Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 30 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr; 30 Die Wahrheit Teile 7. „der Geschichte der Juden - in Köln und Umgebung" Herr ^Karl Brisch, nachdem er die Greneltaten von Spei er (am Samstags den 8. Jjar), Worms (Sonntag, den 23. Jjar), Mai nz (3. Siwan) beschreibt, darüber sagt: Z:: schreckliche Kunde kam nach Köln am 5. Siwan -(Donüerstag, 29. Mai) und Entsetzen ergriff die älteste Gemeinde Deutschlands ob - dieser Nachricht. Die Gefahr war -für sie umso, größer, als das aurückende Kreuzheer hier durch einen Haufen niederrheinisch er-Teilnehmer unter Hermann dem Zimmermann Verstärkung erhielt. Um sich den Angen der Verfolger zu entziehen,-flohen die Juden in die Häuser ihrer christlichen 'Freunde und Bekannten, wo man sie freundlich aufnahm und barg. In Her Frühe des folgenden Morgens, am jüdischen Wochenfeste-(Freitag, 30. Mai) drang das blutdürstige Gesindel in die Häuser der Inden und als es diese leer fand, kühlte es ffeine Wut an Holz und Stein, indem es die Häuser plünderte und zerstörte. Hierauf brach die wilde Horde in die Synagoge ein, riß die Gesetzesrollen heraus, trieb Spott mit denselben und trat auf den Straßen auf ihnen herum, gerade an dem 'Tage, an welchem einst die Thora gegeben wurde. Dann ergriffen sie den Gelehrten Mar Isaak, der nicht geflohen war, -schleppten ihn in die Kirche, wo er vor ihren Bildern ansspie, -worauf er erschlagen wurde. Auch eine fromme Frau ward daselbst ermordet.*) Die übrigen Kölner Inden blieben in den Häusern ihrer christlichen Bekannten, wohin sie sich geflüchtet hatten, verschont, bis sie der edle Erzbischof Hermann HI. am 10. Tage desselben Monates heimlich aus der Stadt führen und um sie zu retten, auf sieben Orte seines- Erzstiftes verteilen ließ. In Neuß, Wevelinghoven, Altenahr, Ahrweiler, Sinzig, Moers und Kerpen brachten die Flüchtlinge in banger Erwartung drei Wochen zu. Sie flehten zu Gott, fasteten viel und als die Gefahr größer wurde, selbst dreimal-24 Stunden hintereinander. Die Wallbrüder suchten und fanden ihre Spur, zogen umher und mordeten in allen sieben'Orten. In Neuß wurden am 1. Tamns sämtliche Juden, 200 an der Zahl, hingeschlachtet. Einen Tag später wurden die Flüchtlinge in Wevehinghoven heimgesucht. Alle, welche sich dort befanden, Männer. Frauen und Kinder starben den Märtyrertod. Viele machten ihrem Leben selbst ein Ende. Ein Gelehrter, R. Samuel den Jechiel ging mit dem Beispiel voran. Dieser schlachtete seinen -einzigen schönen Sohn mitten im Wasser, nachdem er die beim Schlachten übliche Segensformel gesprochen, das Opfer siel Mit „Amen" ein, die Umstehenden riefen: „Höre Israel" und taten das Gleiche. Zu dem Synagogendiener Menachem gewendet, sprach dann der Alte: „Nimm mein Schlachtmesser und töte mich neben meinem Sohne." Hierauf faßte sich der Jüngling ein Herz und tötete ihn und darauf auch sich selbst. 'Die Letzten wurden von den herbeieilenden Mördern mit Jubel -ertränkt.**) Am dritten Tage jenes schrecklichen Monates kam die Neihe an die Flüchtlinge in A l t e n a h r. Am 4. Tamns ging es auf die Flüchtlinge in Ahrweiler los. Die Inden versammelten sich und schlachteten sich selbst ab; der Letzte stieg auf einen Turm und stürzte sich von oben in die Tiefe. Die Verfolger fanden nichts weiter zu tun, als sich die Habseligkeiten der Toten anzueignen. Das Gleiche geschah in Sinzig, in Moers und .-Kerpen. Nehmen wir an, daß in N e u ß und Ahrweiler allein über 500 Personen ihr Leben verloren und daß in den anderen -fünf Orten zusammen über 1000 Seelen sich befunden haben mögen, so kann man den Verlust der Kölner Gemeinde als den größten bezeichnen! Die Bürger der Rheinstädte haben sich an dem Gemetzel -nicht beteiligt. Die Kölner hielten sogar ihre jüdischen Mitbürger Dier Tage in ihren eigenen Häusern verborgen. , (Fortsetzung folgt). *) Nach dem Mainzer Memorbuche waren die beiden ersten Opfer -aus der Kölner Gemeinde “Q pfl3£v iö uttb npn mü **) Elieser ben Nathan S. 8. Die Inden in Bulgarien. (Schluß.) Wenn wir uns nun von den Beziehungen der bulgarischen Inden zur Allgemeinheit wenden, so ist zu bemerken, daß die bulgarische Verfassung keinen Unterschied macht zwischen den Angehörigen der verschiedenen Bekenntnisse, sie gewährt Juden und Christen dieselben bürgerlichen und politischen Rechte. Aber im täglichen Leben werden die Inden doch eher als Bürger zweiten Grades betrachtet. Die Juden haben stets ihre Pflichten gegen ihr Adoptivvaterland mit ebensoviel Eifer erfüllt als die Bulgaren selber, wofür die im letzten Balkaukriege freiwillig gebrachten Opfer das beste Zeugnis ablegen. Fünftausendjüdische Soldaten und Offiziere haben auf dem Schlachtfelde gefochten. Es ist ihr Vaterland und sie verteidigen es mit ihrem Herzblut. Eine große Zahl von ihnen fand einen ruhmvollen Tod. Andere zeichneten sich aus durch ihren Mut bei verschiedenen Angriffen. Die bulgarischen Zeitungen berichten, daß die Einnahme der ersten von den Bulgaren eroberten Festung — Mnstapha Pascha — zum größten Teil der Tapferkeit eines jüdischen Offiziers zu verdanken sei. Bei einem andern Angriff in Mazedonien starben ein bulgarischer Offizier und ein gewöhnlicher jüdischer Soldat, namens Garti, so tapfer, daß sie allein in einem besonderen Grabe bestattet wurden, über welchem ein Denkmal errichtet werden wird. Die Zahl der Kinder, die durch den Krieg zu Waisen geworden sind, übersteigt fünfhundert. Die Inden bewiesen dieselbe Anhänglichkeit an ihr Lanb im Jahre 1885 zur Zeit des serbisch-bulgarischen Krieges. Seit dem Kriege im Jahre 1877, welcher Bulgarien die Freiheit und Unabhängigkeit brachte, haben die Juden keinen Augenblick verfehlt, alle ihre Pflichten als Bürger zu erfüllen und sich als treue Söhne des Landes zu erweisen, das ihnen Gastfreundschaft gewährte. Dank ihres angeborenen Unternehmungsgeistes haben sie mächtig beigetragen zur kommerziellen Entwicklung dieses Landes,, dessen Bevölkerung wesentlich ackerbautreibend ist. Sie tragen wohl nicht besonders zur Entwicklung der bulgarischen Kunst und Wissenschaft bei, weil die bulgarische Literatur selbst sehr jung ist und noch im Entwicklungsstadium sich befindet. Dennoch hat Boris Schatz, der allen Inden der ganzen Welt bekannt ist, viel beigetragen zur Entwicklung der Knnstgewerbeschule in Sofia, wo er als Lehrer angestellt war. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß es derselbe Herr Schatz ist, der nach seinem Weggange aus Sofia die Knnftgewerbeschnle — Bezalel — in Jerusalem gegründet hat und der jüdisch-nationalen Sache so wichtige Dienste leistet. Es mag erwähnt werden, daß S. M. König Ferdinand von Herrn Schatz eine kleine Bronzeftatue erhielt, welche den Hasmonäer Matathias darstellt, wie er einen Römer tötet. Diese Statuette steht auf dem Arbeitstische des Königs. Die Zeitungen berichten, daß er jedesmal, wenn er sich niedergeschlagen fühlt, nur die Statuette anzuschauen braucht, um seinen Mnt wieder zu beleben. Leider wurden die Juden nicht belohnt. Trotz aller gegen- - teiligen Aenßerungen in bulgarischen und europäischen Zeitungen gibt es in Bulgarien einen Antisemitismus so gut wie anderswo.; Wenn die Regierung selten offenkundig, jndenfeindlich ist, so ist es das Volk ganz sicher. Judenhaß und Jndenverachtnng sind den Bulgaren angeboren. „Schifout", d. h. „dreckiger Jud", führen alle Kinder und viele erwachsene Bulgaren, selbst der gebildeten Stände, stets im Munde. Ja. ein großer Teil des Volkes glaubt steif und fest, daß die Juden Christenblnt gebrauchen. Ritualmordanklagen find daher in Bulgarien schon oft vorgekommen. In letzter Zeit macht sich auch im Heere der Antisemitismus geltend. Die militärischen Schulen nehmen keine Juden mehr auf. Jüdische Offiziere werden aus dem Dienste entlassen, sobald sie es zum Hanptmann gebracht haben. — In den höheren Schulen findet nur ein geringer Prozentsatz von Juden Aufnahme, und diese haben vielfach unter dem Antisemitismus ihrer Kameraden schwer zu leiden. In Bezardjik tötete ein junger Bulgare einen jüdischen Knaben, weil er, wie er sagte, ihn nicht leiden konnte. Das Lehramt an den bulgarischen Schulen ist den Juden fast ganz verschlossen. Gegenwärtig ist kein einziger jüdischer