Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063703--08584-3075763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Seite 6. Nr. 29. eine Karrikatur Marats zn nennen und von Witzen der Weltgeschichte zu sprechen. Der Parallelismus , zwischen Marat und Schneider ist aber folgender, nnd zwar ein doppelter: in puncto Listigkeit recte Fälschung u u d in puncto Berufes. Wenu ich hier auf die Stempelfälschungen Schneiders anspiele, so soll dies beileibe keiueu B)-uch meines Gelöbnisses bedeuten: ich wolle über ihn nichts als Gutes reden; mein Gott! Es geschah zum größeren Ruhme der Partei. Also, ich lese in einer Fußnote des wunderschönen Jean Pantschen Aufsatzes „Charlotte Corday", bekanntlich die Mörderin Marals, das heroische, edle und schöne Mädchen, die Stelle: „Marat gedachte in seiner Perioptrik etwas Newtonisches zu liefern und wollte den Professor Charles erstechen, weil er ihn widerlegte. Er schickte an die Akademien zu Rouen und zu Lyon erstlich eine Preisfrage mit 50 L'dor über seine Perioptrik, dann eine Antwort, und wollte sein Geld^ als man ihn nicht damit krönte". Jean Paul schreibt unter, anderem: „Sie erlebt einen Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, m e ch a n i s ch e, auch äußerlich häßliche, bluttrnnkene, aufgeblasene Wesen, das mehr als Blntigel, denn als Raubtier lockte — das die Septembrifenrs bloß mietete, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich, denn Louvet sagt, daß, ohne Corday, Marat in zwei Tagen an seiner amerikanischen Krankheit von selber gestorben wäre." Kann die Aehnlichkeit weiter gehen? Beide Mechaniker, Optiker, Betrüger nnd blutdürstig! Wenn dies alles ein Zufall sein sollte, so jedenfalls ein sehr merkwürdiger. Man wird mir. jedoch zugeben müssen, daß ich ehrlich bestrebt war, nichts Abfälliges über Ernest Schneider, diesen dahingeschiedenen Palladin des Antisemitismus, zn sagen, und ferner, daß ich hoffentlich gerechtfertigt erscheine, ihn den antisemitischen Marat genannt, und gleichsam mit diesem epitheton ornans versehen zu haben. S. Bineta. Journalist nnd Gelehrter. . Bon Prof. Dr. Kahan, Znaim. Man kann ein geistreicher, stott schreibender Journalist sein und dabei von dem Ernst wissenschaftlicher Forschung keine Ahnung haben. Diese Wahrheit drängt sich einem oft auf, wenn man ein Buch eines Journalisten in die Hand bekommt. Geistreiche, verblüffende Fragen sind des Journalisten Handwerk, aber wehe der Wissenschaft, wenn sie mit solchem Handwerk fabriziert wird! S. M. Melamed ist ein viel belesener, geistreicher, stott schreibender Journalist nnd mm fiel es ihm ein, ein wissenschaftliches Werk zu schreiben (Psychologie des jüdischen Geistes, C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin W. 57), aber die Wissenschaft hat ihn ganz im Stiche gelassen. Schon der Titel verrät den Journalisten, dem es mehr auf die klingende Phrase als auf Wahrheit des Ausdruckes ankommt. Psychologie des G e i st e s ist genau so korrekt, wie etwa Geologie der Erde oder Astronomie der Sterne! Melamed wollte aber schreiben über die Psychologie des jüdischen Volkes. Nun schreibt er selber (S. 24) : Da keine Materialien vorliegen, so kann an die Behandlung einer Psychologie der zeitgenössischen Judenheit noch gar nicht herangetreten werden. Er beschränkt sich ans das antike Judentum. Und dennoch polemisiert er — und zwar mit Geschick — gegen Sombar t, der doch die heutige Judenheit im Auge hat! Aber auch sonst wimmelt das Buch von Widersprüchen, Unklarheiten und Unwahrheiten. 7,Das Judentum als Religion hatte keine Basis im.Leben", „Der Prophet istnicht am Leben orientiert" (also die Propheten waren phantastische Schwätzer, die nicht wußten, was. in der Welt vorgeht!).— Andererseits aber der Prophet, sobald er gegen den Rabbi, den Melamed gar nicht leiden kann, .ansgespielt werden soll, ' ein a n d e m Leben orientierter, schöpferischer Geist! „Der Prophet mahnt zur sittlichen Handlung, der Rabbiner dagegen zum — Studium". Ninr er-- mahnt aber der Prophet, der ganze n Thora Moses zu ge- ^enken, namentlich, aber den Sabbath zu halten und kein Schweinefleisch zu essen — gehört das zur sittlichen Handlung? Andererseits nennt Melamed selbst den Rabbiner — einen „eth i sch en Rigoristen", also mahnte der Rabbi auch, zur sittlichen Handlung?! Daß die Inden vom praktischen Leben nichts verstanden, oder wie Melamed sich ansdrückt, „an der Natur so gut wie gar nicht orientiert und seine intellektuellen Potenzen sich nur in Religion, Ethik und Dichtung aktualisierten", dafür zeugt der Umstand, daß die Juden die Bäume nicht so zu fällen verstanden wie die Sidonier! Daß aber schon zur Zeit Moses ein Künstler Bezalel lebte nnd daß am Tempel die. Bauleute Salomos (Juden) mit den Bauleuten Hiroms (Sidonier) arbeiteten (1 Köu. 5,32), das geniert den Journalisten Melamed gar wenig! Er dekretiert: „Mangel an Sinn für die Wirklichkeit ist eine charakteristische Eigenschaft des jüdischen Geistes!" Der jüdische Staat war kein wirklicher Staat, denn er heißt im Hebräischen Medine (von Gesetz), während der römische Staat — imperium hieß. Das ist einfach nicht wahr. Im Hebräischen heißt der Staat ebenso Mamlacha (Königreich), während Medina gar nicht „Staat", sondern „Gerichtsbezirk" heißt! - Auf den Talmud hat es Melamed besonders abgesehen und wünscht eine „Absage an das Buch", also das Judentum soll sich vom Talmud lossagen. Dabei schreibt er: Wer sich heute vom Talmund prinzipiell losreißt, reißt sich auch früher oder später vom jüdischen Volkstum los. Will Melamed den Untergang des jüdischen Volkes? Dabei versteht Melamed den Talmud gar nicht. Ein Beispiel nur: Der Talmud schreibt vor. daß man an notwendigen Lebensmitteln nur ein Sechstel des Preises verdienen darf. Melamed macht daraus „Dinge, die das Leben retten können" und sagt, der Talmud verbiete, an ihnen überhaupt.etwas zu verdienen; tatsächlich verbietet der Talmud nur den Zwischenhandel bei notwendigen Lebensmitteln. Daß aber der Talmud nur den sechsten Teil des Preises zn verdienen erlaubt, gibst Melamed Gelegenheit, den Talmud zu verlästern, daß er vom Leben nichts verstehe. Nun weiß es Melamed augenscheinlich nicht, daß auch heute der solide Kaufmann sich mit kaum einem Sechstel Profit begnügt, z. B. der Buchhandel mit 25 Prozent abzüglich Porto und sonstige Spesen! Auch in der Wiedergabe hebräischer Worte zeigt Melamed einen gänzlicheuMaugel an wissenschaftlicher Genauigkeit (Sopbar, Abboth, Middrasch nsw.). Kurz und gut: Ein geistreicher Journalist hat ein unwissenschaftliches Buch geschrieben! Der Idealismus der Daddinen der talmndifche» Zeit Wir haben bereits in einem früheren Artikel es mit besonderem Nachdruck betont, daß wie Moses, ebenso die Lehrer und Führer Israels in späterer! Zeiten in edler, uneigennütziger Weise ihres Amtes gewaltet haben. Zur Begründung dieser Behauptung mögen hier einige Argumente angeführt werden. Hillel der Große, der bekanntllch jenem Heiden, der in den Verband des Judentums unter der Bedingung ausgenommen zu werden wünschte, daß er ihn mit den Grundlehren der Thora in gedrängter Kürze vertrant mache, geantwortet hatte: „Was dir nicht angenehm ist, tue auch anderen nicht" ist das Grundprinzip der ganzen Thora, willst du dich hievon überzeugen, sil gemo, so gehe hin und lerne", war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß der Volkslehrer nnd Jugendbilduer nur dann segensreich wirken und retch günstige Erfolge erzielen kann, wenn er in edler Begeisterung und uneigennütziger Weise bas Lehramt ausübt.. Er lehrte daher: „Wer nach Ruf und Namen hascht, der verliert seinen Namen, wer nicht an Erkenntnis zunimmt, nimmt ab, wer nichts lernen will, ist nicht, wert, daß er lebe; und wer die Krone (die Thora) als Werkzeug braucht, geht zugrunde (Spr. d. Väter 1. 13 ). R. Zadok lehrte: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde; mache nicht ans der Thora eine Krone, mit, der du dich schmückst nnd groß tuest, und nicht Hacke und. Spaten daraus zum Graben. Das ist das, was Hillel sagte (1. 13.)^. „Wer die Krone als ein