Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Mr, 29 „Für dich sind wir jeden Tag bereits den Tod zur -erleiden" (Ps. 44, 23). In trüben Zeiten, am häitfigsteu imt Mpserfreude auch bewiesen, die sich keinen Augenblick besinnt, s alles hinzugeben, wenn es gilt, den Willen Gottes zu erfüllen, s "N -pa-fi! In diesen zwei kurzen aber bedeutungsvollen^ "Worten liegt auch die Geschichte der Inden von Köln, die bis l zum Anfang des dritten Jahrhunderts, wie sich mit Sicherheit l 7eststellen läßt1), znrückreicht. I In nielchem Jahre und aus welchem Wege die Inden! .Zn er st an den Rhein gekommen sind, ob im Sklaveugewande' wder ob sie sich als Freie hier angesiedelt, lägt sich mit Sicher-' heit nicht bekunden. Lange bevor das Christentum hierher verpflanzt wurde,j hatte sich schon in Köln (Colonia Agrippensis — ans! einer römischen Militärkolonie entstanden —) eine bedeutende -Jndengemeinde gebildet, urkundlich die älteste Deutschlands?) Zur Zeit, als Postumus in Köln sich zum Gegenkaiser erhob, (260), stand hier schon eine Synagoge?) Um diese Zeit stand auch den Juden jede ehrvolle Laufbahn offen,.sie wurden ..zur Teilnahme am Staatsleben zugelassen und hatten Zutritt .zu militärischen und bürgerlichen Aemtern. Inden waren Offiziere, Stadtvorsteher, Polizeidirektoren, Advokaten nsw. — Als .aber die christliche Kirche mit Konstantin dem Großen den Thron der Zäsaren bestieg, da begann das bürgerliche Glück der Juden .zu schwinden. Nicht auf einmal wurden die Inden aller ihrer Rechte beraubt; dagegen sträubte sich der gerechte Sinn des römischen Gesetzes. Allmählich und langsam gingen die christlichen .Kaiser mit ihren Gesetzen vor und erst nach einem Zeiträume von 120 Jahren war der Plan vollständig ausgeführt. Wir haben hier die Wiederholung des ersten myan gegen die Juden. ' Rabbiner Hirsch schreibt zum zweiten Buche Moses, Kap. 1' Vers 9: 1. Auch dieses allererste mpwn ist durch nichts veranlaßt "was die Inden etwa verbrochen hätten. Pharao konnte nichts gegen sie Vorbringen, sonst hätte er nicht der naan gegen sie bedurft, man hätte offen gegen sie Vorgehen können. Ferner 2) -das allererste minsn ging nicht vom Volke, sondern von oben .ans. Erst von oben herab war der Neid angeregt, war ein Mittel der Politik, die der neue Dynast zur Befestigung seiner eigenen Gewalt gebrauchte. Es gibt wenig Neues unter der Sonne, und die geschichtlichen Erscheinungen im großen sind so .alt, wie die Geschichte. So oft man ein Volk von oben herab «drücken wollte, gab man ihm ein anderes Volk preis, das es drücken konnte, um sich für den eigenen Druck schadlos zu halten. Dieser Politik verdanken viele Judengesetze ihren Ursprung." — Unter fränkischer Herrschaft, nachdem Köln zur Hauptstadt mnd Königsitz des nengegründeten rignarisch-fränkischen Reiches wurde, gestalteten sich die Verhältnisse der Juden wieder auf günstige Weise. Die älteste fränkische Gesetzgebung betrachtete 'die Juden nicht als eine eigene, besonderen Bestimmungen unterliegende Volksklasse. Für die politische und soziale Stellung der Juden gab der jeweilige Zustand des Christentums und der 'Einstuß desselben auf König und Volk den Maßstab. Im neuen Frankenreiche, wo die neue Lehre das Heidentum noch nicht -verdrängt hatte, besaßen die Inden ihre volle Freiheit. Je mehr die Staatsgewalt sich mit dem Christentum befreundete, desto bedenklicher gestaltete sich die Stellung der Juden und Dagobert wollte sämtliche Juden zur Annahme des Christentums zwingen -{629). Karl der Große, der Schöpfer des dentsch-fränkischen .-Kaisertums, erkannte in-den Inden eine brauchbare Menschenklasse; einzelne Inden erhielten sogar bei Hofe, eine bevorzugte Stellung und brachten es zu hohem Ansehen?) Durch die Aussicht auf eine ruhige, gesicherte Stellung .und durch die Freiheit des Eroberers veranlaßt, breiteten sich die Juden in Deutschland immer mehr aus. Zahlreich wohnten "sie in Köln, Mainz, Worms, Speier, Regensburg, Magdeburg. Merseburg und vieleil anderen Orten?) Ludwig der Fromme 0 Hirsch, Jeschnruu. Jahrgang 13, S. 338. . 2) Wollraf, BeiträgL zur Geschichte der Stadt Köln. ') Hirsch, Jeschnrun 339. . * *) Dr. Grätz Y, 217. °) Hirsch Jeschnrnn 1867, 341. übertraf noch seinen Vater im Wohlwollen für die jüdischen Untertanen. Inden hatten Zutritt am Hofe und verkehrten mit dem Kaiser und dessen Umgebung. Gebildete Christen lasen jüdische Werke, manche beobachteten statt den Sonntag den '-Samstag. Einige hochgestellte Christen waren so sehr für das Judentum eingenommen, daß sie, ihre Ehrenstellungen ansgebend.zu demselben übertraten?) Unter den Nachkommen Ludwigs des Frommen tauchen die Inden selten in den wildgehenden Wogen der Geschichte ans. Gegen Ende des neunten Jahrhunderts, nachdem 881 Köln ttnd andere Städte des Rheinlands in Asche gelegt wurden, konstituierte sich die Gemeinde aufs neue und Rabbi Amram aus Mainz, dem man die Verfassung des spn mnrr -®ebete§ zuschrieb, wanderte nach Köln, um hier eine jüdische Hochschule zu errichten?) Bald wurde dieses Lehrhaus der Sammelplatz zahlreicher Jünger nnd sehr bedeutende Gelehrte haben hier ihre Ausbildung genossen. Um das Jahr 1000 hatten die Juden Kölns ein mächtiges, selbständiges Gemeindewesen entwickelt. Sie waren in jeder Weise ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt. Ihre lokale Absondernng war eine freiwillige. Im Jahre 1010 wurde die neue Synagoge eingeweiht. An der Spitze der Gemeinde stand der Rabbiner, der den amtlichen Namen „Bischof" (Episcopus Judacorum) führte. Um das Jahr 1050 scheint hier Rabbi Jakob ben Jakar, Schüler des Rabbi Gerschow und Lehrer des Rabbi Salamou ben Jsaac "??-i gelebt zu haben?) (Fortsetzung folgt). Die Inden in Kntgnrien. Mit Rücksicht ans die neuerlichen Verwicklungen auf dem Balkan dürfte der folgende von der „Straßburger israelitischen Wochenschrift" nach der „Jewish Review" wiedergegebeue Artikel von besonderem aktuellen Interesse sein. Die Abtretung der bulgarischen Provinz Silistria an Rumänien hat Veranlassutig gegeben zur Erörterung der Judensrage in Rumänien und Bulgarien. Es wird allgemein zugegeben, daß es für die Inden in Silistria ein Unglück wäre, wenn sie unter rumänische Oberhoheit kämen, obschou man versprochen hat, ihnen die Gleichberechtigung zu gewähren. Tatsache ist, daß man bezüglich der Inden in Rumänien weder von Freiheit noch von Gleichheit sprechen kann, während die bulgarischen Juden das vollste Bürgerrecht genießen. Und doch, wenn wir die Lage der Inden in Bulgarien an sich betrachten, so müffen wir zngeben. daß dieselbe viel weniger hoffnungsvoll ist, als die Blätter aller Länder sie darznstellen pflegen. Da ich ein geborener Bulgare bin und Jahre lang in Bulgarien gelebt und vielfach an dem politischen Leben des Landes teilgenommen habe, kann ich von der Lage unserer Brüder in diesem kleinen Königreiche mit ungetrübter Sachkenntnis sprechen. Bei einer Gesamtbevölkerung von 3V2 Millionen (ich spreche von der Zeit vor dem Balkankriege) beträgt die Zahl der Inden etwa 35000 Seelen oder ein Prozent. Sie sind auf 30 Gemeinden verteilt, von denen die bedeutendste Sofia — die Hauptstadt des Landes — mit 10713 Inden und Philippopolis — die ehemalige Hauptstadt von Ostrumelien — mit 4325 Inden sind. Jede Gemeinde hat ihre Synagogenkommission utid ihre Schulkommission, welche von der jüdischen Bevölkerung gewählt nnd von den Behörden bestätigt werden. Die Erhaltung der Synagogen, Schulen, Spitäler und Wohltätigkeitsanstalten ist ausschließlich Sache der jüdischen Steuerzahler. Nttr das Großrabbinat von Sofia erhält einen jährlichen Zuschuß (von der Regierung). Fast die gesamte jüdische Bevölkerung von finsteren Mittelalter, haben Tausende und Abertausende jene a) Dr. Grätz Y, 246. *) Jbn-Jascha 1, 27. *) Raschi D-na 268, 269.