Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 30 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit .........Seite 5. Wenn man dem Judentume das Jüdische nimmt und nicht- Nr. 30. Äändesverhältnisse^ den weiten Weg" nach Amerika über Wien zeigten, es nicht verabsäumt hat, Herzls Segen auf den Weg zu erflehen. Alle, die der Golus-Weg über Wien führt, verabsäumen es nicht, Herzls-Grab am Döblinger Friedhof aufzufuchen und reichlich fließen die jüdischen Tränen an der Wiener Klagemauer. Die Madchenkonfipmalien. Bon Rabbiner Löwy, Hamburg. Den in der Nummer 27 vom 5. Juli veröffentlichten Artikel ,,Die Mädchenkonfirmation" habe ich mit umso größerer Aufmerksamkeit gelesen, als ich aus demselben ganz neue Gesichtspunkte über nichtjüdische Gebräuche in unserem religiösen Leben gewann. Ich war bis nun der Meinung, daß jeder im Anklange an seine gottesdienstliche Handlung von Nichtjuden geübte religiöse Gebrauch ans dem jüdischen Leben unbedingt ausgeschaltet sein muß. Vergleiche Deut. 16, 22 welan sokim lecho mazevo Raschi: „Obzwar die .Erzväter Denksteine errichteten, ist dies nun doch verboten worden, nachdem die Kananiter diesen Brauch bei sich einführten." Also ein ursprünglich jüdischer Brauch selbst wird verboten, wenn andere Külte sich diesen aneignen.; Und nun zu den einzelnen Beweispunkteu: Herr Fr. scheint nicht zwischen religiösen und staatlichen Einrichtungen oder gar allgemein menschlichen Sentenzen zu unterscheiden. Jetro hatte Moses den Rat gegeben, Richterkollegien einzusetzen, um die richterlichen Funktionen zu erleichtern. Ist dies eine religiöse Einrichtung? Unverständlich ist mir ferner, was die Erklärung R- Jochanan ben Saccais ju: Wechessed leümim chattos „Mildtätigkeit von einem- Nichtjuden geübt, gleicht einem Sühnopfer" für die Aufnahme nichtjndischer Bräuche in den jüdischen Gotteshäusern beweist. Dieser Satz zeigt doch bloß, daß der Jude jedem Nichtjuden, sofern er menschlich denkt und handelt, Ehre gibt und ihn als Meuschenbruder betrachtet. Der Hauptbeweispunkt ist wohl schon von vielen angeführt worden, ohne aber tatsächlich etwas beweisen zu können. Ich bitte den Orach-Chajim 605,1 genauer zu prüfen. R. Josef Karo spricht nichts von Oarke emori, sondern sagt kurz, daß diese Uebung unterlassen werden möge. Es hatte sich nämlich der Gebrauch eingeschlichen,- nur weiße Hühner zum Kapporos zu nehmen, was aber als Zeichendeuten Dark« emori wäre und verboten ist. (Vergl. „Bach", Ture sohow“ zur Stelle). Damit man nun gerade nicht dazn kommen möge,, ein Toragebot-das Deuten von Zeichen oder Vorbedeutungen — zu übertreten, rät R. Josef Karo, den Minhag fallen zu lassen. Keinesfalls, aber faßt sowohl er, als auch die anderen von Herrn Fr. zitierten Größen wie Rambam, Reschboh nsw. den Minhag selbst als Darke emori auf. Wenn. Herr Fr. ferner schreibt, daß zu verschiedenen Zeiten die jeweiligen Größen , gegen fremde Einführungen gesprochen haben, so wird doch gerade dadurch die Unhaltbarkeit der modernen, unjüdischen Neueinführungen bewiesen. Parchon verdammt die damals zur Mode gewordenen geschniegelten Frisuren der Männer und das unbedeckte Haar der Frauen, da dies alles schon in der Thora verboten ist (Kesubot 29). Oder glaubt Herr Fr., daß die modernen Lockenfrisuren oder die von Del Bene getadelten Romane wahren, echt jüdischen Geist fördern und heben? Es werden ferner die Mahnungen der Großen gegen ungebührliches Benehmen im Gotteshanse angeführt. Dies ist von jeher verboten gewesen und es würde eine ungeheuerliche Schmähung des Judentums bedeuten, wenn mau, etwa behaupten wollte, daß R, Efrajim Leutschitz oder R. Joel Sirkis mit ihren Mahnungen etwa n e n e Gebräuche eingeführt hätten, b. h. daß Ordnung und Sitte.sich im alten Judentum nicht vorfände. ,, Nein kirchliche Gebrauche haben im Judentum keinen Platz! . Man blicke zurück vom Einsetzen der Reformen bis zum heutigen Tage und antworte wahrheitsgetreu Handaufs Herz: Hatder Orgelklang die- ,>Jndischkeit" gestärkt? Haben die formvollendeten Mädchenkonfirmationen die Taufen vermindert? jüdische Reiser aufpfropst, dann frägt sich die Jugend mit Recht, wenn schon so wenig Unterschied zwischenJudentum und Christentum ist, wozu dann denn nicht die letzten hemmenden Schranken'niederreißen und warum nicht noch ein bißchen mehr Fremdes aufnehmen? Man will der Jugend das Judentum erhalten und bietet Surrogate? Gerade wenn rat Elteruhause der jüdische Geist entschwunden ist, so erwecke man ihn in dem empfänglichen Herzen der Kinder, auf daß ein neues, von Thorabegeisterung durchglühtes Geschlecht heranmachse, zeige ihm aber nicht die Früchte im Garten des Nachbars. Nur ein aufrechtes, selbstbewußtes Judentum, das alles Fremde verschmäht, kann den Verfall aufhalten. * * * Wir haben die vorstehenden Einwände gegen den Artikel „Die Mädchenkonfirmation" unserem geschätzten Mitarbeiter Fr. vor Drucklegung zur Verfügung gestellt, nnd derselbe hat hierauf mit folgenden Gegenbemerkungen reflektiert: „Vor allem muß ich bemerken, daß ich in meinem Artikel „Die Mädchenkonfirmation" ausdrücklich betont habe, daß man in vormärzlichen Zeiten die Einführung der Mädchenkonfirmation mit vollem Rechte als unnützes Zeug hätte betrachten können :c. Wenn Herr Rabbiner Löwy in bezug auf das Verbot welau sokim leeho mazewo bemerkt: Also ein ursprünglicher jüdischer Brauch selbst wird verboten, wenn andere Kulte sich diesen aneignen," so beweist dies, daß er die von ihm angeführte Stelle von Raschi nur flüchtig gelesen habe, denn es heißt dort ausdrücklich: nj»ab'rrn prr'a Die Mädchenkonfirmation aber i st kein Gesetz, sondern eine bloße Form. — Bezüglich Jetro wollte ich bloß konstatieren, daß die Thora selbst einem heidnischen Priester aus Dankbarkeit die höchste Ehre zu erweisen keinen Anstand nahm. Abgesehen davon, war ja der Rat, den Jetro seinem Schwiegersöhne Moses erteilte, auch in religiöser Beziehung von unschätzbarem Werte, denn Moses war ja nicht nur der Richter, sondern vorzugsweise der Religionslehrer Israels. Hätte Jetro ihm diesen wohlmeinenden Rat nicht erteilt, so hätte er unmöglich Zeit nnd Kraft gewinnen können, um das Volk auch mit den G r u n d l e h r e n der Religion vertraut zu macheir. (H. B. M. 18.) Man muß also das Gute annehmen, wo man es findet, darf es nicht abweiseu, weil auch Andersgläubige diesen Gebrauch machen." Und das war es eben, worauf R. Jochanan b. Sakkai seine Schüler aufmerksam machen wollte. — Bezüglich des Brauches Kapporos erzählt mir Rabbiner Löwy nichts Neues. Es ist heute noch in allen strengorthodoxen Häusern gebräuchlich, daß nur weiße Hühner verwendet werden, obwohl es ausdrücklich heißt: die» ncia» i2*3»*m a»3 .niö«n ’a-n Wenn ich eine Stelle aus Zttnz Ritits angeführt habe, so geschah es nur deshalb, um zu beweisen, daß auch in früheren Jahrhunderten gewisse Bräuche, die heute noch, und mit Recht, als sehr zweckentsprechende Riten gelten, wie z. B. Gevatter, Seelengedächtnis rc. den Nichtjuden entnommen worden sind. Übrigens heißt es im Leier chassidim ausdrücklich: maipa ai-,2 n'-nrrn umo -ja a'-iaun iaa „In den meisten Orten pflegen nichtjüdische Gebräuche in jüdische Kreise hineingeschmuggelt zu werden." (Das Buch der Frommen § 1,106.) Wenn ich Stellen aus den Schriften der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten früherer Jahrhunderte — wie Rabbi Salomo Mann, R. Efraim Leuschitz, R. Joel Sirkis — angeführt. in welchen das unwürdige Benehmen in der Synagoge als Okillrrl haschem stigmatisiert wird, habe ich — was jeder nnb efangene Leser mir bereitwilligst zugeben wird — durchaus nicht behaupten wollen, daß jene Talmndheroen „n eue Gebräuche" „eingeführt hätten", sondern es für angemessen fanden, die Aufmerksamkeit ihrer Glauben sgenossen, deren. Benehmen in den Synagogen vieles zu wünschen übrig ließ, auf das Benehmen der Nichtjuden in ihren Bethäusern zu lenken.