Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 26 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 26. A«f dem Mege nach Jerusalem Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Kaminka. XI. H a n d w e r k e r und Arbeiter. — Eine Berufssiatistik. — Bezalel. — Spitzenschul e. — Z ent r a l b i b l i o th e k. — D i e Notweudigkeiteiner wissenschaftlichen Hochschule. — Das Treiben der M i s s i o n. — Der Oelberg. Es wäre ein Irrtum, in Anbetracht der großen Dimensionen des Beitelwesens, anzunehmen, daß die gesamte jüdische Bevölkerung in Jerusalem aus Müßiggängern bestehe, die sich durch Almosen ernähren. In Wirklichkeit sind tausende von Familien redlich bestrebt, sich durch Handwerk, durch mühevolle, physische Arbeit 'ohne fremde Hilfe zu erhalten. Die Zahl der Handwerker und Arbeiter ist während des verstossenen halben Jahrhunderts im Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung ganz bedeutend gestiegen. Ludwig August Frankl hatte in der heiligen Stadt nur einen jüdischen Maurer, einen Schlosser, zwei Steiumetze, zwölf Tischler, einen Bildhauer, zwei Schmiede, sechs Klempner, fünf Uhrmacher, einen Schleifer, zwei Steinschneider, fünf Silber- und Goldarbeiter, fünf Buchbinder, sechs Posamentiere, 20—24 Schneider (das beliebteste jüdische Handwerk!), 15 Schuster, zwei Färber, zwei Barbiere, 10 Bäcker und drei Zuckerbäcker gezählt. Die Gesamtzahl der erwerbstätigen Personen war 239 unter 6700 Juden (einschließlich Frauen und Kinder). Im Jahre 1898 veröffentlichte A. M. Luncz, der beste Kenner Jerusalems, eine sorgfältige Bernfsstatistik der jüdischen Bewohner, welche u.a. folgende Zahlen ergab: Maurer (meist Jemeniten) ..127 Schlosser ........... 25 Steinmetze. 96 Tischler. 363 Drechsler.37 Schmiede.60 Klempner.90 Uhrmacher .. 22 Buchbinder ..33 Silber- und Goldarbeiter ...... 71 Herren- und Damenschneider.304 Schuster. 288 Färber.18 Bäcker.75 Typographische Arbeiter.44 Anstreicher.13 Lastträger. 65 Fuhrleute.* .... 36 Mühlenarbeiter.55 Bauarbeiter.95 Insgesamt wurden damals 2576 Handwerkerfamilien gezählt, ferner etwa 1600 Familien, die vorwiegend von Geschäftsuuternehmungen, Aemtern und Anstellungen, durch geistige Arbeit oder gesicherte private Unterstützung ihre Existenz finden. Die Zahl der von ihrer Arbeit ganz oder teilweise sich ernährenden Personen hat sich in den letzten Jahren noch wesentlich vergrößert. Viel dazu beigetragen hat die vom genialen Professor Boris Schatz begründete Kunstgewerbeschule „Bezalel", — nach dem großen Künstler benannt, der zur Zeit Moses die Stiftshütte erbaut hat — welche in ihren Ateliers im vorigen Jahre nahezu 500 Personen, Teppich-, Filigran-, Knpser-, Elfenbein-, Spitzen- und Holzschnitzereiarbeiter und Arbeiterinnen beschäftigte und ca. 135.000 Francs Arbeitslöhne anszuzahlen in der Lage war. Es war mir nach vielen betrübenden Bildern eine Freude, diese in einem eigenen prächtigen Gebäude mit Garten installierte, moderne Kulturarbeit lehrende und verbreitende Anstalt zu besichtigen. „Das Werk unserer Hände mögest Du gelingen lassen!" wäre eine würdige Aufschrift für das so segensreich wirkende Institut. In allen Abteilungen wurde fleißig gHämmert, geschnitzt, gezeichnet, gemalt, gestochen, ziseliert, wobei von den jungen Arbeitern uiib Arbeiterinnen (zum Teil Zöglinge der Alliance-und Hilssvereinsschnlen) hebräische Lieder gesungen wurden. Etwa 50 Jemeniten, ältere, vollbärtige, ernst dreinblickende Männer saßen in Reihen nach orientalischer Art mit unterschlagenen Beinen und waren mit Silberarbeiten beschäftigt. In der Teppichabteilnug fand ich etwa 100 Mädchen, die mit großer Geschicklichkeit einfache und Seidenteppiche.kuüpften. Ein Mädchen gab auf Befragen an, daß ihr Großvater Belhansdiener bei einem orthodoxen Kolel sei, dessen Vorsteher nicht wissen dürfen, daß der Mann seine Enkelin im „Bezalel" arbeiten lasse, da ihm sonst die Chalukannterstützungen entzogen werden würden. Das Institut gilt bedauerlicher Weise — ebenso wie die anderen modernen Anstalten — den orthodoxen Inden in religiöser Beziehung als nicht ganz verläßlich. Noch nnangenehmer berührte mich der Umstand, daß junge Leute/die im Lande geboren wurden und in dieser in rein nationalem Geiste geleiteten Anstalt ein Handwerk erlernt haben, durch welches sie einigermaßen ihr Auskommen finden, sichLznr Auswanderung vorbereiteu. Ein siebzehnjähriger Bursche, der bereits 50 Francs monatlich verdient, türkischer Staatsangehöriger ist und, wie man erwarten sollte, mit seinem ganzen Dasein im Vaterlande, in der palästinischen Heimat wurzeln würde, teilte mir als eine ganz einfache Sache mit, daß er demnächst das Land verlassen wird. Ans meine erstaunte Frage: warum denn? gab er kurz zur Antwort:' „Abodafcli hazabali“ (Militärpflicht). Also der mit soviel Mühe in die Jugend getragene makkabäische Geist vermochte noch nicht, auch nur die eingeborenen Jünglinge bedingungslos, ans Leben und Tod, an den Boden zu fesseln. Die Emigration der jüngeren Männer ist sowohl aus Jerusalem wie aus den Kolonien eine starke. Freilich kann man es ihnen vom rein menschlichen Standpunkte nicht verdenken, wenn sie sich bei Ausbruch des Krieges nicht für berufen erachteten, für'den unhaltbaren europäischen Besitz der Osmauen sich von bulgarischen Kanonen lotschießen zu lassen. Die Verhältnisse müssen sich aber doch mit der fortschreitenden Dezentralisation und der Verlegung des Schwerpunktes des türkischen Reiches nach Kleinasien gründlich ändern, wenn nicht durch die Auswanderung der Jugend die ganze nationale Arbeit illusorisch werden soll. Während dieser Brief in Druck gegeben wird, macht „Bezalel" leider eine Krise durch, da sich für die Kombination einer Schule mit großen, fabriksmäßig eingerichteten Ateliers das Betriebskapital sowie die Mitgliedsbeiträge und Spenden zugunsten der Anstalt (diese betrugen im vorigen Jahre etwa 90.000 Mark) als unzureichend erwiesen. Die Anstalt soll auf kaufmännischer Grundlage reorganisiert, die Produktion soll nach Möglichkeit verbilligt und für eine Erweiterung des Absatzgebietes soll Sorge getragen werden. Die Überproduktion hat zu einer vorübergehenden Schließung auch einer anderen Arbeitsstätte geführt, des Spitzena t e l i e r s, das der in Deutschland bestehende Frauenverband für Kulturarbeit in Palästina begründet. und eine edle Wohltäterin, Frau Susanna P e r s i tz in Moskau, unter ihren Schutz genommen hat. Als ich diese Arbeitsschule besuchte, waren in drei Sälen etwa 120 Mädchen aus den ärmsten Kreisen der jüdischen Bevölkerung mit Spitzenarbeiten beschäftigt. Wie mir die im Aufsichtskomitee wirkende Frau Ludwig Mayer berichtete, waren bis auf wenige Ausnahmen alle Kinder beim Eintritt in die Schule trachomkrank und mußten durch einige Zeit in ärztliche Behandlung genommen werden. Schon nach wenigen Wochen konnte jedes Kind einen Teil der.Kosten seines Unterhaltes im Elternhause verdienen; vorausgesetzt war dabei allerdings der Absatz der erzeugten Spitzen, aber dieser scheint ins Stocken geraten zu sein und die finanzielle Leitung wußte keinen anderen Ausweg als die vorübergehende Schließung des Instituts. Dem kleinen Kreise wissenschaftlich gebildeter Juden in Jerusalem gereicht zur besonderen Ehre die stattliche Zent r a lb i b l i o t h e k, welche, vor 20 Jahren begründet, mit großer Mühe und Hingebung trotz der sehr unzulänglichen Mittel als Sammelpunkt für die Gebildeten und Stätte gelehrter Forschung erhalten wird. Da sie im Jahre 1892, dem 400 jährigen Gedächtnisjahre der Massenauswanderuug der Inderin aus Spanien unter Führung Don Jsak Abarbanels, ins Leben gerufen wurde, erhielt sie den Namen „Midrasch Abarbanel",