Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 31 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 31. nicht imZweifel. Vierundzwanzig jüdische Gemeinden mi Erzbistum Köln.wurden namhaft gemacht, die der Wut des Pöbels zum Opfer .fielen. Wenn es-bis dahin dem Rate gelungen war, das Unheil von den Inden der Stadt abznwenden, sö war für die Dauer die städtische Verwaltung doch zu schwach, den raubgierigen Rotten nachhaltigen Widerstand zu leisten. Am 23. August 1349 (8. Elul), berichtet die Chronik, hielten die Aeltesten der Jndengemeinde in der Voraussicht des ihnen in nächster Zeit bevorstehenden Blutbades unter sich Rat und beschlossen, Feuer an ihre Häuser zu legen und sich mit Weib und Kind, Hab und Gut den Flammen preiszügeben. Die Namen jener ehrwürdigen Gottesgelehrten, an deren Spitze der hochgelehrte Rabbi Josef ben Jsaac, genannt Joselin, steht, die als Führer der Gemeinde ergeben in den Willen- Gottes diesen Einschluß faßten, sind uns bekannt. Von dieser Beschlußfassung bis zu deren Ausführung sollte ihnen nicht viel Zeit übrig bleiben. Die verlorenen Menschen da drinnen, sie wußten, was ihnen von christlicher Liebe jener Zeit bevorstand! Wie der Tiger auf seine Beute, so lauerten da draußen au den Toren blutgierige Menschen, des -Augenblicks harrend, wo sie auf ihre Beute losstürzen konnten, nm sie zu zerfleischen. Der städtische, noch von auswärtigem Gesindel verstärkte Pöbel, scheute nur noch das Tageslicht und erwartete die Nacht, um als Würgengel; das Werk im Finstern zu vollbringen. — So. brach denn auch über die stadtkölnischen Juden das herbe. Geschick herein. Von allen Seiten wurden die hölzernen Tore, die nur geringen Widerstand leisteten, gesprengt, die quer über die Straßen gezogene Sperrkette zerschlagen und dahin ergoß sich ein unaufhaltsamer Strom blutgieriger Menschen, mordend Und plündernd. Weder Mann noch Weib, . weder Greis noch Kind sollte geschont werden, schon mancher Todesruf verhallte in dem Gebrüll der wutschtiaubenden Rottel Da — plötzlich weicht diese von ihrem kaum begonnenen Bluthandwerk zurück, von allen Seiten züngeln Flammen' auf, die Häuser brennen an allen Enden, das ganze Judenviertel bildet ein Feuermeer. — — — Die Judengemeinde Kölns — mehrere tausend Seelen zählend — hat es vorgezogen, sich selbst dem Tode zu weihen oder wie ein Schriftsteller jener Zeit berichtet, „sich selbst mit Weibern und Kindern zum Brandopser gebracht, um der gezwungenen Taufe zu entgehen".*)-' — m. Der unheilvolle Sturm des Jahres 1349 hatte ausgetobt. Mit der Vernichtung der Judengemeinde hatte der Geldmarkt und in der Folge auch der Handel aufgehört. Die Stadt war bemüht, die Juden wieder anfzunehmen und am 1. Juli 1372 hielt die erste jüdische Familie wieder, ihren . Einzug in. Köln. Der Stadtrat war über die Wiederaufnahme der Inden in solche fröhliche Stimmung versetzt, daß er zur Feier des Tages ein Festessen veranstaltete, welches aus städtischen Mitteln mit 10 Mark bezahlt wurde.-) Etwas später erlaubte man auch weiteren jüdischen Familien, sich wieder in Köln niederzulassen, belegte sie jedoch mit Einzugs- und Schntzgeld. Drückend und tief in das Leben der Juden einschneidend war die im 15. Jahrhundert in Deutschland erlassene Kleitzerordnung, um sie von der christlichen Bevölkerung abznsonderm 'Die erste diesbezügliche Publikation wurde in Köln am 8.Juli 1404 erlassen. —1 2 Ein neue Gefahr ^zog für die Juden heran. Es waren die Kriegszüge der katholischen Heere gegen die Hussiteu. Es ging ähnlich wie bei den Krenzzügen her. „Wir ziehen in die Ferne," sprachen die raubgierigen Schaaren, „um unseren geschmähten Gott zu rächen . und sollen diejenigen schonen, welche ihn verfolgt haben?" Ueberall, wo ihnen Juden begegneten, schleppten sie dieselben zur Taufe; im Weigerungsfälle wurden die Wehrlosen, getötet. Köln war der Sammelplatz der J) Karl Brisch „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung."So berichten sämtliche Chroniken. . . 2) Aus dem Ausgadebnch der Mittwochrentskammer des Jahres 1373. wilden Landesknechte und wird als diejenige Stadt bezeichnet, in'welcher die Judengemeinde amgefährdetsten war. R. Jakob ben Mose ha Levi aus-Mainz und dessen Brüder R. Jeknsiel-Süßkind, Rabbiner in Köln, schrieben ein dreitägiges Fasten aus^ welches vom fr—8. Oktober (Sonntag bis Dienstag nach rnt») gehalten wurde. ^) Es gelang den Bedrohten, ein grausiges Blutbad dadurch Von-' sich abznwenden^ daß sie dem Rate 1000 Gnldeir zahlten/ wofür dieser ihre Wohnungen mit Wachen umstellen ließ.; Eine ansteckende Krankheit brach -in Köln ans und wieder beschuldigte man die Inden, wie im Jahre 1349, der Brunneuvergiftung! Aufhetzung des Volkes, das Beispiel'der Judenvertreibnng des Kurfürsten Konrad vonMainz und des Bischofs von Trier, sowie fanatische Dominikanerpredigten taten das ihrige. (Schluß folgt.) Russtsch sndische Emigranten Zeitlich am Sonntagsmorgen des 27. Juli wurde ich zum Kultusvorsteher Herrn Eduard Löwy gebeten, nm mich mit hier eingetroffenen russisch-jüdischen Auswanderern zu verständigen und deren'Angaben zu prüfen. Unter den Männern sah man zumeist kräftige Gestalten, ans deren Zügen man die Zuversicht auf eine bessere Zeit ablesen konnte, aber bei dem anderen Teil der Wandertruppe waren Angst und Verschüchterung sowie die Spuren der ausgestandenen Strapazen und Drangsale nicht-zu verkennen. Sie erzählten mir in russischer Sprache, daß sie mit mehreren Familien, die nicht den Nachweis zu erbringen vermochten, daß ihre Großeltern bereits in ihrem gegenwärtigen Wohnorte ansäßig waren, von der russischen Regierung ausgewiesen wurden 'und, dasie - keine Reisepässe' besaßen, über die Grenze nach Ezernowitz flüchteten. Ihre Hoffnung, daß man sie von Czernowitz direkt nach den Kolonien von Palästina befördern werde, ging nicht in Erfüllung, immerhin nahm sich ihrer der Abgeordnete Dr. Strauch er sehr warm au und es wurde eine Wohllätigkeitsmatinee veranstaltet, deren Ertrag zur Anschaffung von Wagen und Pferden verwendet wurde. Und so zogen sie, gleich unseren Vorvätern in der Wüste, von Czernowitz nach Kolomea, von dort mach Stanislau, Sambor, Tarnow, Krakau, Bielitz- Biala, Olmütz nach Böhmen, lieber Prag —Pilsen kam die Aüswandererschar nach Sandäu, wo Sabbathrast gehalten wurde, und-Sonntagfrüh gelangten sie nach Eger, hoffend, daß es - ihr gelingen wird, wenn die bayrische Regierung ihr den Durchzug - gewährt, sich nach Antwerpen durchzuschlagen, von wo aus sie sich einschiffen wollen, um in das „gelobte Land"' zu kommen. ' In Gesellschaft des Herrn Kultusvorstehers Eduard Löwy und des Herrn Chewravorstehers Wilhelm Herrmann begab ich mich auf'den Wirtshof „Erzherzog. Stephan", wo die Emigranten für einen Rasttag ihr Quartier aufgeschlagen hatten, und unserem Auge bot sich ein Bild des unsäglichsten Elends. Dutzendweise, in Lumpen gehüllt, aber auch halbnackt, kauerten die Kinder auf Stohfäcken, die Weiber, die nicht viel besser aus gestattet waren, bereiteten'ein kärgliches Mahl für das Völkchen und die Pferde, die--den mageren Kühen des Pharao glichen, kauten schläfrig an dürren Halmen. Die Emigranten bestehen aus acht Familien und 39 Personen. Nachstehend ihre Generalien: Moses Borosch, 33 Jahre alt, gedient beim 38.-Lndski-Regiment in Sorok-Zarkow, geboren in Kiew, Spengler, Familienstand: sechs Kinder. Sisi Katz, 36 Jahre alt, gedient fünf Jahre als Kanonier in Bielo-Zarkow, Faßbinder, Familienstand: zwei Kinder. Abraham Kolz, 28 Jahre alt, Faßbinder, Familienstand: vier Kinder usw,-Die Männer waren zumeist Handwerker zwischen 25 und 40 Jahren, die ihrer Militärpflicht bereits genügt haben. Von seiten der genannten Herren Vorsteher würde sofort eine Kollekte veranstaltet und in einigen Stünden den Emigranten ein ansehnlicher Betrag eingehändigt; auch Wäsche und Kleider . - 3) 2)r. 2Bifner;-Emek ha baoba Note 218. '