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Die Wahrheit · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31.Die Wahrheit_Seite 5. die Leiche nicht ungeöffnet passieren lassen. Allein Batiach, der sich ebenfalls dem Leichenzuge angeschloffeu Hütte, rief ihnen warnend zu: Versündigt euch ja nicht an der Hülle des von ganz Israel hochverehrten und nunmehr tiefbetrauerten frommen Lehrers!" Dieser Mahnruf genügte und der Kondukt konnte anstandslos weiterziehen. Nun erschien der fromme Rabbi vor dem Feldherrn, dem er Prophezeit haben solldaß er in Bälde römischer Kaiser werden wird (Gittin 56) und dieser empfing ihn sehr freundlich und stellte chm eine Bitte frei. R. Jochanan^ der wohl einsah, daß der Fall Jerusalems unvermeidlich sei, stellte bescheiden die Bitte» es möge ihm gestattet werden, in Jabne (Jamnia) eine Schule zu gründen. Vespasian, der wohl kaum geahnt haben mochte, daß durch die Gründung einer harmlosen Schule in Jamnia das geistige, religiöse Jndentnm aus seinen Trümmern sich erheben und mit verjüngter Kraft das Römertum Jahrtausende überdauern werde, gewährte ohneweirers dem frommen Rabbi seinen Wunsch. In Jamnia, dem neuen Schauplatz seiner Wirksamkeit, wurde ihm, da Gamliel H., Sohn des Märtyrers R. Simon b. Gamliel, noch zu jung war, um das hochwichtige Amt eines Patriarchen bekleiden zu können, die Patriarchenwürde verliehen. Hier entwickelte er eine überaus segensreiche Tätigkeit, um nur das religiöse, geistige, moralische Judentum erhalten zn können. Als er daselbst von der Zerstörung des Tempels Kunde erhielt, machte die Nachricht einen tief erschütternden Eindruck auf ihn. Er mit seinen Schülern zerrissen ihre Kleider, weinten und klagten wie über den Tod eines nächsten Verwandten. Aber er raffte sich bald auf unb tröstete sich damit, daß durch die Verbreitung der. Kenntnis der Thora das -Judentum neue unbesiegbare Kraft erhalten werde. Als er dann mit seinen Schülern Jerusalem besuchte, rief er ihnen angesichts der Trümmerhaufen ans dem Tempelberge tröstend zu: Meine Söhne! Ein Gottes- ' altar ist noch immer nicht zerstört, wir haben noch immer eine Bersöhnnngsstätte, dieses ist die Humanität! Ja, Rabbi Jochanan b. Sakkai hatte sich durch die Gründung der Schule in Jamnia ein -unverwüstliches, unzerstörbares! Monument errichtet. Nur seiner Klugheit und Friedensliebe»; wie seiner religiösen Begeisterung, Uneigennützigkeit, Duldsamkeit und Humanität hatte er es zu verdanken, daß es ihm gelang von Vespasian die Erlaubnis zur Gründung dieser Schule zu erreichen. Dein Wahlspruch lautete: Im lomadto Thoroh harbeli „Hast du dir viel Thorakenntnis angeeignet al taohasik towoh leazmoch so behalte die geistigen Schätze, die du dir erworben, nicht nur für dich, sondern teile auch anderen davon mit, du wirst dadurch nicht ärmer, sondern reicher, ki -lekach hozorto, denn als Jude mußt du es als deine Lebensaufgabe, als deinen Lebenszweck betrachten, für die Verbreitung der Thorakenntnis Sorge zu tragen, weil ein Judentum ohne Thora keine Existenzberechtigung hat. Bon feiner großen Friedensliebe zeugt seine Erklärung des Verses (5. M. 27. 6 rf,Äwonim schlemos, aus ganzen Steinen sollst dn den Altar -des Ewigen deines Gottes bauen Und ünf demselben, dem Ewigen -deinem Gotte zu Ehren, ganze Opfer darbringeu". „Das Eisen ist das Symbol des Kampfes und der Zerstörung, der Altar hingegen das Symbol des Friedens", darum, so meint er, durfte beim Ban.des Altars kein Eisen verwendet werden. Awonim schlemos erklärte er mit „Friedenssteinen". Bei einer anderen Gelegenheit wieder, hatte er seine Toleranz gegen Andersgläubige bekundet. Er stellte nämlich einmal an seine Schüler folgende Frage: Was bedeuten die Worte Salomos (Spr. 14. 34) ^edoko teromem Goj wechesed leumim chattos .„Wohltätigkeit bringt ein Volk empor, die Gnade der Nationen ist Sünde?" Alle stimmten darin überein, daß der Vordersatz dieses Verses auf Israels Wohltätigkeitssinn und -der Nachsatz auf die Heiden Bezug habe, nur die Begründung ihrer Behauptungen war mannigfach von einander verschieden. Rabbi Akiba sagte: Die humanen Werke der Heiden werden eine Sünde, genannt, weil sie sie nicht aus humanen Gründen schaffen, sondern nur damit sie dafür von ihren Göttern belohnt werden". Rabbi Josna sagte: „Sie tun das. damit sie ihre Macht vor-grÄße-rn. können".-..-.-Nabb.an Gamliel meinte: .Sie wollen sich dadurch populär beim Volke machen.^ Rabbi Elasar aus Modim sagte: „Das Alles geschieht nur UM uns Israeliten verdunkeln, in Schatten setzen zu können n. s. w." Da erhob sich endlich Rabbi Jochanan und belehrte sie: Keschern schehachattos meehapper ai jisroel etc. „So wie Israel durch Sündopfer gesühnt werde, so sühnen die Heiden ihre Sünden durch gute Werke; man müsse daher das Gute, das sie tun, als gut anerkennen." (B. Batra 10). R. Jochanan hatte auch tatsächlich stets selbst Heiden zuerst gegrüßt (Berach. 17). Und so ließ es sich noch aus zahlreichen Stellen im Talmud, wie in den späteren rabbinischen Schriften beweisen, daß die frommen, gelehrten gottbegeisterten Rabbinen früherer Zeiten nur deshalb das Judentum in Gvlns erhalten konnten», weil sie in unabhängiger Stellung lebten, der allgemeinen Hoch* achtuug und Verehrung sich erfreuten und weil ihre Lehren und Ermahnungen befolgt und beherzigt wurden. Fr. Kölns jüdische Vergangenheit*). Bon S. Grünsfeld, Köln. (Fortsetzung.) II. Diese beispiellosen Leiden vermochten nicht das Judentum in der Kölner Gemeinde zu vernichten, im Gegenteil "rr "pata, aus dieser Bluthingabe erstieg aufs neue jüdisches Leben in der Kölner Gemeinde. Inzwischen hatte ein französischer Mönch, namens Rudolph, sein Kloster heimlich verlassen und zog in Deutschland umher, um das Volk zur Teilnahme an dem zweiten Krenzzug aufzuforderu und um das Jahr 1140 singen die blutigen Judenverfolgungen vo« neuem an. Greueltaten lösten Gceueltateu ab, wer nicht die Taufe annehmen wollte, wurde erbarmungslos hingeschlachtet.- Kindermorde, Hoftienschändnng und ähnliche Verbrechen hatte man unserem Volke längst angedichtet und geglaubt und als die furchtbare Pest in ganz Europa wütete (1348—1350) und Millionen Menschen das Leben raubte, da erhob sich das Geschrei, die Juden hätten Flüsse, Quellen und Brunnen vergiftet, um sämtliche Christen von der Erde ju vertilgen. Der irregeleitete Pöbel glaubte auch dieses unsinnige Märchen und der Haß gegen die Juden steigerte sich zum Wahnsinn. Von einem Ende Europas bis zum anderen begann eine furchtbare Judeuschlächterei. Raubtieren gleich sielen sie über die Unglücklichen, rissen sie ans ihren Häusern, verbräunten Tausende oder schlachteten sie hin, daß das Blut unschuldiger Menschen in Strömen floß. Vergebens erließ Papst Clemens VI. eine Brille an die Christenheit, welche die Unsinuigkeit des allgemeinen Wahnes ins Licht setzen und die Unschuld der Juden darlegen sollte. Wie bei den Kreuzzügen, so hatten auch diesmal die Inden Deutschlands am meisten zu leiden. Es ist unmöglich, alle deutschen Orte zu zählen, in denen Juden hingemordet wurden. — Noch blieb der Rat von Köln in der Beschütznntz der Juden standhaft, doch der gute Wille der wenigen Ein sich tsvollen mußte der rauhen Gewalt weichen. Die fürchterlichen Vorgänge am oberm Rhein, wie z. B. in Straßburg, wo am 14. Februar 1349 die ganze Jndengemeittde. über 2000 Seelen, auf den jüdischen Friedhof geschleppt und dort verbrannt Wurden, die schrecklichen Beispiele «i Zürich, St. Gallen, Lindau. Uebertingen, Schaffhausen, Konstanz. Raweusperg, Buchhorn, Memmingen, Pforzheim. Bruchfaal, Kolmar Und in 42 anderen Orten des^Elsaß; in Augsburg, Nördlingen, Ulm, BaMbetg, Berchingen, Ebern, Königshofen. Rotenburg, Würzbnr.g, Nürnberg und vielen anderen Orren Bayerns; nt Oppenheim, Frankfurt a. M. und Mainz rheinabwärts, an vielen Plätzen ließen die Juden Kölns Mer ihr eigenes Schicksal *) Unter Benützung der Geschichtsqnellen Uns ' der „Geschichitb der Bilden, in Köln und Umgebung vmrKarl Bvifch^. ..... - -

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