Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6' Die Wahrheit Nr. 29. Werkzeug braucht, geht unter, und zugrunde." Daraus kannst du lernen, daß, wer aus Gottes Wort und Lehre ein Gewerbe macht, davon er seinen Nutzen hat, der-nimmt seinen Teil am Leben schon m dieser Welt dahin. (Spr. 4.- 5.). ' Prägnanter noch hat sich diesbezüglich der Tanaite Akabja b. Mehalalel ausgedrückt. Dieser hatte sich nämlich bei vier Halaekot (Gesetzesbestimmungen) gegen die Majorität geäußert, wodurch in derselben eine tiefe Verstimmung hervorgerufen wurde. Man bemühte sich, ihn, der zu den bedeutendsten Tanaiten gezählt wurde, und daher in hohem Ansehen stand, zum Widerruf seiner Aeußernugen zu bewegen und versprach ihm, ihm in diesem Falle die Stelle eines N-Let-Oiu, Vorsitzende nun Gerichtshof;', zu verleihen; er aber blieb nnbengsam bei seiner Ueberzeugung und sagte: „Lieber will ich mein Leben lang als Tor gelten, als auch nur eine Stunde laug vor Gott als Sünder erscheineu; überdies würde ich (durch eine solche von Charakterschwäche zeigende Handlungsweise) den Leuten nur Anlaß geben, mich zu verdächtigen, indem sie sagen würden: „Um eine Ehrenstelle erlangen zu können, hatte Akabja seine Ueberzeugung verleugnet." Als er sein Ende herannahen sah, sprach er zu seinem Sohne: „Du kannst meine Lehrsätze widerrufen und dich der Majorität fügen." „Vater," eutgegnete der Sohn, „warum tust du es nicht selber?" „Ich konnte es nicht tun," erwiderte Akabja, „weil ich sie ans dem Munde einer Majorität entnommen habe, die ich respektieren mußte, du aber hast sie von einem, nämlich von mir erhalten, während die jetzige Majorität dagegen entschieden hat, also mußt du diese respektieren und ihren Anordnungen dich fügen." „Vater!" sprach hierauf der Sohn, „protegiere mich vor deinem Hintritt deinen Freunden und Kollegen:" „Das kann ich nicht," erwiderte der Vater. „Wie! Bin ich denn nicht würdig, empfohlen zu werden," rief der Sohn ganz betroffen aus. Besänftigend eutgegnete ihm der liebreiche Vater: „Du bist gewiß ein würdiger, eurpfeh lenswerter Sohn, aber jede Art Empfehlung, Protektion pstegt zumeist mehr zu schaden, als zu nützen. Die beste Empfehlung ist die Selbstempfehlung, maaseclio jekarwuclio, maasecko jeracKkueho „Durch deine Taten und Handlungen kannst du dich beliebt, aber auch unbeliebt machen" (Ediot 11). Das heißt mit anderen Wortrn: „Akabja sagte zu seinem Sohne: Weirn ich einen meiner Freunde und Verehrer, der' eine einflußreiche Stellung in der Gemeinde einnimmt, ersuchen werde, er möge sich für einen Aspiranten, der mir nahe steht, verwenden, so kann er unmöglich unbefangen seines Amtes walten, denn er wird, um sich mir gefällig zeigen zu können, zweifellos sich für den ihm von mir Empfohlenen warm einsetzen und jeden anderen Bewerber, mag er noch so tüchtig und befähigt sein, in den Hintergrund drängen. Welche nachteiligen Folgen aber wird eine solche tadelnswerte Verfahrnugsweise für den protegierten Bewerber haben? Er fühlt sich nunmehr seinem Protektor zu Dank verpflichtet, und da kann er leicht in die Lage kommen, gegen leinen eigenen Willen handeln und seine Ueberzeugung verleugnen zu müssen, um nur dem Willen seines Wohltäters entsprechen zu können." „Wer aber ohne jeglichesremdeProtektion, sondern nur infolge seiner Fähigkeit und Begabung, wie seiner trefflichen Tugenden wegen sich ein Lehramt erworben hat, das er in unabhängiger Weise bekleiden kann, der wird auch höchst günstige Resultate erzielen und sich der allgemeinen Liebe und Achtung erfreuen." R. Jose b. Kisma, ebenfalls ein hervorragender Tanaite, erzählt folgende Geschichte: „Einst befand ich mich auf der Reise, da begegnete mir ein Mann, der mich freundlichst grüßte und ich erwioerte den Gruß. Dann srug er mich: Rabbi, .woher bist du? und ich eutgegnete ihm: Ich bin aus einer großen Stadt, die ihrer zahlreichen Weifen und Schriftgelehrten wegen berühmt ist. Nun stellte er an mich die Frage: Rabbi! wärest du nicht geneigt, unsere Stadt znm Schauplatz deiner Tätigkeit zu wählen, so wäre ich gerne bereit, dir tausende und tausende Denarien in Gold und Edelsteinen und Perlen zu geben." Ich aber antwortete ihm: „Wenn du mir auch alles Silber und Gold, .alle Perlen und Edelsteine der Welt bieten möchtest, so würde ich nirgends wohnen als in einem Orte, wo die Kenntnis allgemein-verbreitet ist." (Spr. d. V. 6.) Welch eine Fülle von Gedanken enthält diese Erzählung! R. Jose b. Kisma erfreute sich-eines großen Rufes, selbst bei den hohen römischen Behörden stand er in Ansehen (Ab. Sara 18). (Fortsetzung folgt.) . / Kölns jüdische Vergangenheit.*) Von S. Grünfeld, Köln. I. - . :. . . Wie hat sich Gottes Hand so schwer gelegt auf die hochgeschätzte, herrliche Gemeinde zu Köln! Gebeugt ist mein Haupt, es schauert meine Seele ob ihres schrecklichen Schicksals. Die Feinde wollten zu fremdem Dienste sie verleiten, sprechend: „Führet zum Tode, wer nicht'zu unserem Glauben sich bekennen will!" — Doch Jakob wählte den einzigen Gott sich 'immer; weinend feuerte ihr Oberhaupt sie zur Gesetzestrene an: „Lasset uns stark und mutig sein, und unsere Seele erwirbt sich das ewige Leben; nur noch eine kleine Zeit und wir befinden uns bei den heiligen Wesen Mi himmlischen Palaste!" — Angefenert von solcher Rede blieben sie standhaft und gaben Leib und Leben hin. Die tückischen Feinde verdammten sie zum Tode, stachen sie nieder mit Schwert und Lanze; dennoch blieb ihre Seele anhänglich ihrem Gotte. Väter küßten ihre winselnden Säuglinge, sie, wie einst auf Moriah, znm Opfer reichend; Mütter verbargen das Angesicht, um nicht den Tod ihrer Kinder zu schauen, das fühlende Mntterherz bebte und Tränen rannen von den Wangen. Die Grausamen, sie schlitzten Schwangeren die Leiber aus und begruben sie lebendig in Felsenklüfteu, andere wurden gräulich gemartet, in siedende Kessel geworfen lebendig auffs Rad geflochten.-—" Wenn wir in wehmutsvoll-trauriger, Tischolibeaw- Stimmimg diese „Kino" lesen, werden wir angeregt, einen Blick in die jüdische Geschichte Kölns zu werfen, um zu sehen, was unsere Altvordern am Rhein, ganz speziell aber in Köln gelitten haben, zumal das Kölner Jndenviertel eine Vergangenheit von mehr als anderthalb Jahrtausende hat. Vielleicht entstand es schon zur Zeit, als Jerusalem in Trümmer sank. Wenige Gemeinden unserer im Exile lebenden- Brüder hatten so schwere Kämpfe um die Erhaltung ihrer religiösen und irdischen Güter zu bestehen; fast keine ist so reich an erhabenen Mustern frommer Ausdauer und Entsagung unb an heiligen Glanbensmärtyrern. Dem Schoße der Kölner jüdischen Gemeinde entstiegen Heroen der Wissenschaft. Hier lebten Rabbiner, deren scharfsinnige Geistesprodnkte jetzt noch bewundert und zum Lebensinhalte gemacht werden, hier lebten bedeutende jüdische - Poeten und Aerzte. Die Geschichte lehrt, daß die Not eine treffliche Erzieherin ist. Keine Schule bringt die besten Kräfte des Geistes und des Körpers so zur vollsten. Blüte und Entfaltung, wie diese unwillkommene Lehrmeisterin. In ihrer harten Wiege, wird auch Israel großgezogeu. In jener Leidensschule, die im fünften Buche Moses, Kap. 4, 20 als der „eiserne Schmelzofen" genannt wird, ward der Gotteslnecht geläutert und gestählt, der schon im Mntterschoße dazn berufen war. znm Lichte der Nationen, znm Erlöser der ganzen Menschheit (Jes. 49. 1—6). In Erfüllung dieses göttlichen Berufes hat unser Volk bisher nur Hohn und Spott geerntet. Aber Gott sei Dank, weder Hohn noch Spott, wie auch die drohendsten Gefahren waren, wie die Geschichte lehrte, fähig, uns von unserem uns vorgezeichneten Wege abzubringen. Ma g I s ra e l . n och so s e h r für s e i n e E m u n o h bl ut eil, verblute tt w i r d es sich» i e! In der todesmutigen Hingabe an seine Sendung liegt das Geheimnis seiner unverwüstlichen Lebenskraft; in der Bereitwilligkeit, sich jederzeit ans dem Gottesaltare zu opfern, die Gewähr für die Unsterblichkeit Israels! rptna (Ex. 16, >6) I n bei» e jfi B I n te lebe! *) Unter Benützung der Geschichtsquellen, ans der „Geschichte der Juden in Köln und Umgebung von Karl Brisch".