Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 27 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. . . ... ...... /. . . Die Wahrheit .:...... ... ..Nr.. 27. Reise kann aber die Ansprache gelten, die ich bald darauf vor der israelitischen Jugend an heiliger Stätte zu halten Veranlassung nahm. A n s p r a ch e a n die i s r a e l i t i s ch e n G y in u asiä st e u und Realschüler. Gehalten am Sabbath „Waieschew“, 30. November 1912, beim Jugeudgottesdienste im Tempel der Innern Stadt (Seitenstettengasse). Meine lieben jungen Freunde! Die Lebensgeschichte Josefs, die heute gelesen wurde, ist so anziehend, fesselnd, reich an wunderbaren Begebenheiten, daß sie sich dem Gedächtnis eines jeden Kindes einprägt. Wie er von seinem Vater geliebt und bevorzugt, von seinen Brüdern gehaßt und als Sklave verkauft wurde, durch seine Tüchtigkeit und Ehrlichkeit, durch seine Fähigkeiten, seinen Fleiß und seine Bescheidenheit das Schicksal bezwungen und aus--dem Kerker hervorgeholt wurde, um vor den König geführt und von diesem zum Statthalter erhoben zu werden, das ist alles so großartig und schön, daß man die Geschichte nie vergißt, wenn man sie einmal gehört hat. Ans der Darstellung, welche die Bibel vom Lebenswandel Josefs gibt, möchte ich aber heute einen Satz herausgreifen, der besonders beachtenswert ist. Als einfacher Sklave hatte Josef, ohne daß er es beabsichtigte, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. „Und es sah sein Herr, daß Gott mit ihm war." ina *o v>r:K kti Wie sah er denn das? Woran bemerkte er es? Das Göttliche an sich ist ja nicht sichtbar, es tritt nur in seinen Wirkungen-ans den Menschen hervor.' Das Wort der heiligen Schrift wird nun in folgender Weise erklärt: Es kam oft vor, daß Joses'am Tische seines Herrn saß oder daß er Speise und Trank in Gegenwart seines Herrn zu genießen hatte. Da bemerkte der Herr wiederholt, daß er, bevor er sich etwas zum Genüsse gönnte, die Lippen bewegte und leise etwas vor sich hinsprach. Einst fragte er ihn neugierig, was er denn spreche. „Wir Kinder Jakobs," antwortete der Sklave, „wir Israeliten haben den Grundsatz, nichts in der Welt zu genießen, ohne vorher durch einen Segenssprnch Gott dafür zu danken/' Seltsam kam dies dem ägyptischen Herrn vor. Aber noch mehr sollte er sich wundern. Als Knecht mußte Josef natürlich sehr früh am Morgen sein Tagewerk beginnen, während der Herr seinen Morgenschlas behaglich bis zu einer vorgerückten Tagesstunde auszudehneu gewohnt war. Eines Tages war aber zufällig Potiphar beim Morgenrot schon auf und als er sich in der frühen Stunde. vor Beginn der Arbeitszeit nach seinen Dienern umsah, fand er Josef in feierlicher Stellung, mit dem Gesichte nach Osten gewendet, Worte vor sich hinsprechend. Wieder mußte er fragen/was das bedeute, und der in seiner Andacht überraschte Josef erklärte ihm: „Wir Kinder Jakobs, Israeliten genannt, haben es von unserem teuren Vater, eigentlich von unserem Urgroßvater Abraham gelernt, unser Tagewerk nicht zu beginnen, bevor wir unser Morgengebet an Gott, den Allmächtigen, gerichtet, den Gott des Lichtes und der Gnade, der uns alles Glück gewährt und unsere Zuversicht ist in den Tagen der Not." Und eines Tages hatten die Sklaven im Hause Potiphars besonders angestrengt gearbeitet. Sie waren bereits alle zum Umfallen müde, denn es war spät in der Nacht. Der Herr des Hauses, aber hatte sich vielleicht bei einem Zechgelage verspätet und als er nach Hanse kam, hatten sich alle seine Leute bereits zur Ruhe begeben. Nur Josef nicht, obwohl auch er sein Tagewerk bereits vollendet hatte. Und wieder überraschte ihn sein Herr,' als er kaum vernehmbar sein Gebet verrichtete. „Wir Kinder Israels" erklärte der Sklave, können die Augen zum Schlummer nicht schließen, ohne ein Gebet gesprochen zu haben." *pts bax1 IN 22V' vb Wie der Löwe sich nicht hinstreckt, bevor er nicht den letzten Nerv angespannt und seinen höchsten Heldenmut bekundet, so legt der Jsraelite sich nicht nieder, bevor er nicht im Geiste alles Leid, alle Widerwärtigkeiten des Lebens durch . den tröstlichen Gedanken an Gott den Ewigen überwunden. Und nachdem der Herr Josefs dies alles beobachtet und gehört hatte, fühlte er heraus, daß diesem Jüngling eine ganz ungewöhnliche Stärke innewohne. Eine Stärke der Seele, welche rhu. allen Menschen überlegen macht. Ich erzähle euch dies besonders gern am heutigen Sabbath, im Angesichte des bevorstehenden Chanukafestes. Da werden wir wieder hören/ wie unsere Vorfahren sich als'Helden bewährt^ wie die Makkabäer in glorreichen Siegen das Joch der Syrer abgeschüttelt; wie sie den Tempel vom Götzendienste gereinigt' und zu Ehren des einigeinzigeu Gottes festlich beleuchtet haben.- Aber dieser Tempel, der später von Herodes ans gewaltigen Quadern neu erbaut wurde, fiel der Zerstörung anheim. Nur von einer Mauer, der Westmauer, ist ein kleiner Rest geblieben,, an dem man sieht, wie gewaltig der Bau gewesen, zugleich aber auch, wie selbst die gewaltigsten Mauern der Zerstörung anheimfallen. Vor dieser Mauer ■’2‘u>a brrc lucir es mir vergönnt, erst' vor wenigen Wochen in Jerusalem zu weilen. Ringsum zerfallene. Denkmäler des grauen Altertums, Ruinen der Vorzeit- Zahlreiche Herrscher haben nacheinander Jerusalem erobert und ' in der Stadt Verwüstungen angerichtet. Da sah ich es vor mir, was sich so oft in der Weltgeschichte bewährt hat. Was Menschen mit Waffengewalt, mit Blut und Schwert erobert oder begründet. haben, wird von anderen Menschen mit erneuter Waffengewalt, unter neuen blutigen Kämpfen zerstört. Trügerisch und vergänglich ist die Macht der Menschen. Ihr erlebt gerade jetzt, in eurer Kindheit, das grauenhafte Schauspiel eines mörderischen Krieges^, durch welchen die Grenzen vieler Staaten verschoben werden und ein großes Reich, das vor ein paar Jahrhunderten seine^ gefürchteten Kriegsscharen bis vor die Tore Wiens zu senden. ' vermochte, beinahe ganz zusammeubricht und aus Europa verschwindet. Vor jener Mauer aber in Jerusalem stand ich an. einem Freitag abends im Kreise gottergebener Israeliten, die die Jnbelhymnen des Sabbathempfanges vortrugen. Unter freiem Himmel hörte man im-Angesichte der Ruinen jene Verkündigungen über den Glanz und die Herrlichkeit des Gottesreiches, über den unvermeidlichen Untergang alles Heidentums,, jene messianischen Gedanken, die schon im Altertum, in der hellenistischen Zeit, aus den Psalmen in die sibyllinischen Orakel, und in zahlreiche religiöse Schriften übergegangen sind, die sich/ in der Kulturwelt verbreiteten. Der Glaube an 'die Gerechtigkeit, und Wahrheit, der Gedanke an die hohe Bestimmung der Menschen, brüderlich als Kinder eines einzigen Gottes in der Entfaltung der ihnen verliehenen geistigem Gaben, in der Beherrschung der Natur, in allen edlen'Werken der Gesittung einander zu fördern — diese unser religiöses Erbe bildenden Ideen sind gewaltige Quadern, die keine Macht zerstören konnte. Dieser Glaube, diese unsere biblische Anschauung von Gott und- Menschen ist ein Tempel, 'den niemand verwüsten konnte. Die- Burg Davids wurde zerstört, aber die Psalmen Davids sind geblieben. In unserem Herzen tragen wir die Mauern eines Heiligtnmes, die — ungleich den Mauern des irdischen Jerusalems- — von keinem Nebukadnezar und von keinemTitns erstürmt werden konnten. Das Gottesbewnßtseiu im Menschen erwies sich als das» einzig Wahre und Fruchtbare, alles andere als vergänglich und ergebnislos. Und wie einst der Herr Josefs es schließlich bemerkthat, daß sein Sklave etwas Besonderes und Erhabenes an sich habe inrr '2 n-.'i, so werden eines Tages alle Völker, die sich als unsere Herren betrachten und in manchen Ländern auch', unsere Tyrannen sind, es erkennen, daß der Menschheit höchstes- Wort, der Weisheit oberster Gedanke, der Gedanke' an. Gott,, uns Israeliten durch das Leben leitet und uns stark macht.- ‘-j’bj? tnp3 '."I 2V '2 pKn ‘K>P ^>2 18-11 , Und wenn eines Tages, wie wir mit Sicherheit hoffen,, auch das irdische Jerusalem zum'Ruhme unseres Volkes in seinerm Glanze wieder erstehen wird, dann wird die Erfüllung der prophetischen Verheißung für uns gerade dadurch ihre höchste- Bedeutung' erlangen, daß alle Völker, von der Wahrheit und der erziehlichen Kraft unserer Lehre durchdrungen, mit uns/gemein- . sam den einigeinzigen Gott verehren werden, dessen Wort an die Menschheit von Jerusalem ansgegangen ist. >rnn aan jv^a' •>2: a^rv-.-ra 'n -cm. .--—/;/; Kirialh Mosche. (Die Stadt Mosis.) Eine nen e jüdi sche K0 lo nie in Pa la stiu.a. Auf dem zirka 4800 Dun am umfassenden, an der Jaffa- Jernsalemer Bahn gelegenen Terrain Kasr-Ürieh, das im ver--'