Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 30 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 30. . Bezüglich der Schlußworte des Herrn Rabbiner Löwy will ich mich kurz fassen. Jeder, der mich näher kennt und meine seit mehr denn fünf Dezennien gelieferten Arbeiten gelesen hat, weiß es, daß ich von jeher jede A s s im il a t i o n s s u ch t schonungslos getadelt und nuausgesetzt meine Zeit und Kraft der Wissenschaft des Judentums geweiht , und gewidmet habe.. Trotz meiner konservativen Gesinnung könnte ich mich doch nicht entschließen, den Ausspruch des Herrn Rabbiner Löwy „Rein kirchliche Gebräuche haben im Judentum keinen PlatzI" in allen seinen Teilen zu akzeptieren, denn nach der' Auffassung des Herrn Löwy dürfen die jüdischen Mädchen deshalb nicht in der Synagoge konsirmiert werden, weil die christlichen Mädchen in der Kirche konfirmiert werden. Auf diese Weise dürfen ja auch die jüdischen Knaben nicht in der Synagoge konfirmiert und überhaupt dort nicht Gebete verrichtet und Predigten abgehalten werden, weil in der Kirche nicht nur konfirmiert, sondern auch gebetet und gepredigt wird. Der selige Mannheimer hat hier in Wien nicht deshalb die Mädchenkonstrmation eiugeführt, weil es ein kirchlicher Brauch ist, sondern einzig und allein aus dem Grunde, damit jenen Mädchen, die im Elternhause keine streng religiöse Erziehung genießen, Gelegenheit geboten werde, mit den Grundlehren der israelitischen Religion vertraut gemacht und für den Glauben, der Väter erwärmt und begeistert zu werden. Und in der Tat gelang es diesem treuen Lehrer Israels — wie ich dies -in meinem in Nummer 3 der „Wahrheit" erschienenen Artikel „Die Apostasie" nachgewiesen habe — die T a n f s e u ch e, die, bevor er nach Wien kam, daselbst furchtbar grassierte, zu bekämpfen — und besonders die Frauen wieder für den Glauben zu gewinnen. Und das geschieht auch jetzt noch. Als Gott die Thora Israel verleihen wollte, sprach er zu Moses: ^Also sprich zum Hause Jakob", d. h. wie unsere Weisen erklären „Bet Jakob ilu hanoschim“. „Vor allem wende dich an die Frauen in Israel, denn sie sind glaubensstark und übertreffen oft bezüglich ihrer Glaübenstreue die Männer." Und in der Wüste haben sich die Frauen tatsächlich zu wiederholtenmalen durch ihre Standhaftigkeit und Ausdauer ausgezeichnet und die schwachgläubigen Männer beschämt. So z. B. heißt es im Miebach Tanchume zu "ivw inin oms'N fma n-tMKü na nrrru rn zrtwn „In jener Zeit haben die schwachen Frauen aufgerichtet, was die Männer mit ihren kräftigeil Händen niedergerissen hatten." Wie gesagt, wenn man die Mädchen durch Konfirmation für den Glauben begeistern kann, so tue man es. um retten zu können, was noch zu retten ist. — Den Mädchen ftre 11greligio fer Eltern aber steht es selbverständlich frei, sich vom Besuch des Konfirmationsunterrichtes zu dispensieren, obwohl diese Institution durchaus nicht als schädliche (Unikat bagoj bezeichnet zu werden verdient. Doch genug! _______ Fr. Eine Stütze für den dentschen Uationnlstol;. Von Professor Dr. Kahau, Znaim. „Fünfzig Jahre elektrische Telephonie" nennt sich die wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Großherzoglichen Gymnasiums Tanberbischofsheim für 1911/12. In der Einleitung heißt es: „Keinem zu Lieb und keinem zu Leid. Ebensowenig wie wir Deutsche irgend einer Nation des Erdballs die Ehre, im Reiche des Gedankens oder der praktischen Tat etwas Neues, Großes gefunden zu haben, nehmen wollen, ebensowenig sind wir gesonnen, uns streitig machen zu lassen, was unser Eigen ist. Daran halten wir fest sowohl gegenüber allen Nationen wie gegenüber jedem einzelnen. Daß jenseits des großen Wassers ein Land, ein großes Vielleicht, vorhanden sei, Haben wir nie geahnt und ausgesprochen, das Ei aber gestellt zu haben, ist des Columbus Tat. Daß „die Magnetisierung des Eisens durch eine galvanische Spirale oft von einer Tonbildung begleitet sei," war längst vor Reiß bekannt. Die Verwertung aber dieser Beobachtung im Teleph o n und die Erfindung .desselben ist.die Tat des Physikers- Philipp Reiß—und keines anderen." Es war im Jahre 1878,, als Professor Dr. S che n k zu Friedrichsdorf bei Frankfurt diese Worte schrieb zur Abwehr gegen die Anmaßung der Amerikaner, die der alten „Welt" als Erfinder des Telephons einen ihrer Landsleute aufnötigen wollten. Die Biographie des deutschen Physikers PH. Reiß, in deren Einleitung oben zitierte Worte zu lesen sind, sollte den Erfinder vor der Vergessenheit bewahren, sollteder d e u t s ch e n Nation.zeigen, was sie diesem Manne verdanke, sollte ihr ins Gedächtnis zurückrufen, welchen Geisteshero en sie in PH. Reiß besessen und wieso oft.nicht zu schätzen verstanden hatte... . Es gibt in Deutschland fast kein Dörflein mehr, das nicht seine Fernsprechstelle hat; an allen Landstraßen ziehen sie dahin, die Drähte, die — selbst stumm — den Ton der menschlichen Stimme übermitteln auf Hunderte von Kilometern. Und doch, wenn wir sie fragen, die Tausende, die täglich an diesen Drähten und Stangen vorbeiwandern, wenn wir sie fragen, die Tausende, die täglich den Segen des Telephons genießen, wenn wir'sie fragen nach dem Erfinder! Werden da ' wohl die Antworten dazu angetan sein, das. Nationalbewußtsein zu heben? Wird die Zahl derer groß sein, die mit Stolz sagen werden: er ist unser!? Ich glaube schwerlich ... Und heute nach fünfzig Jahren, heute im Zeitalter der Jubiläen, da ist es nötig, von Neuem zu erinnern au den halbvergessenen Physiklehrer, welcher der Kultur mehr gegeben hat, als manch einer, dessen Lebensdaten zn wissen, heute zum Fundament eines Gebildeten gehört. Ein Volk, das seine Geisteshelden ehrt,, ehrt sich selbst; aber „Nichtswürdig ist die Nation, Die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre!" Ob der deutsche Gelehrte, der obiges geschrieben, es wußte, daß dieser G eistesh er os, auf den seine Nation stolz sein muß, daß dieser Erfinder des.Telephons, daß Philipp Reiß ein — Jude war? Auch die wichtigste Verbesserung des Telephons, das Mikrophon, ist die Erfindung des Juden Emil Berliner, der auch das Grammophon erfunden hat. Und doch, die Juden sind eine inferiore Rassel alles Gute haben nur — die Arier geschaffen! Der geniale Markus A n to k o l s k i. der fromme Jude, der am Sabbath nicht arbeitete, gilt noch immer als Vertreter der — r u s fischen Bildhauerkunst. Der Großmeister Akiba Ru bin stein ist der hervorragendste Vertreter der rmss is ch en Schachspielkunst! Und so fort bis ins Unendliche. — Wann werden wir endlich anfangen, unsere Geistesheroen auch für uns zu reklamieren? Wann werden wir uns wehren gegen den Raub, den Gedankenlosigkeit und Niedertracht an unserem Nationalbewußtsein täglich begehen? Wann wird es uns klar werden, daß es doch eigentlich nichtswürdig von uns ist, zu dulden, daß andere Nationen sich mit unseren Geistesheroen aufputzen? Wahrlich, auch von uns gilt das Wort: „Nichtswürdig ist die Nation. Die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre!" Kölns jüdische Uergansentzeit*). Von S. Grünsfeld, Köln. (Fortsetzung.) Vor den Kreuzzügen lebten die Juden auch hier durchaus nicht in einem Zustande des Druckes und der Verachtung. Erst Ende des 11. Jahrhundert, mit dem Anfänge der Kreuzzüge, erlitt ihre Stellung eine nachteilige Wendung. Von da an begann, bis zum neunzehnten Jahrhundert, eine endlose Kette grausamer Verfolgungen, in denen Tausende und Abertausende das Leben verloren und der Rest in unlösbare Fesseln gelegt wurde. Wie unsere Altvordern gelitten, das zu beschreiben ist uns unmöglich und wollen wir nur eines dieser traurigen Beispiele Heräüsgreifen und zitieren hier wörtlich, was der Verfasser *) Unter Benützung der Geschichtsquellen aus der „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung von Karl Brisch".