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Die Wahrheit · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrbeil. Nr. 31. das Geringste unternommen, um dieses Prinzip auch auszuführen und nirgends wird der Lehrerfamilienvater besser bezahlt als der Hagestolz. Ja, in manchen österreichischen Ländern, darunter auch in Niederöfterreich, im Stammlände der Monarchie, besteht ein l a n d e s g e s e tz l i ch e s L e h r eri n n e n z ö l i b a t! Ist es im katholischen Oesterreich, wo doch die Ehe kirchlich als unlöslich gilt, nicht genug, wenn neben dem Priesterzölibate auch ein Zölibat der Staatsbeamtinnen besteht und sogar den männlichen Beamten, Offizieren und Lehrern, gar manche Ehehindernisse in den Weg gelegt werden? Wie kann die angeblich die Familie so hoch schätzende Gesellschaft die vielen verheirateten Familienväter samt ihren Kindern ruhig darben lassen, wozu er unrettbar verdammt ist, wenn er für seine Arbeit nicht besser bezahlt wird als der alleinstehende Junggeselle? Kann und darf die Gesellschaft und das Staatsgesetz die Kinder der Ehelosen irgendwie verkürzen und entrechten, nachdem sie für die Ehe keinerlei Fürsorge getroffen haben? Wird die Staatsgemeinschaft dann noch auf sicheren Grundlagen stehen, wenn ihre tragende Säule, die Familie, zerschmettert und entwertet am Boden liegt und sie sich aus einem verbitterten, harten Nachwnchse rekrutiert, ans Kindern, die wenig Liebe aber viel Unrecht erfithren? Mögen sich die Juden ihren alten Familiensinn in ungetrübter Reinheit bewahren! Mögen sie sich erinnern, daß ihr Dasein trotz der fürchterlich langen und harten Verfolgung nur dem wahren Lebensmnte, der furchtlosen Familiengründung trotz drohender Nor zu danken ist. Mögen sie zur Anspruchslosigkeit der Alten zurückkehren tind das Glück nicht vom persönlichen Lebensgenuß, sondern vom idealen Zusammenleben aller Familienglieder wie ehemals abhängig machen! Nur diejenige Nation ist reif zum Untergänge, die selbst keinen Lebensmut mehr besitzt und gleichmütig den Stamm umsägt, aus dem sie eutsprossen, d i e F a m i lie. R. L. Maybaum als Creget. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Am 4. Juli 1912 hat der berühmte Marburger Professor Hermann Cohen seinen 70. Geburtstag gefeiert. Diesen Tag feierten sowohl die Universität Marburg durch Herausgabe einer Festschrift, zu der eine Anzahl namhafter Philosophen Beiträge geliefert haben, als auch eine Anzahl jüdischer Gelehrter ebenfalls durch eine Festschrift, die aber lauter Themen aus der jüdischen Wissenschaft behandelt. Manche tüchtige Arbeit ist so zustande gekommen, der wir eine Bereicherung unseres Wissens verdanken. Auch May bäum, der gewesene Prediger der jüdischen Gemeinde in Berlin, hat sich berufen gefühlt, einen Beitrag zu liefern: „Erklärung einiger biblischer Stellen." — Leider hat er sit allen vier Erklärungen, die er liefert, merkwürdiges Pech gehabt. : Die erste „Erklärung" bezieht sich auf das Gebot der Nächstenliebe (Lev. 19, 18), das nach ihm nicht mehr heißen darf: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, sondern: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du! Nun machte ihn Güdemanu darauf a nfmerksa m, daß diese „Erklärung" nicht originell sei, sondern von Wessely stamme und schon über hundert Jahre alt — das war das erste Pech.. Das zweite aber war. daß ich (Die Wahrheit Nr. 17) nachgewiesen habe, daß weder Wessely noch Güdemann recht hat, daß vielmehr die alte Uebersetzung die allein richtige ist. Die zweite- Erklärung bezieht sich auf das dritte der zehn Gebote (Ex. 20, 7): Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht aussp re chen zum Falschen usw. — Diese Uebersetzung, meint Maybaum, ist nicht zutreffend, weil schlechthin nicht „aussprecheu" bedeutet. Es muß vielmehr übersetzt werden : Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht übertragen aus Falsches. — Nun ist es einfach nicht wahr, daß tra» „schlechthin nicht aussprechen bedeutet". kpn s>6 (Ex. 23, 1) kann gar nicht anders übersetzt werden als' „Du sollst kein falsches Gerücht a u s sp r e ch e h!" Ferner aber hat Maybaum wiederum Pech, daß er - hier nicht Eigenes bietet, sondern eine Reminiszenz aus G r a e tz" (G. d. I. I. S. 38 Anm.)! ’ Dm. dritte Erklärung bezieht sich auf die wundervolle .Stelle in Jesaja 1, 18. Der Prophet fordert das Volk zur Besserung auf: Waschet euch! reiniget euch 1 schaffet eure bösen Werke aus meinen Angen! höret auf, Böses zn um I. Lernet Gutes tun! fördert das Recht! führt den Räuber auf den rechten Weg! schaffet Recht den Waisen! führt die Sache der Witwen! Wohlan doch! sprechen wir uns doch aus (spricht Gott): Wenn auch eure Süu de u schar la ch ro t. sind, sie können wie Schnee weiß werden. Wenn sie auch w i e P u r p u r r o t s i n d, s i e k ö n n e n (weiß) w i e Wolle werden! Wenn ihr nur wollt und gehorchet, das Beste des Landes sollt ihr genießen! Wollt ihr aber nicht und bleibt widerspenstig, so sollt ihr vom Schwert verzehrt werden! — Kann man gegen diese erhabenen Worte des Propheten etwas einwenden? — Maybaum gefallen sie nicht. Nach der vorausgegangeneu zornmütigen Rede kann doch der Prophet die Verzeihung Gottes nicht verkünden! Also muß der Satz (V. 18). trotz der fehlenden Fragepartikel als Fra g es atz aufgefaßt werden: Wenn eure Sünden wie Scharlach rot sind, sollen sie wohl weiß wie Schnee erscheinen? wenn sie rot wie Purpur sind, sollen sie wie Wolle sein? — Aber so dumm waren doch die Judäer nicht, daß sie so etwas geglaubt hätten, daß der Prophet es ihnen abstreiten müßte! O nein! 'der. gewaltige Jesaja hat nicht so geschmacklos gesprochen! Das hat er seinen unwürdigen, an den Pastoren gebildeten Nachfolgern überlassen. Vollends den Vogel abgeschossen hat Maybaum mit seiner vierten und letzten „Erklärung". Sie betrifft die Worte im Segen Jakobs (Gen. 49, 11) : Er bindet au den Weiustock sein Eselsfüllen und an die Edelrebe das Junge seiner Eselin. — „So voll ist sein Land von Weinstöcken, daß der Judäer sie ob ihrer Menge wenig zu achten und zu schonen braucht", so erklärt diese Stelle Jbn Esra und nach ihm Salomo Dnbno. Für Maybaum aber existieren diese jüdischen Erklärer nicht, und er führt lieber Dillmann an, das klingt doch schöner! — Nun aber fährt Maybaum fort: Allein diese Uebersetzung verstößt gegen den Kanon, den Autor niemals etwas Unsinniges sagen zu lassen. Denn wenn der Judäer auch ob der Fülle seiner Weinstöcke ihrer nicht zn achten brauchte, so könnte er doch sein Reittier nicht an den Weinstock anbinden, weil er damit den Zweck, seinen Esel festznbinden, nicht erreichen würde. Der Reiter würde durch solchen Vorgang nicht so sehr seinen Reichtum an Weinstöckeu als vielmehr sträfliche Torheit offenbaren, weil der Esel sicherlich durchgehen würde. — Man sieht, Maybaum versteht die Kunst, sich kurz zu fassen. Aber er sollte es doch unterlassen, sich über andere lustig zu machen, wo er sich selber unsterblich lächerlich macht! Er meint nämlich, auf der ganzen Welt gäbe es nur solche fingerdicke Weinstöcke, wie er sie in Deutschland oder Ungarn gesehen hat. Tatsächlich aber gibt es Weinstöcke, deren Stämme bis zn 60 Zentimeter im Durchmesser haben. Der/Segen Jakobs bezieht sich auch darauf, daß der Weinstock so stark (und natürlich, so fruchtbar) sein wird, daß man eben an ihn einen Esel wird anbinden können, ohne zn fürchten, daß. er durchgehen wird! — So sehen die Bibelerklärungen Maybaums ans, dem wir aber zurufen: si tacuisses itub die prächtige Festschrift mit deiner Weisheit verschont hättest! — Der Idealismus der Rabbineu der talmndifchen Zeit ' '' (Schluß.) „Als Leiche in einem Sarge lasse dich zur Stadt hinaustragen", entgegnete ihm B. Batiach. R. Jochanan, der diesen wohlmeinenden Mat für akzeptabel fand, ließ sich von seinem Schülern R. Josna und R. Elieser in der Abendzeit in einem.; Sarge durch die Stadt hinaustragen. Beim- Stadttore, wo die.' Sikarer' Wache hielten, angelangt' wollten . die Fanatiker

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