Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 30 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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' Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 30. Artikel und Eigenschaften. Aber der hartgesottenste, idealste und lehrfrendigste Lehrer muß verzweifeln, wenn er'sich sagt-: Deine Tüchtigkeit chat keine Erfolge äufznweisen, wenn er ansrnfen muß mit dem vielzitierten Psalmisten: „Herr, wie viele sind meine Gegner." Jehuda Arjeh da Modena war es, der in einem' tiefsinnigen Gebete, das wir am „kleinen Versöhnungstage" rezitieren, wehmntsvoll ansruft: „Ich gehe den ganzen Tag meinem schweren Berufe nach, aber vom Schulhaufe flüchtet der Schüler." Besagter Löwe, Leon da Modena, war ein vielgewandter Mann, schrieb in hebräischer, italienischer und latei-- nischer Sprache, führte eine etwas ungeordnete Lebensweise, war ein leidenschaftlicher Glücksspieler — hätte also.auch in unsere Zeit gepaßt, würde er nicht im 16. Jahrhundert gelebt, haben — er ergriff die verschiedensten Erwerbszweige, untere diesen auch den eines Kinderlehrers, und scheint die traurigen Erfahrungen gemacht zu haben, an denen wir auch heute leiden. Viele Mühen legt uns der Religionsunterricht auf, viele Entsagungen, viele Enttäuschungen schafft er uns, denn die Resultate entsprechen den Mühen nicht. Unsere Arbeit bewegt sich in umgekehrter Proportion zum Erfolge. „Nach der Arbeit der Lohn", sagt der alte Rabbi. Wir denken hier nicht an den materiellen Lohn, von dem wollen wir lieber gar nicht reden, denn der Rede wert, ist er nicht. Aber, wie steht es mit dem moralischen Lohne? Da frage man bei den Lehrern an, die darauf dringen, daß die Schüler auch etwas lernen, und, wenn sie nichts lernen, ihnen dies in der „Note" des Zeugnisses zum Ansdrucke bringen. „Herr, wie viele sind meine Gegner," wird der Lehrer ansrnfen. Er wollte das Beste seiner Schüler, und wie. sehr wird dieser Wille gerade bei denen verkannt, die mit ihm im engsten Bündnisse darauf hinarbeiten sollen, daß unsere Jugend vom Judentume etwas wisse. ' In den Ferien soll mau nicht klagen, sondern sich freuen", wieder höre ich diesen Ruf, der mir entgegentönt.; Da wir uns aber in der Klagezeit Israels befinden, „zwischen den Engen", „ben Hamezarim", um mit der „Echa" der Lamentation des Jeremias,' zu sprechen, dy wir uns in der Zeit zwischen dem 17. Thamus und dem 9. Ab befinden, so kann man auch ein wenig klagen. Die stille Saison, auch die Israels, ist eingetreten, die fern von der Stadt „auf dem Laude" zugebracht wird. — Man erinnert sich da nicht gern an das Leid Israels, am allerwenigsten an das, welches uns vor 2549 Jahren betraf. Wir haben an' unserem Leide genug zu tragen. „Warum demnach in die Ferne schweifen, sieh' das Schlechte ist so nah." Suchen wir vielmehr das vergangene und gegenwärtige Leid zu vergessen, packen wir die Koffer und entfliehen wir ben Städten und' Schulen.' „Sorgen, gehet nun auch schlafen," pflegte ein anderer meiner alten Bekannten zu sagen. Und wieder ein anderer sagte noch heroischer: „Ich tue den Sorgen nicht die Freude an, daß ich mich fortwährend von ihnen plagen lasse." Gestehen wir es demnach zu, daß auch im jüdischen Religionsunterrichte die Regel Ausnahmen aufweist. Wir hatten manche freudige Stunde, besonders dann, wenn wir sahen, wie die jugendlichen Schüler ans das Wort' des Lehrers lauschten und es in ihre Herzen' aufnahmen. „Was gepflanzt wird an heiliger Stätte, draußen im Leben erblühe es zur herrlichen Frucht." Laßt uns unsere Jünglinge zu selbstbewußten Juden erziehen. Und erreichen wir dies, dann können wir mit Freude auf das vergangene. Schuljahr zurückblicken. Schwere Zeiten werden kommen, da' werden unsere Jünglinge Willenskraft und Charakterstärke nötig haben. Wer nur ein wenig dazu beiträgt, diese Eigenschaften in die Herzen unserer Jünglinge zu verpflanzen, der kann sagen: „Ich habe mich nicht umsonst gemüht, groß ist die Arbeit und größer noch der Lohn." — Nun bin ich wieder freudiger gestimmt, und alle Idealisten, Lebensbejaher und Optimisten sind mit mir zufrieden. Das machen die Ferien. So rufe ich allen in den Städten Zurückgebliebenen, ebenso, wie den au Seen, an der See, in den Bergen, Wäldern, Fluren und Auen sich Erholenden ein freudvolles „Scholaum, Scholaum“, ein „Glück auf!" zu. Mögen sie Kraft schöpfen zu neuer Arbeit und Tätigkeit. Dr. Max G r ü n f e l d. - Die Wiener Klagemaner. (Zur Wied e rkehr d es Tob estages The od or Herzls.) Bon Josef Grob. Bei der von den Wiener Zionisten am 24. d. M. veranstalteten Trauerandacht anläßlich des Todestages Theoder Herzls mar ich nicht anwesend. Ich habe es verlernt, oder besser gesagt, erlernt, Veranstaltungen der Wiener Zionisten zu meiden und endlich verstanden, daß eine Makkabäerfeier ausgerechnet 32 Tage nach Chanüka, ohne Chanukalichter und mit politischen Wahlreden anstatt der Chanukahymne „Moaus Zur“ mir unverständlich ist. Wie die reinste Karrikatur kamen mir die zionistischen Purimfeiern.-vor, bei welchen man alle möglichen ^Lodo“-Töne zu hören bekam, nur nicht das von allen Juden an diesem Tage gesungene, lustige. „Schauschanas Jaakauw“. Ebenso kommen mir die Trauerandachten, welche die Wiener Zionisten anläßlich des Verlustes eines der größten Juden unserer Zeit alljährlich veranstalten, geradezu wie ein Pnrimspiel vor. Erstens konnte man bei derartigen Veranstaltungen der Wiener Zionisten kaum zehn Zionisten bemerken und auch diese kleine Schar glaubte, die Trauer um ihren toten Führer nicht anders beschließen zu können, als gleich vom Tempel in eines der lustigsten Kaffeehäuser zu ziehen und dort mit allen möglichen Lozelach die Trauerandacht zu beendigen^' Theodor Herzl, der Jirmijahn - des -XL. Jahrhunderts, starb gerade in dieser Jahreszeit,' in welcher das jüdische Volk die Zerstörung des jüdischen Reiches betrauert. Wer sein Judentum nicht erst bei Veranstaltungen der Wiener Zionisten neu entdeckt hat und wem das düstere, traurige „Drei Wochen-Bild" des'jüdischen Städtchens noch nicht ganz aus dem Gedächtnisse geschwunden ist, der bestrebt sich, wenn auch im der Großstadt lebend, zu dieser Zeit dieses Bild aufzufrischen. Und .gerade die Wienerstadt ist seit dem Tode Herzls mit einem Miniaturbilde' von dem, großen Bilde der „Zerstörung Jerusalems" bereichert, worden. Das Grab Herzls .am Döblinger Friedhofe in Wien ist die kleine Wiener Klagemauer und in dieser für das jüdische Volk so trauervollen Erinnerungszeit ist mein liebster Weg nach dem Döblinger Friedhof znm Grabe Herzls. Sehr selten, treffe ich einen Wiener Zionistenführer dort — iu der toten Saison, wo alles, was zur guten Gesellschaft zählt, außerhalb Wiens, weilt — wäre an eine derartige Bewegung auch gar nicht zu denken, dafür aber treffe ich sehr oft polnische Kaftaujuden, auswandernde Inden aus Rußland und Rumänien und viele andere Golusjuden, denen das Grab Herzls zur zweiten Klagemauer geworden ist. Und weinen müßte man, wenn man diese von dem schweren Golusjoch gedrückten Juden sieht; nur so dürften wahrscheinlich die Juden bei der alten Klagemauer in Jerusalem weinen. Als ich einen sehr alten Juden gelegentlich eines Besuches am Grabe : Herzls fragte, warum er denn so bittere Tränen vergieße,'gab er mir zur Antwort, daß er schon vier Wochen nicht weinen konnte, weil er in dieser lustigen Wienerstadt kein paffendes Plätzchen fand, wo'er sich gut ausweinen konnte. Und zu weinen habe, er viel, sehr viel. Die Frau während des Kischenewer Pogroms ermordet, die Tochter geschändet, der einzige Sohn im russischjapanischen Kriege gefallen. Ein kleines Enkerl, dessen Eltern gleichfalls ermordet worden sind, brachte er nach Wien, um es von den Wunden, welche vom Pogrom herstammen, zu heilen, aber die Aerzte meinen, daß die Wunden nicht heilbar sind. Ein Füßchen wurde gleich amputiert, dem zweiten droht wahrscheinlich das gleiche Schicksal. Das Kind wird gewiß nicht lange am Leben bleiben, und das Schlimmste: ich, Alter, lebe und lebe. Und so ist es mir mit schwerer Mühe gelungen, mich zu freiem Zions-Kewer dnrchzufragen. Hier kann ich gut und viel weinen und diesen großen Sohn Zions will ich fragen: Ä.cL mösaj? Wie lange noch wird dieses bittere Gwlus anhalten? Und so hat jeder Besucher, den sein langer Golus-Weg zum Grabe Herzls führte, für etwas anderes zu weinen. Der eine, den der Warschauer Boykott nach Wien treibt, um hier das schöne Lied „Handlee" ertönen zu lassen, der anbere, vom rumänischen Gerechtigkeitsgefühl gezwungen, den Waiiderstab zu schwingen, während der galizische Kaftaujude, dem die glänzenden