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Die Wahrheit · 1913-07-04 · Heft 26 (4.7.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 26 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 26 Die Wahrheit seile 7. 'Es wurde ihr unter anderem die Privatbibliothek des . Dichters I. L. Kordon eiuverleibt und ein hochherziger Idealist, der sich die Förderung gerade dieses Instituts zur Lebensaufgabe gemacht hat, der Arzt Dr. Josef C h a z a n o w i tz in Binlystok, der fast den ganzen Ertrag seiner praktischen Berufstätigkeit auf den Ankauf jüdischer Literatnrwerke zugunsten der Bibliothek verwendet, hat ihr große Bücherschätze zugeführt. Auch aus dem Nachlasse des Professors der Mathematik in Heidelberg. Dr. .Hermann S ch a p i r a, hat die Bibliothek 2000 Bände erhalten. Sie besitzt jetzt 32000 Bände und enthält eine der bedeutendsten Hebraica-Sanunlnngen der Welt. Sie besitzt auch einige wertvolle Inkunabeln (Drucke von Lissabon 1489, Neapel 1490 und 1492, Soncino 1486). Die Förderung der Wissenschaft des Judentums, einer genauen Kenntnis des jüdischen Altertums und der jüdischen -Religionsqnellen ist speziell in Jerusalem auch vom religiösen Gesichtspunkte eine unabweisbare Notwendigkeit. Die wohlhabenden und gebildeten Juden aller Länder müssen es als Ehrensache empfinden, die Bestrebungen zur Gründung einer jüdischen Universi t ä t oder wenigstens einer historisch-philosophischen Fakultät in Jerusalem energisch und durch hochherzige Stiftungen zu fördern. Es gilt da nicht nur das Ansehen und die Würde des israelitischen Volkes in seiner Urheimat zu heben, sondern auch dem häßlichen und aufdringlichen, frivolen Wirken der Mission der verschiedenen christlichen Bekenntnisse durch eine Hebung des wissenschaftlichen Geistes unter den Inden einen Damm zu setzen. Auf einer Wanderung ditrch die Jaffastraße sah ich einen offenen Laden, an dessen Eingang eine Tafel mit dem 53. Kapitel Jesaia im hebräischen Texte prangte. Es ist die Rede des Propheten über den „leidenden Knecht Gottes" — ein bekanntes Jnveutarstück der christlichen Missionäre, — welche sie, wie so vieles andere in der Bibel, auf den Stifter ihrer Kirche beziehen. Es war die amerikanische Missionsanstalt. Der Leiter derselben erwies sich als getaufter Jude aus Tiberias. Er stellte.sich als „Chacham", als ehemaliger Rabbiner vor und lat so, als wenn er wirklich au die Lehre der Evangelien glauben würde. Vielleicht hat er sich es während der vielen Jahre der Ausübung seines Geschäftes auch suggeriert. Indem er sich bei seinen Brotgebern als „Rabbiner" einführte, hat er sich jedenfalls für die Verschleißnng der neuen Wahrheiten höhere Bezüge gesichert. Er ist natürlich ein ungefährliches Individuum, kein Josua L o r q u i oder Geronimo de Santa F e, der durch seine veranstalteten Disputationen den Juden ernste Sorge bereiten köllute. Die ganze Missionsbewegung -(unter den Juden!) ist mehr lächerlich als gefährlich. Sie schadet eigentlich mehr dem Christentum selbst, denn sie macht es durch ihre Anmaßitng gegenüber der jüdischen Mutterreligion, durch ihr verwerfliches Unterfangen, dem Israeliten in seiner alten Heimat, auf biblischem Boden, in seinem durch Jahrtausende mit unvergleichlichem Idealismus verteidigten reinen Glauben, in seiner itnübertroffenen Ethik wankend zu machen, unmöglich, daß matt die hinter ihr stehenden katholischen imd protestantischen Theologen ernst nehme; daß man an ihre Aufrichtigkeit und wirkliche religiöse Ueberzeugung glaube. Bei einer Vertiefung in ihre eigene Religion und aufrichtigem Streben nach Wahrheit könnte ihnen nicht entgehen, daß sie selbst noch Vieles vom Judentum zu lernen haben, und es wäre ausgeschlossen, daß unter dem Deckmantel der Wissenschaft von deutschen Theologieprofessoren mit so geringen Kenntnissen, wie sie Professor G. Beer und Professor H o l tz m a n n besitzen, ein unehrlicher Kampf gegen die rabbinische Tradition fortgesetzt werde. Aber eine Schmach für Jerusalem ist das Treiben der Jndenmissionäre doch. Wenigstens im heiligen Laude sollte ihnen — natürlich nicht durch Gewaltmittel, sondern durch Verbreitung überlegener theologischer Kenntnisse — das Handwerk gelegt werden. An diese Seelenschacherer muß man bei den Worten der Selicha -•,1m jospMm anaclmii“ am Jom Kippur denken: •'müt n^>an oipäö (frei übersetzt : Von der Stätte, wo meine Ahnen in. wahrer Ehrfurcht ihr Gebet verrichtet, möge abgeschüttelt werden der -Heuchler, der durch materiellen Vorteil Bekehrungen erschleicht). Die wahren Freunde der Inden innerhalb der anglikanischen Kirche könnten sehr nützlich wirken, wenn sie die soziale Fürsorge, ja sogar die Bildnngsanstalten der Juden durch Zuwendung hochherziger Spenden au unsere jüdischen Korporationen fördern würden; noch mehr, wenn sie den Mnt fänden, der unmenschlichen Bedrückilng und Verfolgung von 6 Millionen Inden in. Rußland und Rumänien mit einer im besten Sinne christlichen Menschenfreundlichkeit öffentlich entgegenzutreten. Aber ihre Dogmen sollten sie für sich behalten und nicht dem Volke aufdrängen wollen, das die Psalmen und die prophetischen Reden, den Dekalog und das mosaische Gebot der Nächstenliebe der Welt gegeben. Wir standen ans der Terrasse des Haram esch-scherif, wo die Omarmoschee auf dem geheiligten Platze des salomonischen Tempels sich erhebt. Man überschaut von dorr den Oelberg, wo sich die jüdischen Begräbnisplätze befinden. Die Frommen, die dort in der heiligen Erde ruhen (manche fromme Jltden in Eltropa lassen sich wenigstens eine Handvoll Erde von dort kommen, die sie ins Grab mitnehmen), genießen nach der Sage das Privilegium, daß sie bei der einstigen leiblichen Wiederauferstehung als erste aus den Gräbern steigen werden. Die Vorstellung von der leiblichen Wiederauferstehung beruht ohne Zweifel ans dem Bewußtsein von der Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit der menschlichen Persönlichkeit, sowie von der nnendlichen Bedeutnng des Wirkens und Schaffens während des Erdeudaseins. Es ist somit eine durchaus ethische Vorstellung, wenn sie auch mit der naturwissenschaftlichen Denkweise nicht vereinbar ist. Es dürfte übrigens wenig bekannt sein, daß Heinrich Heine bei der Darstellung des napoleonischen Grenadiers, der sich von seinem Kollegen eine Flinte ins Grab legen läßt, damit er bereit sei, wenn der Kaiser kommt: „dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab, den Kaiser, den Kaiser zu schützen" wahrscheinlich ein Motiv ans dem Talmud verarbeitet hat, von dem er durch seinen Freund Z u u z Kenntnis erlangt haben dürfte. Im Talmud Jeruschalmi wird von einem Rabbi erzählt, der gebeten hat, man möge ihm, wenn er begraben wird, seinen Stab in die Hand drücken, damit er, wenn der König Messias erscheint, sofort anfstehen und sich auf den Weg machen könne. Beim Anblick dieser Totenstadt auf dem Oelberg drängt sich der Gedanke auf, daß. wie man auch über das Problem des „Teehijath lia-mefchim^ für die Individuen denke, jedenfalls das leibliche Wiedererstehen eines ganzen Volkes, sein fester Glaube an die Fortsetzung seiner geschichrlichen Sendung, auch mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung vereinbar ist und durch historische Erfahrungen gestützt wird. Nicht zum wenigsten auch durch Erfahrungen ans der Gegenwart. (Scblnß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Herr Rabbiner Moritz F l e s ch. bisher am Tempel des Leopoldstädter israelitischen Bethansvereiues „Montestore", wurde einstimmig zum Rabbiner des Tempel- und Schulvereines, VI., Stnmpergasfe, gewählt. Wien. Dienstag, den 1. Juli ist hier der Schwiegervater des ersten Kantors der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde, Herrn Jakob Sch leiser, Herr Leopold Reiß, nach kurzem Leiden im 70. Lebensjahre gestorben. Er war seit ungefähr 30 Jahren selbst im Dienste der Kultnsgemeinde Wien gestanden und erfreute sich bei den Parteien und bei den Vorgesetzten allgemeiner Beliebheit. Wien. Am 29. Juni fand die Prüfung der Talmud-Thora- Mädchen-Förtbilduugs- und Leseschule in Floridsdorf statt. Als Gäste waren erschienen: Herr Knltnsvorsteher Emannel G rüuw ald, die Mitglieder des Talmnd-Thora-Borstandes Karl Sinai. Dr. S. R u ß, ferner die Mitglieder des Bethausvorstandes, Obmannstellvertreter Gabriel Dukes, Adolf Reiniuger, Emil Fauto und zahlreiche Gemeinde- Mitglieder. Bei der von Herrn Rabbiner Dr. Rosen m a n n geleiteten Prüfung fanden die Leistungen sämtlicher Schüler und Schülerinnen allseitige Anerkennung nnd sowohl Herr Rabbiner Dr. Rosenmann wie auch Herr Knltnsvorsteher Grüuwald sprachen sich sehr lobend über die Lehrtätigkeit der Herren Lehrer aus. Einen besonders guten Eindruck machte die Prüftrng der sehr stark besuchten Leseschnle, die überraschende Erfolge zeigte. Nach der Prüfung hielten Herr Rabbiner Dr. Rosenmann und Herr Kultusvorsteher Emanuel Grüuwald Ansprachen an bie Schüler und Schülerinnen, deren Fleiß und Wissen Worte der Anerkennung fanden. Zuni Schlüsse sprach Herr Lehrer A. K o h n, der zunächst Zweck und Ziel der Leseschule erörterte und dann allen jenen Faktoren, die sich um die

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