und bitten mich um Hilfe. Ihre hageren, fleischlosen Gesichter und ihre unter der zerlumpten Kleidung vor Frost zitternden Körper bieten einen schmerzlichen Anblick. Dieselben Klagen kommen von dem Komitee in Kirmanschah. Obgleich die Dnlderfühigkeit der Bevölkerung sehr groß ist — schreibt der Schuldirektor dieser Stadt — lastet das Elend so schwer ans ihnen, daß viele Personen sich selbst den Tod gegeben haben, um nicht zn verhungern. Das Zentral-Komitee hat sofort die nötigen Hilfsgelder zur Unterstützung der bedürftigsten Israeliten in Seneh und Kirmanschah bewilligt. _ Triestee Krief. In frei-fröhlicher Stimmung und mit dankbarem Gefühle für meine Gemeinde, die mir in konzilianter Weise Gelegenheit gibt, alljährlich die für jeden Menschen notwendige Erholung nach Jahresarbeit zn finden, trat ich meine Urlanbsreise nach dem Süden an, um am Gestade der schönen und milden Adria den Mechanismus meiner Gesangsmaschine in elastische Frische zn bringen. Da mir aber Gemeindewesen und Beamtenleben eine Welt ist, ohne der ich nicht mehr atmen kann, so benützte ich die erste Reiseunterbrechung, um diese Welt aufznsnchen. Ich hatte bisniiit teilte Kenntnis davon, daß es in dieser Welt so grundverschiedene Welten gibt. Nun sollte ich eines Besseren belehrt werden. Ich will nun gleich verraten, wo ich diese neue Welt entdeckt habe, damit nicht ein neuer Kolumbus, der vielleicht auf der Suche nach einer neuen Welt ist. das Unglück hat von einem falschen Sternleuchten (Konkurs) herangelockt zn werden. Alfo, diese Weltgemeinde oder Gemeindewelt heißt Triefte. (Wehe dem Reflektanten, der Triest: „Trieft" und nicht „Triefte" schreibt.) Mein erster Weg führte mich znm Tempel. Beim Anblick dieses herrlichen, vielleicht schönsten Gotteshauses entschlüpfte mir unwillkürlich der Spruch Bileams: „31a towu ohalecha, Jakob“! Wie glücklich und stolz, dachte ich mir, muß mein Kollege sein, der in dieser Synagoge für eine Gemeinde, die gewiß in gleicher Schönheit nach Innen dasteht, wie dieser Ban ihr Aeußeres präsentiert, das Gebet zn Gott emporsenden darf. Welche Würde muß ihn umgeben und welcher Würde muß er teilhaftig sein! Mit Ungeduld sah ich der Gelegenheit entgegen, ihn sprechen zu können. Ich fragte den Tempeldiener, wo ich den Herrn Oberkantor treffen könnte, „Cosa?“ Ich wiederholte meine Frage, und um mich verständiger zu machen, griff ich in die Tasche. Verstanden har er zwar auch jetzt noch nicht, aber ein süßsreundliches Lächeln verzog seinen Mund, und er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.