Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 27 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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öeite 4. Nr. 27. Die Wahrheit. beschränken, der immer mehr überhanduehmendeu Katholisierung aller öffentlichen, nach dem Gesetze interkonfessionellen Schalen nach Kräften entgegenzntreten, dann braucht man um den Fortbestand des Judentums, das 2000 Jahre der Verfolgung überstanden hat, nicht zu fürchten. Der religiöse Zwang wäre die ungeeignetste Methode, das Judentum zu stärken und die vertrockneten Blätter lasse man unbesorgt abfallen. N. L. Aus der Woche. lieber die Emigrantenfürsorge der Israelitischen Allianz zu Wien geht uns folgender Bericht zu: Während des Monates Juni 1913 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 260 Emigraulen, davon 204 russische und 56 rumänische, weiterbefördert, und zwar 139 nach den Vereinigten Staaten, 58 nach Argentinien, 39 nach Canada, 10 nach Frankreich und 14 nach England. In die Heimat zurückbefördert wurden 35 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im Monate Juni für 32 Personen zusammen 74 Tage Logis und volle Verpflegung bezahlt und an 68 Personen zusammen 264 speisemarken für die israelitische Volksküche ausgegeben. Im ersten Halbjahre 1913 wurden im ganzen weiterbefördert 911 Emigranten (gegen 515 im gleichen Zeiträume des Jahres 1912), wovon 769 (454) russische und 142(61) rumänische. Während des Aufenthaltes in Wien wurden vom 1. Jänner bis 1. Juli 1913 für 126 Personen zusammen 503 Tage Logis und volle Verpflegung niiö an 603 Personen zusammen 2311 Speisemarken ausgegeben. * Von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart haben die jüdischen Aerzte stets den Ruf der Tüchtigkeit und Vertrauenswürdigkeit genossen und in der Geschichte der Heilkunde sind unzählige glanzvolle jüdische Namen verzeichnet, die trotz mannigfacher Lockungen und Widerwärtigkeiten treu bei ihrem angestammten Glauben ausharrten und au der Wertung ihrer Persönlichkeit nichts eiugebüßt haben. Ja, selbst in der gegenwärtigen Zeit des praktischen Antisemitismus hat der Beruf des praktischen Arztes viel weniger unter konfessionellem Vorurteil zu leiden, als jeder andere akademische Beruf und wenn in diesen Reihen Ueberläufer sich zeigen, so werden dieselben zumeist nicht durch ben Zwang unwiderstehlicher Verhältnisse, sondern durch Streberei und rein materielle Rücksichten zu dem Glaubenswechsel veranlaßt, der umso mehr zu verurteilen ist, als die Fahnenflüchtigen es gerne vermeiden, vor ihren früheren Glaubensgenossen ihren Uebertritt offen zu bekennen und auf der einen Seite als Juden, auf der anderen als Christen gelten wollen. Ans diesem Grunde scheint es uns jetzt, zu Beginn der Bädersaison, besonders aktuell, im nachstehenden ein Verzeichnis von gelausten jüdischen Aerzten zu veröffentlichen, die in den meistbesuchten. österreichischen Kurorten ihre ärztliche Praxis ausübeu: In Karlsbad: Dr. Ludwig Ritter von Aldor, Doktor- Gustav Aranyi, Dr. Adolf Charmatz. Dr. Franz Fokschauer, Dr. Edgar Ganz, Dr. Emil Goldscheider, Dr. Hugo Guth, Dr. Stefan Kelen, Dr. Rudolf Kolisch, Dr. Alexander Komaromy, Dr. Friedrich Kraus, Dr. Arnold Lorand, Dr. Heinrich Munk, Dr. Gustav Töpfer, Dr. Leo Zupnik, Dr. Eugen Frank ist konfessionslos und hat seine Kinder laufen lassen. Doktor Desiderins Sipos ist konfessionslos. — In Marienbad: Dr. Euül Loewy, Dr. Leo Martens, Zahnarzt, Dr. Julius Schuetz. — In Ebense e: Dr. Nobel. — In Bad Ischl: Kais. Rat Dr. Herzka, Dr. Isidor Stein, Inhaber der mechanotherapeutischen Anstalt (im Winter in Abbazia). — InBaden bei Wien: Dr. Wilhelm Altmanu. — In Bad Gastein: Dr. Herzka. — In Meran: Dr. Träger, Zahnarzt. — In Franzeusbad: Dr. Josef Steiubach, Dr. Gustav Egger, Dr. Nikolaus Cuker, Dr. Johann Robert Heller, Dr. Thaddäus Kon, Dr. Bruno Fellner, Sohn des in Franzensbad praktiziereudeu kaif. Rates Dr. L. Fellner. - * - * - Es ist bekannt, daß in Deutschland, insbesondere in Preußen, für ausländische, jüdische Kultusbeamte die Erlangung der Naturalisation fast unmöglich ist und daß im allgemeinen, in der deutschen Reichsgesetzgebung Wünsche die Befriedignug spezieller konfessioneller Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung nur höchst selten Berücksichtigung findet. Umso höher ist ein Erfolg eiuzuschätzen, der jetzt uu deutschen Reichstage bei Beratung des Gesetzes über den Erwerb der Staatszugehörigkeit erzielt wurde. Dieses Gesetz, das auch die Grundsätze für die Naturalisation der Ausländer in Deutschland feststellt, enthält, wie dem „Israelit"' mitgeteilt wird, einen dem bisherigen Rechte entsprechenden Paragraphen 10, wonach eine Anstellung im Kirchendienst ohne weiteres auch die Naturalisation einschließt, sofern solche nicht bereits vorher bestand. Es bedarf keiner Erörterung, wie wichtig es für nufere jüdischen Verhältnisse ist, wenn eine solche Bestimmung sich nicht auf die christlichen Kirchen beschränkt, sondern auch die jüdischen Gemeinden einschließt. Ein dahingehender Antrag war von der freisinnigen Volkspartei gestellt worden, er wurde aber in zweiter Lesung abgelehnt, da speziell das Zentrum durch den Abgeordneten Belzer widersprach, wie hier gleich bemerkt werden soll, nicht aus Animosität gegen die Juden, sondern weil es in dieser Bestimmung einen Eingriff in die Rechte der Einzelstaaten sah. Auch die Regierung selbst hatte, wie in der Kommission so auch im Plenum, gegen die Ausdehnung dieses Gesetzes auf die jüdischeReligionsgemeinschaftentschieden Front gemacht. Daher erschienen alle Anstrengungen, die bis dahin derDerband der deutschen Inden in dankenswerter Weise gemacht hatte, um die Gleichstellung durchznführen, erfolglos. Inzwischen hatte der Verband der Berliner SynagogeUvereine, als er von dem Resultat der zweiten Lesung erfuhr, seinerseits den Beschluß gefaßt, sich mit einer neuen Eingabe an den Reichstag zu wenden und in dieser neuen Eingabe darzulegen, welche schwere Mißstände der Mangel an geeigneten inländischen.Gemeindebeamten an vielen Orten Hervorrufe. Eine Kommission, bestehend aus den Herren Rechtsanwalt Dr. Klee, A. Lewinsky, Moritz A. Loeb, Theodor Löwenberg und Direktor Wolpe, , arbeitete mach Fühlungnahme mit dem Verband der deutschen Juden eine entsprechende Eingabe aus und ließ diese dem Reichstage zugeheu. Es wurde ferner mit den Vertretern der verschiedenen Parteien Rücksprache genommen und das erfreuliche Resultat war, daß. vor allem das Zentrum sich von der Gerechtigkeit der hier geltend gemachten Ansprüche überzeugen ließ, wozu auch die Unterstützung beitrug, die der Antrag seitens der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" fand. Abgeordneter Groeber stellte bei der dritten Lesung den Antrag aus Einfügung der anerkannten Religionsgemeinschaften — zu denen ja das Judentum in allen deutschen Staaten gehört — und dieser Antrag ging, gegen den Miderspruch der Staatsvertreter, durch. Wer da weiß, wie selten es vorkommt, daß zwischen der zweiten und dritten Lesung Gesetze noch in wichtigen Punkten geändert werden, wird der raschen und energischen Arbeit, die hier seitens der Kommission des Verbandes der Berliner SynagogeUvereine geleistet wurde, seine Anerkennung nicht versagen können. Im neuen preußischen Abgeordnetenhause werden nenn bürgerliche Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses vorhanden sein. Rechnet man den gleichfalls jüdischen Abgeordneten der Sozialdemokratie Hirsch hinzu, so wird das neue Abgeordnetenhaus zehn Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses haben. Von besonderem Interesse ist, daß diesmal auch die Natioualliberalen mehrfach jüdische Landtagskandidaten ausgestellt haben und die nationalliberale Fraktion des Landtages statt des bisherigen einen zwei Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses in ihren Reihen hat. Außer dem schon bisher dem Äbgeordnetenhause angehörenden Doktor Levy-Hohensalza ist auch Herr Amtsgerichtsrat Dr. Liepm a n u -Charlottenburg, der jüdischen Bekenntnisses ist, von den Nationalliberalen in Teltow-Beeskow aufgestellt und gewählt. In der Fraktion der Fortschrittspartei befinden sich folgende