Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-06-27 · Heft 25 (27.6.1913) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 25 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063699--08541-3075716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

.Seite 6. Die Wahrheit Nr. 25. Ueberhebnng des Judeütnmes", einen Artikel, der-die Auffassung vertritt, daß der Kaiser bei seinem jetzigen Jubiläum gerade um deswillen gefeiert-wird, „weil er sich hat abzerren lassen vom Verstehen der Seele unserer unseres Volkes".. So wirksam und so begeisteruugsfrendig pflegt die Kerntruppe des.Nationalismus und Antisemitismus die monarchische -Treue und Liebe im Volke! . , Znr«ckn»eitnug antisemitischer Angriffe im deutschen Reichstage. In der Sitzung des deutschen Reichstages vom 30. Juni ereignete sich ein interessanter Zwischenfall, indem nämlich der klerikale Abgeordnete Erzberger auf eine antisemitische Schimpfrede des Abgeordneten Werner besonders scharf entgegnete. Werner, ein Angehöriger, der kleinen antisemitischen Reichstagsfraktion, wendete sich während der Debatte über die Wehrvorlage gegen die Anstellung jüdischer Offiziere und sprach den Inden die Eignung für den Militärdienst ab. Es befänden sich unter ihnen auch viele revolutionäre Elemente. Den linksstehenden Parteien des Hauses warf Werner vor, daß sie für solche Fragen kein Verständnis hätten, weil sie zu sehr von Inden durchsetzt seien. Werner behauptete auch, von dem Abgeordneten Erzberger antisemitische Aeußernngen gehört zu haben. Zn seiner Entgegnung sagte Erzberger n. ä.: Diejenigen Herren, die den Antrag, auf völlige Gleichberechtigung der Konfessionen im Heere eingebracht haben, sind mit keinem Wort irgendwie den Anhängern einer christlichen Konfession zu nahe getreten. Daher hat auch kein Angehöriger einer christlichen Konfession einen Anlaß, die andere Glaubensgemeinschaft anzugreifeu. (Sehr richtig!) Wenn ich als Angehöriger der katholischen Konfession und wenn Sie, Herr Werner, als Angehöriger der evangelischen Kirche Respekt und Achtung vor Ihrer religiösen Ueberzeuguug verlangen, dann muß Sie das schon , abhalten, in dieser Weise die religiöse Ueberzeuguug Andersgläubiger anzugreifen. (Lebhafte Zustimmung.) Es muß um eine Sache äußerst schlecht stehen, die mit solchen Mitteln verteidigt wird, wie sie hier der Abgeordnete Werner angewandt hat. (Lebhafter Beifall.) Ich protestiere mit aller Entschiedenheit dagegen, wenn Herr Werner sagt, ich hätte manchmal antisemitische Aeußernngen getan, das habe ich nie getan und das werde ich nie tun, weil schon mein Geschmack mich daran hindert, jemand zu schmähen, der einer anderen religiösen Ueberzeuguug zuneigt. (Lebhafter Beifall.) Eilt wirklich religiöser Christ muß auch den jüdischen Mitbürgern im deutschen Vaierlande dieselbe Achtung und denselben Respekt eutgegenbringen, die er für seinen Glauben verlangt. Darin stimme ich allerdings dem Abgeordneten Werner durchaus bei, daß scharf zu verurteilen sind diejenigen Inden, die wegen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Vorteile dem Glauben ihrer Väter ohne innere Ueberzeugnng entsagen. Diese Verurteilung gilt aber auch allen denen, die einen solchen Mann, der nur aus äußeren Gründen seine Religion verleugnet, die Tore öffnen, die ihm bisher verschlossen waren. (Lebhafte Zustimmung.) Nach der deutschen Reichsverfassung ist jeder Bürger gleichberechtigt, auch jeder Jude. (Beifall.) Indisch-theologische Fakultät in Frankfurt. Unter diesem Titel veröffentlicht Professor Martin Rode tu den „Süddeutschen Monatsheften" folgenden höchst bemerkenswerten Artikel: Protestantismus und Katholizismus haben ihre theologischen Fakultäten, das Judentum hat keine. Frankfurt wäre berufen, diesem Mangel abznhelfen. Aber alles Oertliche lasse ich beiseite. Nur über das grundsätzliche Bedürfnis einer solchen Stiftung will ich reden. Das Bedürfnis müßte ja zunächst von jüdischer Seite empfunden werden^ Meine Erfahrung bat mich gelehrt, daß es da nicht in dem Maße vorhanden ist, wie ick dachte. Die jüdische Theologie, klagt ohne Unterlaßt daß? sie von der christlichen Theologie nicht genug beachtet -würde; / ein ruhiges Mueinauderarbeiten an gemeinsamen Problemen findet .nicht statt; berührt man. sich, so geschieht, es nicht ohne Gereiztheit oder Geringschätzung. Aber in Wirklichkeit ist es nicht zu verwundern, wenn die. Wissenschaft des Judentums eine Winkelstellnng ein? nimplt, so lange sie nicht.an den Universitäten frei und öffentlich gelehrt wird, jedermann zugänglich. Ein Lehrstuhl für Talmud an der philosophischen Fakultät ändert aber diese Winkelstellnng noch nicht.-Dadurch kommt nicht zum Ausdruck, daß das Juden? tum heute eine lebendige Religion ist von 600.000 Reichsdeutschen, hinter denen, in der Welt eine Gemeinde von über elf Millionen steht. Ks ist ein Lehrstuhl für Historie, für Wissen nur von einer Vergangenheit. Was die 600.000 Inden von den meisten deutschen Reichsbürgern unterscheidet, ist ihreReligion. Oder ist es die Nationalität, ist es die Rasse? Es sind heute Zionisten und Antisemiten bereit, das zu bejahen.Aber man-wird die Aufgabe, die das Judentum uns im Deutschen Reiche stellt, nicht dadurch lösen, daß man die Inden als Fremdvolk ansieht und behandelt. Ebensowenig wird es sich in absehbarer Zeit in der deutsch-christlichen Masse auflösen. Dagegen ist anerkannt, daß es. innerhalb unserer Gesamtknltnr einen über.die Ziffer mit seinem Einfluß weit hinansreichenden Faktor bedeutet. Dieses Faktors und dieser Bedeutung hat die deutsche Nation, hat die deutsche Wissenschaft, hat der deutsche Staat sich zu bemächtigen. Und er kann ihm,'erkennend und bildend, nur bekommen von seiten seiner Religion als seines reinen Eigenbesitzes. Das müssen beide Teile wünschen, Juden und-Christen. Natürlich muß eine Fakultät genügen. Und zwar im Anschluß an eine christliche. Denn es wird gär nicht so einfach sein, sie sofort vollständig zu besetzen. Altes Testament, Talmud (rabbinische Literatur), Geschichte des Judentums, systematische Theologie (Religiousphilosophie und Religionsgeschichte), Praktische Theologie — das wären die fünf Lehrstühle: auf den für praktische Theologie könnte man von Uuiversitäts wegen verzichten, wenn der Anschluß an die kirchliche Praxis irgendwie gefunden würde. Die jüdische Gelehrtenzunft von heute wäre damit vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Sie könnte zeigen, was sie leistet. Hie Rhodus, hie salta. Die jüdische Kirche träte vor das Licht der. vollen Oeffentlichkeit wie noch nie. . Irre ich nicht, so hat einst Abraham Geiger in diesem Sinne mit dem Minister Eichhorn verhandelt, ehe er die jüdische Lehranstalt in Berlin ins Leben rief. Neuerdings hat Hermann Cohen in einem Jubiläumsartikel zur Jndenemanzipation in Preußen Gleiches gefordert. Der Staat muß die Wohltat der Emanzipation voll machen, indem er die jüdische Religion mit in den Bereich seiner Knlturaufgaben einbezieht. „Es darf ihm nicht genügen, über die Verwaltung unserer Gemeinde die Aufsicht zu sühren, noch auch durch Beihilfen da einzntreten, wo in kleineren Gemeinden der Religionsunterricht in Frage gestellt wird." Die volle wissenschaftliche Pflege, Vertiefung und Fortentwicklung bei den von ihm anerkannten Religionsgemeinschaften ist Sache des politisch aufgeklärten Staates. Cohen fordert daher im Namen seiner Glaubensgenossen: „daß an den Universitäten von wissenschaftlich -freien Bekennern unseres Glaubens die Wissenschaft des Judentums vertreten würde". Mau hat das „wissenschaftlich frei" nicht im Sinne einer liberalen Reformpartei zn verstehen, sondern im Sinne der Selbstverständlichkeit daß an die Universität natürlich nur Theologen gehören, die, ob „liberal" oder „konservativ", mit den Grundsätzen einer freien Wissenschaft ihrem Gegenstände gegenüber Ernst machen: Ob der heutige Staat so etwas tun wird? Und unter den vielen deutschen Kultnrstaaten welcher? Seiner Größe und Macht nach wäre der preußische Staat dazu berufen. Aber er wird schwerlich die. Kraft zu einem solchen Vorgehen besitzen. Immerhin, ausgesprochen muß werden, was sein soll. Und wenn wir wirklich in eine Epoche neuer Universitätsgründungeu eiutreten sollten, obendrein unter starker privater Initiative, ist es umso mehr an der Zeit. Irgendwo zündet der Funke eines richtig gedachten. Gedankens. Wir fordern die jüdisch-theologische Fakultät im Interesse einer deutschen Klllturnation. Konfessionell

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.