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Die Wahrheit · 1913-08-01 · Heft 30 (1.8.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 30 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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't ' -iedattion iiiid Administration: .'Wien/ II/, Novaragasie 27 'Televbon: Redaktion 5509/1V. Huakhängige Aerifchrift für Mische Oerugoprel!»: Äanzlähri».IC 14.— HalbiUhrig.K 7 — Administraiion 4938/11, Jt. k üsterr. Bostsvarkasia- Echect-Koino Nr. 100.918. Antennen. Für Jlnltii'Sbrumttr: JnlBratc: Sit oitrmal gtjvalltnc Nonpareille-Zeile 2ö Hellt:. Erscheint jeden Kreilag. Für Ausland: AbonnemeinSnnd Insertion?- (Mmrglfttiriii.9 Mark beträgt nnd in Wien zahlbar - und klagbar. Motto: „Das Siegel Qottes ist WahrheitI“ t> Ulmin oder Iti fttcS. Nr. 30 Men. 1. August l»I3. Inhalt : Ferien-Betrachtimg. — Die Wiener Klagemauer. — Die Mädchenkonfirmation. — Eine Stütze für den deutschen Nationalstolz. — KölnK jüdische Vergangenheit. — Die Juden in Bulgarien. — Der Idealismus der Rabbiner der ralmudischen Zeit. — Oesterr.-ungar. Kantoren- Verein. — Verschiedene Nachrichten. Die geehrten Kerren Köonnenten werden ersucht, den tausenden und event. restlichen Aöonnewentsöetrag umgehend einsenden zu wollen. Kerien-Krtrachtnug. Es sind Gefühle der Freude und der Wehmut, mit denen eine solche Betrachtung den Lehrer erfüllt. Der Wehmut: man ist doch wieder um ein Jährchen älter geworden und wirft sich die Frage ans: Wie lange noch? Und noch viele, viele andere Fragen umdrängen uns. Wir, die wir Gelegenheit haben, die Seelen der jüdischen Jugend zu erforschen und bei dieser Seelenprüfung zu sehen, daß sich nicht alles so verhält, wie wir es hoffen und wünschen, fragen oft besorgt, „Wie wird sich, gemäß den gegebenen Verhältnissen, die Zukunft des jüdischen Volkes gestalten?" Ein großes, besorgniserregendes Fragezeichen starrt uns mit seinem Sphinxantlitz entgegen. — Doch, wer wird sich fortwährend mit Sorgen plagen? Auch die Aerzte sind entschieden dagegen, und meinen durch sie, nämlich die Sorgen, die „Daagolh", werden die Modekrankheiten unserer Zeit, Nervosität und Arteriosklerose mächtig gefördert. Ich kannte einen frommen Mann, der pflegte, wie unsere Altvordern kräftige und sinnreiche Sprüchlein liebten, zu sagen: „Die Daagoth müssen ke-seder .gehen", d. h.. auch in den Sorgen müsse ein System der Ordnung walten. O, wie recht hatte dieser fromme und kluge Glaubensgenosse. Er Hab die „Neunzig" erreicht mit seiner Philosophie und starb, ergeben in den Willen des Herrn, an Altersschwäche. Lassen wir demnach die Sorgen ein wenig sich üusruheu und uns mit ihnen. Die Ferien sind die Zeit der Freude. Darum denken wir an das vergangene Jahr — und das will viel heißen, war's doch ein Jahr, in dem Krieg und Kriegsgeschrei die Welt erfüllte — auch ein wenig mit Freude zurück. .V ' Mit Freude wird das Herz des jirdischeu Lehrers erfüllt. Sagt er sich doch, daß, er wieder ein gut' Stück Arbeit geleistet, hat. er doch das Edelste getan, was man von ihm verlangen, kann: ° die Jugend auf dem Wege der Wahrheit wieder einen tüchtigen Teil'des Lebensweges weiter geführt, sie mit den. Lehrsätzen unserer Religioti vertraut gemacht. Welch' eine Freude ist es^. behaupten zu können: ich habe mit Lehrfrendigkeit meine heilige Pflicht' erfüllt.' — Und, so strählt denn die Sonne der Freude auf die Zeit hernieder, wo wir alle, Junge und Alte, Lehrer und Schüler die Muße mit Würde, das „otium cum dignitateu, genießen wollen. Der jüdische Religionsunterricht hat in unserer so schweren Zeit — das ist keine Redensart — eine ungemein schwierige Aufgabe zn erfüllen. Nenne man sie Sisyphusarbeit oder spreche man von dem Danaidenfaß. Beide mythologischen Vergleiche stimmen restlos. Man erklärt heute,, der Mensch sei ein Produkt seines Milieus. Und wer wird es' leugnen,, daß das Milieu, das unsere Jugend umgibt, für diese kein vorteilhaftes, kein wenigstens unseren Religionsunterricht, begünstigendes genannt werden kann. Wir haben gegen die Anschauungen unserer Zeit anznkämpfen, gegen verderbliche. Zeitströmungen, gegen feindliche Angriffe, gegen gehässige Bücher und Menschen, wir haben aber auch oft den Kampf aufzunehmen wider einen Gegner, an den wir wohl nie gedacht haben und den wir eigentlich nicht bekämpfen dürfen, wider das — Elternhaus. — Doch, da ertappe ich mich alten „Raunzer" und unverbesserlichen Pessimisten bei durchaus nicht freudigen Herzensausbrüchen, die mit der Ferienfreude wenig zu tun haben. Freilich wäre es besser, an die See zu gehen und in dem salzigen Naß den Schul- und anderen Staub wegzuspülen, oder im Gebirge und im Walde die Schul- und anderen Sorgen zn verflüchtigen, oder wenigstens nach dem geliebten Ischl zn wallen, um dort in dem von der Reichshauptstadt nach dem lieblichen Alpenorte zeitweilig versetzten Gewühle an die graue Sorgezu vergessen, die sich dem Reiter an die Sohle heftet, wie der alte Horaz es so poetisch ausdrückt. Der alte Horaz, beit unsere Maturanten, gepreßt in des Salonrocks furchtbare Enge, nun bei derReifeprüfung — oh, welche Qual —! wieder auslegen, übersetzen, kommentieren und skandieren mußten, der hatte es freilich leicht. Ihm nahm die Sorgen ein gütiger Mäzenas ab und er ging auf sein Landgut und dichtete, während rings um ihn die Kühe ein lustiges . Gebrüll ansstießen lind die Schafe blökten. Dann konnte er leicht dichten: „Beatus ille, qui proeul negotiis“ und so ferner: „Glücklich der, welcher fern von den Geschäften auf den väterlichen Aeckern, Feldern. Wiesen und Auen lebt." — Glücklicher Horatius Fläccus! Dn hattest einen Mäzenas. Wo; ist der jetzt zu finden? Der Landaufenthalt kostet Geld, viel Geld. Und dieser Artikel ist heute nur bei Wenigen zu finden. Wer wagte es zu behaupten, daß zu diesen Wenigen der jüdische Religionslehrer gehört? — Doch, da höre ich wieder von mangelndem Idealismus sprechen und anderen für den Lehrer so notwendigen Bedarfsartikeln. wie Lehrfreudigkeit, Optimismus, Opferwilligkeit usw. usw. Gemach, Ihr Herren und Damen, wir besitzen alle diese

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