Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m rf)eit Htboftioii und Administration: Wien, II/, Novjrragasse 27. Telephon: Redaktion 5509(1v.. ^«abhängige Aertfchrift für jüöische Verngsprets: Ganzjährig.K lg — Halblährig.X 7.— Administrarion 4938/11. *. f. österr. Vostsparkafia- Scheet-Konlo 9lr. 100.918. Airteresfe«. Für Kriltiisbeumte: Gnnzjährlg.X io. — Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitag. Für Ausland: Abonnement«- und- Insertion?- Ganzlährig.8 UJIurt betrüge find in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder IN Are». |lv. 29 Wien, 25. Inti Inhalt: Europäische Zivilisation und Gesittung..— Ernest Schneider, der Marat des Antisemitismus. — Journalist und Gelehrter. Der Idealismus der Rabbiner der talmudischen Zeit. — Kölns jüdische Vergangenheit. — Die Juden in Bulgarien. — Verschiedene Nachrichten. : Literatur. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein. — Feuilleton: Eine verhängnisvolle Ferienreise. Die geehrten Kerren Aöottnenten werden ersucht, den taufenden und event. restlichen Aöonnementsöetrag umgehend einsenden zu wollen. Die europäische Zivilisation und Gesittung. Die verschiedenen europäischen Regierungen und alle denselben dienstwilligen Preßorgane lieben es seit Jahrhunderten schon die europäische Gesittung und hohe Zivilisatiousstufe selbstgefällig und ruhmredig der „barbarischen", angeblich unendlich tief stehenden asiatischen und afrikanischen gegenüberzustellen. Die Griechen und Römer in der antiken Zeit und später die Spanier, Franzosen und Engländer unternahmen stets ihre Raubzüge gegen die angeblichen Barbaren in den „Kolonialgebieteu" im Namen der europäischen Zivilisation und Gesittung. / Erst in neuester Zeit, seitdem die europäischen Völker zu denken beginnen, beginnt auch der Glaube an die Priorität der europäischen Gesittung Und Zivilisation zu verblassen. Freilich geschieht auch von den verschiedenen europäischen Rgierungen alles Mögliche und Unmögliche, um dieses Vorurteil zu entwurzeln. Erst im letzten Jahre und in den letzten Monaten war die europäische Welt mit Granen Zeuge der Tatsache, daß sich die im Balkanbunde angeblich in unzerreißbarer Treue miteinander verkitteten Regierungen der einzelnen Balkanvölker sofort wütend befehden, sobald sie gemeinsam das türkische Joch abgeworfen. Nicht nur die erst gestern gemeinsam kämpfenden Kriegskameraden raufen jetzt um die gemachte Beute, sondern auch das gelegentlich des Türkenkrieges untätig abseits gestandene Rumänien hat seine Scharen ins Nachbarland einrücken lassen, um die günstige Gelegenheit zum Raube fremden Gebietes nicht zu versäumen. Die „europäische Moral" ist dabei nicht zimperlich. Kann es an der Verteilung des von den Türken eroberten Gebietes nicht teilnehmen, so nimmt es auch mit Landgebiet seines friedlichen Nachbars vorlieb. Diese Raubkriege haben bestialische Begleiterscheinungen im Gefolge, die an Wildheit den Kriegsgreueln des Mittelalters gleichkommen. Massakrierungen und Frauenschäudnngen werden von: Bulgaren, Griechen und Serben -gelegentlich der letzten gegeneinauder geführtem Kämpfe ebenso berichtet, als früher in Kriegszügeu gegen die Türken. Es wäre aber ein arger Irrtum, wenn mau annähme, diese Art von europäischer Gesittung und Zivilisation wäre nur auf die angeblich so sehr rückständigen Balkanstaaten beschränkt. Die großen und im Besitze einer älteren Kultur befindlichen europäischen Staaten können ans ihre politische Moral auch nicht stolz sein und haben durch ihr Beispiel keineswegs erziehlich eingewirkt. Der Raubkrieg Italiens gegen Tripolis, der schäm« los mit dem Rechte des Stärkeren begründet wurde, konnte wohl die Balkanstaaten nicht moralisch veredeln. Die Autorität Europas, welche gelegentlich der Ermordung der serbischen Königsfamilie keinen Finger gerührt und mit keiner Wimper gezuckt hat und sich nicht im uiinbeFteu aufregte. als das kleine, neugebackene Rumänien jahrzehntelang die gegenüber Europa im Berliner Frieden eiugegangenen Verpflichtungen betreffs der rumänischen Juden unbeachtet ließ und dieselben ärger bedrückte als es früher die Türken getan hatten, konnte jetzt gegen die vereinigten Balkanstaaten natürlich nichts ausrichten, umso weniger, als sich die europäischen Programme während des Balkankrieges fortwährend, den Kriegsereignissen anpassend, änderten. Die Herren Diplomaten erfreuen sich im Belange der Moral von altersher keines guten Leumundes und in der großen Politik soll die Moral nie eine maßgebende Rolle gespielt haben. Die europäische Moral in hohem Grade gefährdend ist aber die Tatsache, daß sich auch die bürgerlichen Parteien immer mehr dem Glauben anschließen, politischer Betrug sei erlaubt und schände nicht. Und doch ist das Wirkungsfeld des politischen Betruges ungleich weiter und seine Wirkung ungleich nachhaltiger und verderblicher als der gemeine Betrug, dessen Wirkung sich immer nur auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt. So haben beispielsweise in Oesterreich die großen „Regierungsparteien", wie die christlichsoziäle, die deutschnationale und die Polen, die politische Moral auf einen Tiefstand hernntergebracht, den es in der bürgerlichen, österreichischen Welt noch nie gegeben hat. Sie haben anläßlich der Wahlen einen Weltrekord an Wahlschwindel erreicht und die mit solchen Mitteln gewählten Volksvertreter waren dann beim Verrate ganzer Wählerklassen nicht zimperlich. Es ist aber durchaus kein Zufall, daß auch der gemeine Betrug und Verrat, wie die Affaire Redl n. dgl. zeigt, gleichzeitig in mächtigem Aufschwünge begriffen ist, denn Betrug ist Betrug, Verrat ist Verrat und man kann vom Betrüger und Verräter nicht verlangen, daß er zwischen politischem und gemeinem Betrug subtil unterscheiden müsse. Jede solche Unter- btf, Ltl '..ft.' itm' I