Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 28 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Die Wahrheit Leite 7. Den Juden zu suchen, indem sie eine sogenannte Chassidimsekte feststellen wollte, 'öie angeblich den Ritnalmord betreibt, und forderte dann Mischtschnk auf, seine Untersuchung in dieser 'Richtung fortznsetzen. Letzterem war diese „Politik" recht unsympathisch und er suchte wie zuvor die Mörder unter den Verbrechern. Die Jnstizobrigkeit betraute hieraus andere Polizeiagenten mit der Untersuchung, die ganz und gar den Weisungen der Proknratnr folgten. Tief verletzt entschloß sich jedoch Mischtschnk. seine Untersuchung geheim fortznsetzen. Die Folge davon war, daß 'Mischtschnk im August 1911 den hiesigen Gonverneur und die 'Gerichtsobrigkeit benachrichtigte, daß in einem von ihm bezeichneten Orte einige Sachen, die in gewisser Beziehung zum Morde 'stehen, anfgesunden wurden. Die Gegenstände wurden ansgegraben, aber es ergab sich, daß sie keine Beziehungen zum Morde hatten. Die Folge davon war, daß Mischtschnk und seine Agenten Padalka und Smölowik entlassen und dem Gericht unter der Beschuldigung der Fälschung überantwortet wurden. Während -des Prozesses gegen Mischtschuck im vorigen Jahre wurde festbestellt. daß Mischtschnk nur das Opfer der Polizeiagenten war, -ie mit der Führung der Untersuchung betraut'wurden. Diese 'Polizisten fürchteten, daß, falls Mischtschuck die wirklichen Mörder entdecken würde, ihre Hoffnungen und Erwartungen ans Belohnung und Rangerhöhung verloren gehen würden, und sie suchten nach Mitteln, um den selbstlosen Mischtschnk zu ckompromittieren. Sie ließen einige Gegenstände, darunter auch Werkzeuge des Mordes, vergraben und sorgten dann dafür, daß Mischtschnk und seine Agenten von der Existenz dieser -Sachen, die zum Morde in Beziehung standen, Kenntnis erhielten. Mischtschnk glaubte wirklich, etwas Neues entdeckt zu Haben, aber er fiel der Irreleitung zum Opfer. Mischtschnk und seine Agenten wurden freigesprochen. Ans Verlangen des Jnstizministers aber wurde der Freispruch kassiert und eine neue Verhandlung des Prozesses angeordnet. . Diesmal wurden Mischtschnk und seine beiden Agenten zu einem Jahre schweren Kerkersverurteilt. Ein zweites Opfer des Knabenmordes ist der Verteidiger- Des Angeklagten Beilis, der ehemalige Oberstaatsanwalt G r i g o r o w i t s ch - B a r s k y. Er veröffentlichte zusammen mit -anderen Persönlichkeiten ein Schreiben, in welchem er gegen die Ritnalmordmotive in der Juschtschinski-Affaire protestierte. Die '.Folge davon war, daß Grigorowilsch-Barsky im Disziplinarwege Dom Gerichte eine strenge Rüge erhielt. Der zweite Verteidiger des Angeklagten Beiliß, M.argolin, erscheint demnächst vor -Gericht unter der Anklage, die Diebin Wera Tscheverjak zur -falschen. Aussage verleitet haben zu wollen. Die Presse, die irgend etwas mitteilt, was zur Widerlegung des Ritualmordmärchens beiträgt, wird unnachsichtlich verfolgt. Letzthin wurde gegen den Redakteur Tarnowsky und .gegen Dr. A s ch k a s s o w, den Mitarbeiter der größten Zeitung Südrußlands „Kiewskaja Mysl", wegen Veröffentlichung einiger Stellen ans dem unlängst in Berlin erschienenen Buche mit Gutachten berühmter europäischer Gelehrten gegen den Ritnalwörd die gerichtliche Verfolgung eingeleitet. Schließlich sei noch ans folgenden merkwürdigen Fall hingewiesen: Plötzlich wurde Wera Tscheberjak. die vom Journalisten Brasul-Bruschkowsky als eine Teilnehmerin an dem Knabenmord -genannt wurde, ans dem Gefängnisse entlassen, wo sie in Abbüßnng -einer längeren Kerkerstrafe wegen Diebstahls noch fünf Monate bleiben sollte. Die Freilassung erfolgte auf Befehl des Justizministers, da Wera Tscheberjak im bevorstehenden Knabenmordchrozesse nicht als Angeklagte, sondern als Zeugin auftreten soll, und man fürchtete, daß die Geschwornen den Worten einer -gerichtlich Bestraften keinen Glauben schenken würden. Oberkantor M.A.Landau,Wr.-Neustadt. (Zn seinem silbernen Amtsjubiläum.) Oberkantor L a n biiit stammt aus einem kleinen Städtchen Galiziens, aus Zalosce. wo er im Hanse feines Großvaters. Des Bürgermeisters der Stadt, Moses L ö b - L ö w e n s o h n. die ersten Kinderjahre verbrachte und sehr steißig dem Bibel- und Talmndstndinm oblag. Später übersiedelten seine Eltern nach Lemberg. In der Hauptstadt Galiziens bekam der junge Mann manche Anregung fürs spätere Leben. Er war noch immer ein eifriger Talmndjünger, lernte aber ebenso fleißig sein Pensum für die Gymnasialfächer und hatte das Glück, die großen Lemberger Oberkantoren Schaffe Weiß, Aron Schnlim S ch ie r m a n n. Jakob B a ch m a n n und Barnch S ch o r r zu hören und von ihnen manche Winke zu erhalten, zumal er damals schon eine schöne Stimme hatte, aber an das Kantorat als Beruf nicht dachte. In B r o d y trat Herr Landau ins Gymnasium ein und dort fand er auch seine Lebensgefährtin in der Tochter Sophie des Großkaufmannes D o b s ch ü tz. B r o d y war damals eine große Handelsstadt nud verkehrte mit den russischen, deutschen und englischen Plätzen. Zur rascheren Geldbeschaffung gründete sich ein großes Bank- Konsortium. in das Herr L a u d a n, als junger Mann mitten ans seinen Gymnasialstndien heransgerissen, eintrat und bald eine leitende Stellung einnahm. Er heiratete in jungen Jahren und gab auch das einzige deutsche Wochenblatt Ostgalizieus „DieChronik" heraus, zu deren Abonnenten Reichsratspräsident Dr. Smolka, Minister Ziemialkowski, Dnnajewski, Grocholski und andere bedeutende Aristokraten gehörten. Nach sechsjährigem Bestände des Bankgeschäftes, mußte dasselbe wegen allmählichen Abflauens des Außenhandels und Auflösung der großen Geschäftshäuser seine Lignidation beschließen nnd Herr Landau begab sich nach Krakan, wo er die „Krakauer Volks- Zeitung" begründete und gleichzeitig das Religionslehrerseminar besuchte, um einen Berns zu ergreifen, zu dem er stets Vorliebe hatte und von dem er nur durch die Laune des Schicksals abgelenkt wurde. Seine Studien beendete er im Jahre 1888 und nach einer glänzenden Prüfung bei den Oberrnbbinern R a p a p o r t nnd H o r o w i tz, den Professoren Doktor Dusch ak und Löwenstein trat er als Religionslehrer in die Krakauer Schulen ein und mußte auch eine zeitlang an den Mittelschulen suppliereu. Der Vizepräsident der Gemeinde, Universitätsprofessor Dr. Etting er, war anfangs gegen die Anstellung des jungen Mannes, der als Redakteur eine scharfe Feder führte nnd gegen den er ferner einwendete, daß er, als Schüler des Brodyer Gymnasiums, die polnische Sprache nicht in klassischer Reinheit beherrschen könne. (Brody hatte damals ein deutsches Gymnasium.) Als aber Herr Landau später ein Meister der polnischen Rede wurde nnd Herr Dr. Ettinger ihn vortragen hörte, da sagte er zu den Herren des Vorstandes: „Siehe da, Ewen moasso habonim, bojsso lerosch pino!" Zur selben Zeit wurde Herr Oberkantor Fischer, der Herrn Landau bei einer Matinee ein Lied singen hörte, auf dessen schöne Baritonstimme aufmerksam und bewog ihn, das Kantoral neben dem Religionslehreramt zu studieren, da es dem Kantorenstande an intelligenten Kräften mangle. Herr- Land a n, der die größten Chasouim seinerzeit gehört nnd bewundert, widmete sich nun eifrig dem Studium der Musik bei den Oberkantoren Fischer in Krakau nnd Heilpern in Lemberg und bekam vielfache Anregungen von dem Altmeister Abraham Baer, dem Verfasser des „Baal Tefilloh" und Musikdirektor Birnbaum in Königsberg, der Herrn Landau, nachdem er 1888 das erstemal im großen Krakauer Tempel mit vielem Erfolge vorgebetet hatte, das Folgende schrieb: „Als Sie mir gelegentlich die alten Steiger erklärten, habe ich bemerkt, daß in Ihnen ein Talent für das Kantorenfach schlummert,, da Sie schon damals ein Formgefühl für die traditionellen Töne der Synagoge zeigten. Ich freue mich darum aufrichtig, daß Sie nun, wie ich hoffe, in die richtigen Bahnen geleitet wurden, wo es doch duftigere Lorbeeren zu pflücken gibt, als auf dem Gebiete des jüdischen Journalismus." Im Jahre 1889 folgte Herr Landau einem Ruf der alten Jndengemeinde Butschowitz in Mähren, nachdem er vorher noch den Segen des Altmeisters Salomon Sulz e r erhalten nnd einige Zeit bei dem damaligen Oberkantor in Wien, Josef Singer s. A. studiert hatte.