Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4.- Die Wahrheit. Nr. 29. scheidnng bedeutet schon Korruption und moralischen Vssfall, wenn der Betrug und Verrat dann auch mit allerlei Kosenamen' wie politische Klugheit, Opportunität, diplomalischer Takt u. dgl. belegt wird. Einen verläßlichen Maßstab für den jeweiligen Stand der «.europäischen Gesittung und Zivilisation" gibt auch das Verhalten der europäischen Staaten gegen ihre jüdischen Staatsbürger ab. Wo die Angst vor der geistigen und moralischen Ueberlegeuheit ihrer jüdischen Landeskinder die nichtjüdischen zur Gehässigkeit und Rechtsmißbrauch gegen dieselben verleitet, dort kann auch von einem besonderen Mute keine Rede sein. Gewalt täti gleit und Feigheit war noch immer eng verbunden. Es ist wohl nicht mutig, wenn an Zahl zwanzigfach überlegene Volksgenossen den Einfluß eines Zwanzigstels wahnsinnig fürchten! Diese Art Feigheit ist aber gegenwärtig tatsächlich bereits so sehr augewachseu, daß sich auch moralisch gesinnte Arier ängstigen, wenn sie sich eines Unrecht leidenden jüdischen Mitbürgers annehmen sollen. Sie können dadurch den schrecklichen Vorwurf, Iudenknechte zu sein, heraufbeschwören. Die feigen Judenfeinde weisen bei solchen Judenverfolgungen beharrlich auf einzelne jüdische Betrüger und Gauner, verschweigen es aber scheinheilig, daß solche auch zahlreich unter den Ariern gedeihen. Sie verschweigen es auch, daß bei Judenverfolgungen keineswegs die jüdischen Betrüger und Gauner, sondern die ehrlichen, arbeitsfähigen und ar b ei tsw i l li g e n E lem en t e getroffen werden, deren Arbeit der Gemeinschaft nur zum Segen gereichen würde! Bei der 2000 jährigen bestialischen Erziehung, die die „Europäer" den Juden angedeihen ließen, wäre es rvahrlich kein Wunder, wenn gegenwärtig alle Luden verzigennert wären, wie dies die Judenfeinde behaupten. Es ist aber nicht w a h r! Die Inden haben sich ein . moralisches Feingefühl bewahrt, um das sie ihre Feinde beneiden dürfen. Sie hängen in allen von ihnen bewohnten Ländern mit rührender Liebe und Treue an ihrer Heimat und tragen alle Lasten für dieselben willig und in weit höherem Maße als ihre nichtjüdischeu Heimatsgenossen! Kein Volk konserviert mit solcher Treue seine Muttersprache, wie dies die ein mittelalterliches Deutsch sprechenden Juden in nichtdeutschen Ländern und die Spaniolen beweisen. Wenn es trotzdem noch große Staatsgebilde gibt, in denen Ritualmordprozesse Vorkommen und die Spitzen der Rechtsbehörden sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben, solchen Tendenzprozesfen den Garaus zu machen, dann kann wahrlich von einer bestehenden „europäischen Gesittung und Zivilisation" keine Rede sein und charaktervolle Juden behalten recht, wenn sie stolz dieser angeblichen europäischen Gesittung und Zivilisation die jüdische entgegenhalten! R. L. Genest Schneider, der Maral des Anlisemitismns. Natürlich nur eine Karrikatur Marats, wie auch die fudenfeindliche Bewegung nur eine Karrikatur der großen französischen Revolution zu nennen wäre! Natur und Geschichte leisten sich solche Witze -— öfter als man vermuten würde. Um nur ein Beispiel anzuführen: Erschafft die Mutter unser aller nicht die gewaltigen Tiger und daneben deren Duodezformat, unsere allerliebsten, mäusevertilgenden Kätzchen? „Bauer bleibt Bauer, Katz bleibt Katz", so lautet ein vulgäres oberungarisches Sprichwort, welche volkstümliche Sentenz in knapper Kürze dieselbe Ansicht dartut. die Schopenhauer in mehreren profunden Kapiteln seiner Philosophie erst mühsam entwickeln zu müssen glaubt und die er die Unveränderlichkeit des Karakters benamst. Im Gegensatz zu Plutarch, der das Panier der veredelnden Erziehung hoch hält, läugnet der grimmige Frankfurter Denker prinzipiell jeden Einfluß des Erzieherischen. Doch wohin verrenne ich mich? Wollte ich doch nur feststellen, daß Tiger und Katze wesensgleich sind, daß die Größe nur ein relativer Begriff ist, wie dies am schönsten Jonathan Swift in seinem Gulliver veranschaulicht. Dieser Reisende kommt bekanntlich in ein Land der Riesen und des Riesenhaften überhaupt, wo die Hauskatzen die Größe der Tiger besitzen. Keinesfalls aber ist es mir um Snbtiliiäten oder um die müßige akademische Frage zu tun, ob Ernest Schneider, in ein anderes Milien versetzt, etwa zahmer itn'ü weniger blutdürstig geworden wäre. Das ter.fcium comparationis jedoch, habe ich, wenn auch etwas umständlich, so doch glücklich heransbekommen, mag mein Vergleich immerhin einer jeden Gangart nicht gerecht werden und mehr oder weniger hinken. Man täuscht sich übrigens, wenn man mich im Verdacht hielte, ich wollte über Ernest Schneider, wie es heißt, herfallen und mir in diesem jüdischen Blatte billige Lorbeeren pflücken. Nichts liegt mir ferner. Ist es schon nicht fair, einem toten Löwen einen Fußtritt zu versetzen, wie dies einst der Esel der Fabel getan, um wie viel weniger erst einem Raubtier en. miniature! Auch das altklassische de mortuis uil nisi bene müßte mich davon znrückhalten, obgleich dieser Satz von dem animistischen Aberglauben der Vorzeit, von der Furcht vor dem rächenden Geist des Abgeschiedenen seinen Ursprung herleiten dürfte. Einerlei, in weiten Kreisen gilt der Satz noch zn Recht! So will ich denn Ernest Schneider so viel Gutes als möglich Nachreden und gleich in medias res entgehen: Ich erkläre klipp nnd klar, möge immerhin manchem paradox erscheinen, daß sein Wirken vorteilhaft für das Jltdentumgewesen, noch mehr: Ich sehe seinen einzigen, beklagenswerten Fehler darin, daß er zn wenig Persönlichkeit gewesen, zn wenig Werbekraft gehabt, Adepten für sein Evangelium „Ein Schußgeld auf Inden" um sich zu schaaren. Ernest Schneider war leider ein Rufer in der Wüste, seine Exklamation fand kein Echo, weil sie den meisten denn doch als viel zu grell schreiender Anachronismus erschien, weil er die wilden Kreuzfahrerrltfe des Mittelalters zn übertrumpfen versuchte. Wie viele zarter veranlagte Naturen mochten, erschreckt von diesem vorsinthflntlichen, kannibalischen Geschrei abgehalten worden sein, ins antisemitische Lager zn treten, wie viel Verlust an Anhängern mochte der Häuptling der Partei, Lueger, deshalb im stillen beklagen! Wissen wir doch, daß er dem wackeren Schneider niemals recht grün gewesen. Der Häuptling einer Schaar von Anthropophägen wollte er denn doch nicht heißen. Oesterreichs kultureller Schwerpunkt liegt einmal trotz aller östlichen, rumänischen und russischen Gravitation mehr westwärts und mit einem mehrstimmigen Chorus, der „Schußgeld" gebrüllt hätte, wäre man selber „derschossen" gewesen. Ernest Schneider aber war ein Charakter — man sieht, ich halte mich Iren an meinen Grundsatz —, er liebte keine Halbheiten nnd keine Kompromisse. Was galt ihm das alberne „Haust du meinen Juden, so hau ich deinen Juden", er haute gleich beide und erschoß sie dazu. Doch halt, erschoß er sie denn? Fürwahr nein! Allein Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen Rühmlich sein; schon genngts, hat man nur Großes gewollt. ' In magnis et voluisse sat est, wie der alte Properz versichert. Viele haben Schneider für pathologisch gehalten. Warum denn? Sah er im Nachbarreiche Rußland sein Ideal nicht verwirklicht? Der Zweck heiligt das Mittel. Viele haben Robespierre für einen edlen Menschen angesehen, der den Thron der Freiheit nicht anders errichten zu können glaubte, als in Strömen von Blut, auf einem Berg, von abertausenden Leichen getürmt. Gilt dasselbe aber auch von Marat? Nein! Hier lautet das Urteil der Weltgeschichte ohne Schwanken und unbedenklich: Ungeheuer! So habe ich denn Ernest Schneider vielleicht Unrecht getan? Mag sein, .ich kannte ihn zu wenig. Ihn aber mit Marat und nicht mit Robespierre verglichen zu haben, hat mich lediglich ein äußerer Umstand verleitet. Ich bitte die Mauen Schneiders darob um Entschuldigung, denn wir haben, wie gesagt, keinen Grund, ihm zu grollen. Derselbe äußere Grund war es auch der mich am Eingang dieser Zeilen bewegt hat, Ernest Schneider