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Die Wahrheit · 1913-07-04 · Heft 26 (4.7.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 26 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelle 4. Die Wahrheit. Nr. 26. 4>en edelsten Formen. Es ist ein Wettstreit der Geister, in dem, vor allem die turnusgemäß zur Verrichtung der spirituellen' Funktionen aus den äußeren Gemeindetempeln berufenen Rabbinen zum Turnier angetreten sind. Es sind ihrer vier wohlbekannte und wohlgelittene Prediger, Dr. Bach, Dr. Fenchtwang, Dr. Grunwald und Dr. Rosenmann, die sich zu den höchsten Leistungen augespornt fühlten und nicht selten durch die Kraft ihrer Rede, die Macht ihrer glaubensstarken und glaubenseifrigen Begeisterung, durch die Tiefe ihrer Gelehrsamkeit die Masse ihrer Zuhörer gepackt und mit sich fortgerissen haben. Drei Jahre oder länger währt dieser Wettkampf um die Sedisvakanz, und Tempelbefncher, Vorsteher uitb Rabbinen ersehnten die Entscheidung, wem die Palme des Siegers zu reichen fei. Dazwischen siel ein Intermezzo aus ungarländischem Gefilde; man erinnert sich nicht gern daran. Auch eine andere, sehr beachtenswerte Bewerbung ist rasch vorbeigesprndelt und daun kam eine geraume Zeit nachdenklichen Stillstandes und wenig behaglichen Stillschweigens, in das sich bezeichnenderweise auch jene hüllten, die Gefahr liefen, daß ihnen durch fremde Berufung der Weg zur ersehnten Würde auf absehbare Zeit versperrt würde. . Da ward es mit einem Male wieder hell und lebendig. Dies geschah, als der Präsident der Gemeinde mit Ablauf seiner Funktionsdauer wieder zu seinem hohen Amte berufen wurde und er die Sehnsucht der rabbinifchen Anwärter nachfühlen mochte, daß auch sie endlich erkoren werden. In seiner Programmrede war klipp und klar die Ankündigung enthalten, es werde das Passahfest nicht ins Land gehen, ohne daß auch dieser Wunsch zur Erfüllung reife. Allein das Ueberschreitungsfest kam und wurde überschritten; die Kanzel blieb unbesetzt; der Turnus und das Turnier dauerte fort. Doch wurde immerhin ein größerer Anlauf genommen, die Lösung zu suchen und zu beschleunigen, indem zunächst mehrere auswärtige Rabbinen, welche 'die Vortragsabende der Gemeinde mehrfach geziert halten, diesmal in den Tempel zu Gaste geladen wurden. In den Kreis dieser Ehrentage wurden auch unsere Wiener Rabbinen eingereiht, doch nur die echten, wirklichen Gemeiuderabbinen, die um die Stelle seit jeher kompetierten, nicht aber die bloß titulierten Gottesdiener, die an den Vereinstempeln verdienstlich wirken. Sie haben sich (gewiß nicht ganz zu Unrecht) dagegen gewehrt und verwahrt. Nun sind auch die Probepredigten vorüber, die ein nicht alltägliches Gepränge, reichen Genuß und vollgiltige Erbauung geboten haben. Und es erhob sich der Vorhang zum Mittelakte des Schaustückes, zur -Versammlung der Experten, die als Vertrauensmänner der Gemeinde zur Beurteilung der Prediger, ihrer Würdigkeit und ihrer Fähigkeit beigezogeu waren. Das muß so sein; so will es das Statut. Die Experten müssen, nachdem sie die Predigten gehört haben, selbst gehört werden, ehevor der Vorstand die Entscheidung trifft. * Was ' hier geboten und aufgefnhrl wurde, war nicht minder packend und uninteressant. Ein wirkliches, mitreißendes Spektakelstück, aber nicht etwa so kennzeichnend, weil es vielleicht nicht ohne Spektakel zu Ende gespielt wurde. Ganz im Gegenteile. Die Würde seines Verlaufes kann nicht hoch genug gewertet werden und schon darum hat es so gefallen und eingefchlagen. Zunächst verdichtete sich die Anschauung der Expertise zu der gefestigten Wohlmeinung, daß die Wahl und der Ruf über den Kreis der Wiener Rabbinen nicht hinausgreifen solle. Nicht in der Fremde möge man. den neuen Rabbiner suchen, sondern ihn ans den Gemarkungen der Gemeinde herbeiholen. Das Sprichwort „Xemo propheta . . .“ gilt erfreulicherweise nicht mehr. Das war das Erste und Nächstliegende. Schwieriger war das Zweite: Wer soll es sein? Man dachte natürlich oderminder natürlich wieder nur an die vier wirklichen urid nicht au die titulierten Gemeiuderabbinen. Also, wer soll es sein? So hörte man fragen in stark geladener, fast beklemmender Spannung. Erst leise, dann immer tauter lösten sich die Namen von den Lippen der Kundigen, um sich faßbar auf zwei Anwärter zu konzentrieren, um die sich je eine Gruppe getreuer Reisige kampfesfroh zusammenschaarte. Hie Fenchtwang, hie Grunwald l So lautet der Feldrnf, mit dem die Knappen zum endgiltigen Kampfe ansziehen und den Sieg an ihre Fahne heften wollen. Die Vertrauensmänner freilich dursten reden, aber stimmen dürfen 'sie nicht. Auch dies will das Statut. Reden und stimmen darf nur der Vorstand.- Er hat das letzte, hat das entscheidende Wort. Ihm steht es zn, die Volkesstimme zu hören, aber auch zn — überhören; denn er handelt autonom und nach eigener Ueberzengung. Schwer genug ist ihm die Entschließung gemacht. Beide Anwärter sind in den Jahren ihrer hiesigen Tätigkeit an ihrer heiligen, hohen Aufgabe ersichtlich ins Große gewachsen; beide hervorragend als Meister des Wortes und des Schrifttums. Der Eine gekrönt mit dem Lorbeer profunden Wissens, mit dem er die Höhen philosophischer Denker erklommen, die histvriographischeu Geschehnisse unserer Kultur erfaßt; der Andere ein schillernder, sprühender Geist, der in das Dickicht Verstricktester Probleme eingedrungen, bahnbrechend der Pädagogik und ihrer heiklen Zielen gedient hat. Wer wird, wer soll es sein? Oder sollen wir nicht lieber froh sein, daß wir gleich zwei von solcher Sorte haben?! ... Wien, am 1. Juli 1913. Rilnalmordbeschnldigimgen. Was die Zivilisation des XX. Jahrhunderts nicht alles mit sich bringt. Du kannst rauben, morden und plündern, es geschieht dir nichts, aber, ein Jude darfst du nicht sein und wissen mußt du, daß es, Gott sei Dank, noch verhaßte Inden auf der Welt gibt, und verstehen mußt du es, mit echt gläubiger Geschicklichkeit das von dir begangene Verbrechen in das Schnldbnch des verhaßten jüdischen Volkes einzuschmuggeln. Und nicht nur, daß dir nichts geschieht, sondern du wirst ein Held, ein Verkünder der großen Zivilisation des XX. Jahrhunderts. ' Wahrlich, diese neue Zivilisation könnte uns Juden zum Lachen reizen, wenn sie nicht schon so liefe Wunden unserem Volkskörper geschlagen hätte. Wohin das sichren soll? Es ist sehr schwer für uns, in dieser schwarzen Zeit darauf eine Antwort zn geben. - Die Affairen Hilsner und Beilis sind zur Genüge bekannt und weil diese zwei Ritnalmordprozesse der letzten Zeit selbst in dem dunkelsten Dorfe Rußlands als Justizverbrechen betrachtet werden, und weil die Mordbnben die Ueberzengung haben, daß es mächtige Faktoren gibt, die nicht abgeneigt sind, ihre Verbrecherlaten ans Unschuldige, dafür aber viel mehr Gehaßte, abzuwälzeu, benützen sie die glänzend günstige Gelegenheit der neuesten Zivilisationsepoche und morden und ranben und plündern auf das Konto des unschuldigen jüdischen Volkes. Fast tagtäglich dringen §n uns solch schauderhafte Fälle von weit und breit und von überall, wo nur Verbrecher ihre Mordwaffen schleifen. Kaum ist verklungen die saubere Geschichte des „Heiligen" aus Kolin, dringen schon zu uns frische, aber immer gleiche Fälle von anderwärts. Bald ist es in Böhmen, bald in Galizien, und von Rußland brauchen wir gewiß nicht auf solche Nachrichten lange zn warten. Gerade in der vergangenen Woche brachten die jüdischen Zeitungen aus Rußland folgender Fall : Nach Kelm (Kowner Gonv.)kam vom Markt in Schawel ein Christ und logierte sich in einer polnisch-christlichen Bierhalle zum Nächtigen ein. Der Gast hatte eine Summe von mehreren .Hundert Rubeln bei sich. Das bemerkte auch der Eigentümer der Bierhalle. Um 2 Uhr nachts ermordete er mit einem schweren Eisen seinen Gast, beraubte ihn, und um den Verdacht von sich abznlenken, schleppte er den Ermordeten . . . wohin? Selbstverständlich zn seinem Nachbarn, dem jüdischen Bierhallenbesitzer und bettete den Toten schön ruhig vor die Türe der jüdischen Bierhalle. In aller Früh bemerkte ein vorübergehender Christ den toten Körper und schlug.Lärm. Daß . der jüdischen Bevölkerung des -Städtchens diese Geschichte zum Verhängnis werden konnte, ist schon dadurch zn begreifen, daß der christliche Mörder und Bierhallenbesitzer in eigener Person mit großem Eifer im ganzen Städtchen kolportiert hat und der christlichen Bevölkerung einzureden versuchte, daß da ein Ritualmord vorliegt. Glücklicher-

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