Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 27 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 27. preußische Landtagsabgeordnete: Geheimer Jnstizrat Cassel, R osenow, Aronsohn, Wolfs-Lissa, Bäerwald, Münsterberg-Danzig und Dr. W a l d st e i n - Altona. Mit den zeh n jüdischen Abgeordneten hat der Landtag seit seinem Bestehen die höchste Zahl von Abgeordneten jüdischen Bekenntnisses erreicht. * * König Konstantin von Griechenland ist, wie aus Saloniki berichtet wird, in der Villa Modiano abgestiegen, wo er und sein Gefolge während des ganzen Salonikier Sejours wohnen wird. Türkische und bulgarische Blätter machen sich darüber lustig, daß die 30.000 Griechen von Saloniki nicht ein Hans besitzen, daß würdig wäre, ihrem König als Absteigquartier zu dienen, so daß er gezwungen ist, die Gastfreundschaft eines Juden in Anspruch zu nehmen. Diese Blätter scheinen nicht zu wissen, daß zwischen König Konstantin und dem Chef des Hauses Modiano eine Freundschaft besteht, die noch aus der Zeit datiert, da König Konstantin Kronprinz war. Es ist auch nicht das erste Mal, daß Konstantin VH. der Gast der Modiano ist, denn vor einigen Monaten schon hat der Generalissimus der griechischen Streitkräfle sein Hauptquartier auf der Besitzung Topfin der Faniilie Modiano in der Nähe von Saloniki anfgeschlagen. Die griechischen Blätter beuten natürlich auch diesen Umstand aus, um zu beweisen, daß die Inden von Saloniki nur unter griechischer Herrschaft sich wohl fühlen würden. * * * Die Untersuchung, die nach der Ermordung des Großwesirs Mahmud Schefket Pascha eingeleitet wurde, förderte u. a. einen Anschlag auf das Leben angesehener jüdischer Mitglieder der jungtürkischen Partei nnd anderer jüdischer Notabeln zutage. Die Verschwörer, bekannte antisemitische Agitatoren, planten zunächst die Ermordung der gewesenen jüdischen Abgeordneten Nissim Mazliach Effendi und Emanuel Carnsso. Später sollten andere angesehene Inden an die Reihe kommen. Die Anstifter des Komplotts hatten sich dieser Tage vor dem Kriegsgericht zu verantworten, das die meisten von ihnen zur Verbannung nach einer asiatischen Festung verurteilte. Unter den intellektuellen Urhebern des Mordauschlages befindet sich auch eine Anzahl judenfeindlicher Journalisten, ferner ein ehemaliger Abgeordneter und hoher Verwaltnugsbeamter. Die Personen. dieZdazn ausersehen waren, den Mord an Mazliach und Carasso zu voll- . ziehen, legten vor dem Kriegsgericht ein volles Geständnis ab und wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Bei der Festnahme der Mörder Mahmud Schefkets zeichnete sich der jüdische Gerichtsdirektor an der hiesigen Polizeipräfektur, Samuel Effendi Israel, durch besondere Unerschrockenheit aus. Er wurde von den Mördern schwer verwnndet und fand Aufnahme im französischen Hospital. Der Sultan erkundigte sich häufig nach seinem Befinden und hat ihm dieser Tage die Goldene Tapferkeitsmedaille verliehen. * * Im Beilis-Prozeß hat der amtliche Antisemitismus nicht ohne Kampf einen Sieg errungen. Auch in der russischen Beamtenschaft regten sich Widerstände, die in der Anklagekammer einen dramatischen Höhepunkt erreichten, als zwei Richter, die berufensten, erklärten, gegen den Juden Beiliß liege nicht einmal ein Verdachtsgrund vor. Vor wenigen Wochen noch hieß es ganz bestimmt, Beiliß werde freigelassen; man brachte mir diesen Gerüchten den Justizminister selber in Verbindung, der als Jurist zweifelsohne einsieht, daß man mit dem Material der bisherigen Voruntersuchung keinen Kriminalprozeß führen kann. Herr Schtscheglowitow soll jetzt entschlossen sein, den Fall so rasch als möglich aus der Welt zu schaffen, „auch wenn Beiliß freigesprochen werden sollte". Daß man es überhaupt soweit kommen ließ, daß man die Kiewer Justizpfiege mit Schmutz besteckt hat und aus dem Unrat keinen Ausweg mehr zu finden schien, hat seine Ursache nicht in persönlichen Haßgefühlen, des Justizministers. Es sind dabei Einflüsse tätig gewesen,^ die von den Kiewer Festlichkeiten im September 1911, oeidenen der Zar anwesend war und 'Stolypin ermordet würde,' ihren Aitsgacig' nahmen. Beiliß war damals schon verhaftet, die Erregung über ' den Knabenmord fieberte in der ganzen Bevölkerung. Es war ganz natürlich, daß sich die leitende Stelle des Reiches über den Fall erkundigte und eine rasche Erledigung forderte; damals erklärte man ihr, der Mörder sei gefunden, sei ein Jude. Nachher hat keiner den Mut gefnnden, diese falsche Information dort, wo es nötig war, zu entkräften. Von diesen! Termin alt begann der ununterbrochene Verkehr der Kiewer Staatsanwaltschaft mit Petersburg, wo immer wieder persönlich neue Weisungen eingeholt wurden, die dann in den skandalösen Nebenhandlungen des Prozesses ihre unmittelbare Folge fanden. In Petersburg war aber mehr als der Justizminister der Oberprokurator des Synods. Herr Sabler, dafür maßgebend, der den geschäftsmäßigen Fanatismus eines Großinqnisators mit der Beschränktheit des blöden Judenfressers verbindet. Der Einfluß des Herrn Sabler gilt als grenzenlos; ihm schreibt man es zn, daß die höchste Stelle nicht richtig informiert werden konnte. Au der Versammlung reaktionärer Größen in Petersburg, die die Entziehung des Beiliß von seinen natürlichen Richtern und damit einen offenen Rechtsbruch befürwortete, hat auch Herr Sabler teilgenommen. Eine Verwirklichung dieser Anregungen befürchtet man hier nicht; auch ist man überzeugt, daß Kokowzow die übrigen Minister soweit beeinflussen kann, daß wenigstens der äußere Anstand gewahrt und eine gefährliche Jndeuhetze vermieden wird. Es hängt nur von der Polizei ab, ob während und nach dem Prozeß die hiesige jüdische Bevölkerung gefährdet wird. Weder Glaubensfanatismus noch Rassenhaß führen zum Pogrom, nur die gemeinste Habsucht eines verbrecherischen Pöbels, der seiner Straflosigkeit sicher ist. Die Miidchenlronstrmation. Es kann allerdings nicht geleugnet werden, daß die seit llngefähr neunzig Jahren in den israelitischen Fortschrittsgemeinden bestehende Institution der Mädcheukonfirmation der Kirche entlehnt wurde. Selbst der bekannte Historiker Grätz, der. weil er von hervorragenden rabbinischen Autoritäten früherer Jahrhunderte, wie R. I. Lurje, Josef Karo, Chajim Vitalde nicht besonders respektvoll spricht, in orthodoxen Kreisen sich keiner besonderen Sympathie erfreut, äußerte sich abfällig über die Einführung der Müdchenkonfirmation. Er schreibt im elften Bande seiner Geschichte über Jakobsohn, den ersten Reformator des jüdischen Gottesdienstes, folgendes: »Ans der Synagoge, welw.e mit der für die Jugend in Cassel neuerrichteten Schule verbunden war, ließ er alles Häßliche, Anstößige, Lärmende, besonders den Singsang aus dem Gottesdienste entfernen. Das Predigen in deutscher Sprache verstand sich bei Jakobsohn von selbst. Er führte auch neue, der Kirche entlehnte Formen und Weisen ein: deutsche Gebete neben hebräischen, neue, schale deutsche Lieder neben den inhaltsreichen, tiefen Psalmen, das Ab leiern von Glaubensbekenntnis (Konfirmation) für Knaben und Mädchen bei ihrem Eintritt in ein reiferes Alter, was im Judentum keinen Sinn hat. Für das Beschämende und Lächerliche, das darin lag, der ergrauten Mutter den schimmernden Plunder der Tochter umzuwerfen, der sie mehr entstellte als zierte, dafür hatte Jakobsohn in seiner Neuerungssucht kein Gefühl." Dessenungeachtet verdienen Reformen, die geeignet sind, in den Herzen der jungen Kinder das religiöse Gefühl wackzurufen und rege zn erhalten, nicht in so leichtfertiger Weise verurteilt zu werden, selbst wenn sie anderen Kulten entnommen worden sind. Das Gute soll man immerhin annehmen. Hat doch selbst die Thora es für angemessen gefunden, dem heidnischen Priester Jetro aus Dankbarkeit dafür, daß er seinem Schwiegersöhne Moses bezüglich der vorzunehmenden Volksvertreterwahlen einen vorzüglichen, äußerst günstige Erfolge erzielenden Rat erteilte, einen besonderen Abschnitt zu widmen. Als es sich im Lehrhanse des berühmten Tanaiten R. Jochanan b. Sakkai um die Erklärung des Verses (Sprüche Sal. 14. 34) handelte, sagte dieser fromme Lehrer zu seinen Schülern: „So wie Israel durch Sündopfer gesühnt werde, so sühnen die Heiden ihre Sünden durch gute Worten; man